Je seltener, desto kostbarer. Eine Familie in Daejeon, Südkorea, feiert den 100. Tag ihrer Tochter.

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Mit Highspeed in die Stagnation: So sieht Südkoreas Zukunft aus. Das Land hat sich nach dem Koreakrieg in atemberaubendem Tempo von einem Armenhaus zu einem wohlhabenden Industrieland entwickelt. Spitzentechnologie, Exporte und eine produktive Bevölkerung waren wichtige Zutaten für diesen Erfolg. Doch der Aufstieg ist zu Ende. Dem Land fehlen Kinder. Die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter hat zu sinken begonnen. Das ist prinzipiell nicht ungewöhnlich für ein Industrieland. Japan und viele Staaten in Europa sind mit ähnlichen Tendenzen konfrontiert. Doch die Entwicklung schreitet nirgendwo so rasant voran wie in Südkorea.

Das ist nicht das Einzige, was Hyun-chul Kim und Myung-jun Song Sorgen bereitet, wenn sie aus ihrem Bürofenster hoch oben in bester Zentrumslage in Seoul blicken. Die beiden Beamten gehören einem vom Staatspräsidenten eingesetzten Komitee an, das schon vor Jahren Strategien gegen die Überalterung der Gesellschaft ausgearbeitet hat: Südkorea hat seit 2006 Fünfjahrespläne aufgelegt, mit dem Ziel, die Geburtenrate zu steigern. Der Fokus lag zunächst darauf, Familien sozial abzusichern. Südkorea hat keine Tradition als Sozialstaat, und lange Zeit gab es kaum Familienleistungen. Um das Kinderkriegen zu fördern, wurde ein Kindergeld eingeführt. Die Geburtenrate sank weiter. Dann wurde versucht, Frauen die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen.

Gescheiterte Versuche

Gratiskindergärten wurden geschaffen. Nach europäischem Vorbild wurden für Frauen und Männer die bezahlte Elternkarenz und ein Papamonat eingeführt. Die Geburtenrate fiel wieder.

Dabei war die Entwicklung in Südkorea lange Zeit nicht auffallend gewesen. In den 1960er-Jahren, als Südkorea ein Entwicklungsland war, bekam eine Frau im Schnitt sechs Kinder. Viele Jahrzehnte warb der Staat dafür, dass die Menschen weniger Nachwuchs zeugen sollten. Die Geburtenrate ging zurück. Um die Jahrtausendwende fingen die Südkoreaner an, extrem wenig Kinder zu bekommen. Alle Vorhersagen, wonach sich dieser Trend wie in anderen Industrieländern stabilisieren würde, erwiesen sich als falsch. Heute bekommen Frauen in keinem anderen Industrieland so wenig Nachwuchs wie in Südkorea: Im Schnitt waren es 2018 0,95 Kinder pro Frau. In Österreich sind es 1,5 Kinder pro Frau.

Frauen in Südkorea bekommen im Durchschnitt nur 0,95 Kinder.
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Die Folgen dieser Entwicklung untersucht der Ökonom Chulhee Lee, der an der Seoul National University forscht. "Weil die Überalterung so rasant stattfindet, entsteht in fast allen Gesellschaftssphären ein enormes Ungleichgewicht", sagt der Ökonom. Am Arbeitsmarkt rücken zu wenige Menschen nach, was sich auf das Wachstum durchschlage. Der technologische Fortschritt sei zu langsam, die fehlenden Arbeiter ließen sich mit höherer Produktivität nicht kompensieren.

Die Zahl der Alten steigt zugleich stetig an. Aktuell ist Japan das Land, wo im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Menschen über 60 Jahre leben. Südkorea wird Japan in den kommenden Jahrzehnten überholen. "Woher sollen die Ärzte und Pfleger für die Senioren kommen? Niemand weiß es", sagt Lee.

Altersarmut weit verbreitet

Hinzu kommt, dass in Südkorea Altersarmut weitverbreitet ist – die Pensionen sind niedrig. Wenn mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt fallen und von geringen Pensionen leben, wird sich das negativ auf den Konsum auswirken. Dann werden Soldaten für das Militär fehlen – auf der koreanischen Halbinsel herrscht weiter Kalter Krieg zwischen Nord und Süd.

Manche Probleme klingen nach Zukunftsmusik, zwingen aber Unternehmen bereits zur Umstellung. Hyundai Elevator, der Liftkonstrukteursarm von Hyundai, glaubt, mit dem Bau neuer Lifte nichts mehr verdienen zu können. Weil die Bevölkerung nicht mehr wächst, wird auf Jahrzehnte hinaus weniger gebaut werden.

Eine Möglichkeit, die Situation zu entschärfen, wäre Migration. So lautete die Antwort vieler europäischer Länder auf vergleichbare Herausforderungen. Doch die südkoreanische Gesellschaft ist gegenüber Migranten abgeschottet, wenn auch nicht so stark wie die japanische. Ein funktionierendes Einwanderungssystem existiert nicht. Es gibt zaghafte Versuche der Regierung, das zu ändern und mehr Arbeitskräfte aus Südostasien, Thailand oder Vietnam anzulocken.

Migration als Patentrezept?

Doch selbst wenn Südkorea eine Einwanderungsstrategie entwickeln würde, könnte es Jahrzehnte dauern, bis so eine Strategie greift. Und die Konkurrenz wächst: Japan bemüht sich, angetrieben durch die Alterung im Land, selbst um Arbeitskräfte aus dem Ausland. Das Pensionsantrittsalter anzuheben würde die Situation entspannen, am Problem aber wenig ändern.

Was also würde Familien dazu bringen, mehr Kinder zu bekommen? Diese Frage führt zu Hye-yeong Kim. Sie leitet ein Institut, das in Einrichtungen landesweit Beratungen anbietet. Sie erzählt, dass die staatlichen Interventionen zur Anhebung der Geburtenrate nicht vergeblich waren. Verheiratete Südkoreaner bekommen heute mehr Kinder. Aber: Südkoreaner heiraten seltener. Heute ist die Hälfte der 20- bis 49-Jährigen verheiratet. Im Jahr 2000 lag diese Quote noch bei 70 Prozent. In der südkoreanischen Gesellschaft herrscht die Überzeugung vor, dass nur Verheiratete Kinder bekommen sollen. Im Vergleich zu Europa ist die Zahl der Kinder, die unverheiratete Frauen bekommen, minimal.

In Südkorea steigt die Zahl der Alten an – Nachwuchs gibt es hingegen kaum.
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Kim erzählt, dass es Frauen sind, die nicht heiraten wollen. In Südkorea ist Loyalität und Verehrung der Familie einer der zentralsten Werte. Im vom Konfuzianismus geprägten Land ist Konformität zentral. Frauen sollten sich zu Hause um die Familie kümmern. Das war lange das dominierende Bild. In den 1990er-Jahren hat ein Wandel eingesetzt, sagt Kim. Mehr und mehr Frauen wollten einen individuellen Weg gehen, erfolgreich sein und arbeiten. Das sei oft damit unvereinbar, eine Familie zu gründen, weil viele Männer die Entwicklung nicht mitgemacht haben und bis heute wollen, dass Frauen zu Hause bleiben.

Dieses Ungleichgewicht existiert in vielen Ländern. Doch laut der Industriestaatenorganisation OECD ist in Südkorea die Lastenverteilung besonders einseitig: Männer arbeiten zum Beispiel extrem wenig im Haushalt mit.

Im "Geburtenstreik"

Hinzu kommt Diskriminierung in der Arbeitswelt. Der Economist bewertet die Chancen für Frauen in einer Gesellschaft regelmäßig in einem Ranking: Dabei wird berücksichtigt, wie hoch Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen sind, wie oft Frauen in höhere Managementpositionen aufrücken. Südkorea liegt von 29 untersuchten Ländern auf dem letzten Platz, was Gleichstellung betrifft.

Südkoreanische Frauenrechtlerinnen wie In-sook Kwon, die das Fraueninstitut in Seoul leitet, das zu Genderfragen forscht, sagt sogar, dass Frauen in einen "Geburtenstreik" getreten sind: Sie wüssten, dass sich ihre Benachteiligung durch eine Heirat tendenziell noch verstärken würden, weshalb viele nicht mehr heiraten und keine Familie gründen. "Aus Sicht der Frauen ist es ein gutes Zeichen, wenn sie Widerstand leisten", sagt Kwon.

Frauen im Geburtenstreik

Ist die niedrige Geburtenrate also nur eine Folge des Kampfes um Gleichberechtigung? Diese Interpretation dürfte zu weit gehen. Nicht in allen Genderrankings liegt Südkorea auf dem letzten Platz, bei manchen OECD-Bewertungen schneiden Länder mit höherer Geburtenrate schlechter ab. Andere Faktoren müssen dazukommen.

Der Ökonom Chul-hee Lee sagt, dass Stress, der durch das Bildungssystem ausgelöst wird, als weiterer Erklärungsfaktor dazukommt. Wer Kinder bekommt, muss viel Geld in ihre Ausbildung stecken. Das südkoreanische Bildungssystem ist extrem auf Wettbewerb aus. Das schrecke viele davon ab, Kinder zu bekommen. Hinzu kommen Sorgen vor dem sozialen Abstieg als weiterer Grund, wie er sagt. Wer in großen Konzernen wie Samsung oder LG arbeitet, sei gut abgesichert, Kündigungen seien traditionell selten. Ein großer Teil der Südkoreaner arbeite aber in Kleinunternehmen, erzählt Lee, mit befristeten Arbeitsverträgen. Diese Menschen leben mit mehr Unsicherheit, was dem Kinderkriegen im Weg steht.

Auch Gratiskindergärten sorgten nicht für mehr Nachwuchs.
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Und: Südkoreaner arbeiten extrem viel, laut Statistik mehr als in anderen Industrieländern, da bleibe wenig Zeit für Familiengründung. Die Benachteiligung von Frauen, der Makel, unverheiratet ein Kind zu bekommen, führen zu Ablehnung, Stress durch das Schulsystem und die Arbeitswelt: Das ist der Mix, der zur niedrigen Geburtenrate geführt hat.

Politisch hat diese Erkenntnis Niederschlag gefunden. Statt wie bisher zu versuchen, die Geburtenrate zu heben, propagiert die Regierung des 2017 angetretenen linksliberalen Präsidenten Jae-in Moon als neue Strategie Lebenszufriedenheit. Die Südkoreaner sollen glücklicher gemacht werden – das werde dazu führen, dass mehr Kinder kommen. So will man das negative Image von Frauen ändern, die unverheiratet ein Kind bekommen. Die Sozialleistungen für Familien sollen ausgebaut werden. Mit einem vor kurzem erlassenen Gesetz will die Regierung die Zahl der Arbeitsstunden auf 52 pro Woche begrenzen. Das dient einer besseren Work-Life-Balance.

Ob die Maßnahmen greifen werden und wann das sichtbar wird, weiß heute niemand. Gesellschaftliche Veränderungen finden nur selten mit Highspeed statt. (András Szigetvari, 30.12.2019)