Der Whistleblower Edward Snowden, der 2013 den NSA-Überwachungsskandal aufdeckte, prägte die gesellschaftliche Debatte der Zehnerjahre: Seine Autobiografie "Permanent Record" erschien 2019.

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"Demokratische Helden setzten sich für Freiheit und Menschlichkeit ein. Ihre Stärke tut uns gut, färbt auf uns ab", meint Dieter Thomä.

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In aufgeklärten Demokratien ist die Heldenverehrung schwer in Verruf geraten. Immer häufiger fällt das Wort vom "postheroischen Zeitalter", immer eifriger werden Helden, kaum ausgerufen, wieder vom Sockel gestoßen. Der Philosoph Dieter Thomä hält davon wenig und setzt mit seinem Buch Warum Demokratien Helden brauchen – Plädoyer für einen zeitgemäßen Heroismus (Ullstein, 2019) zu einer Gegenrede an. Das abgelaufene Jahrzehnt, meint er, sei jedenfalls "kein postheroisches" gewesen: "Im Gegenteil".

STANDARD: Wie wird man denn ein Held, eine Heldin?

Thomä: Helden und Heldinnen bringen sich in Gefahr, sie setzten sich Bedrohungen aus, sie lehnen sich aus dem Fenster. Sie tun das aber nicht, weil sie auf einem Egotrip sind, sondern weil sie nach etwas streben, das über sie selbst hinausgeht. Und sie heben sich aus der Masse heraus, werden ein Kristallisationspunkt für Sehnsüchte und Ideale. Wir treiben also ein heikles Spiel, denn damit ist immer auch die Idee der Gleichheit infrage gestellt.

STANDARD: Sie wenden sich in Ihrem Buch trotzdem gegen das Herbeireden eines postheroischen Zeitalters. Ist es nicht ein Zeichen von Aufgeklärtheit, dass man Helden heute kritisch beäugt?

Thomä: Es ist interessant, dass uns Erwachsenen das Heldentum ausgeredet werden soll und wir zugleich eine Schutzzone dafür bei unseren Kindern aufrechterhalten. Wir erlauben dem Kind ein Aufschauen zu Figuren, die größer sind als es selbst. Ich glaube, dass es auch uns Erwachsenen guttut, sich das zu erhalten. Friedrich Nietzsche hat gesagt: Wirf den Helden in deiner Seele nicht weg! Es geht um die Lust, an einer Herausforderung zu wachsen. Stattdessen ist es heute ein beliebtes Gesellschaftsspiel geworden, dass man Helden vom Sockel stößt. Mit herausragenden Figuren fremdelt man, während Pizzaboten als Lieferhelden gefeiert werden. Das halte ich für gefährlich.

STANDARD: Gefährlich wofür?

Thomä: Für die Demokratie. Weil das Bild einer Gesellschaft, in der es keine Helden mehr gibt, dem Bild einer Komfortzone entspricht, in der alle großen Herausforderungen entschwunden sind. Die Demokratie ist aber keine Komfortzone. Demokratie ist nie statisch, sie verwandelt sich, wird jeden Tag neu gelebt, bestätigt. Es führt auf den falschen Pfad, wenn wir uns eine Demokratie denken, in der nichts mehr passiert außer der Verwaltung des Bestehenden.

STANDARD: Das heißt, der demokratische Held stellt als notwendiger Störenfried die Lebendigkeit der Demokratie sicher?

Thomä: Das ist nur ein Element. Ein anderes ist, dass sich er oder sie auch für die Verteidigung der demokratischen Strukturen einsetzt. Es gibt Helden der Verwandlung und der Überwindung, es braucht aber auch Helden der Verfassung und der Verteidigung. So oder so setzen sich demokratische Helden für Freiheit und Menschlichkeit ein. Ihre Stärke tut uns gut und färbt auf uns ab. Wenn wir die Helden aus der Demokratie verjagen, laufen wir Gefahr, dass wir die Heldenbewunderung jenen überlassen, die damit ein demokratiefeindliches Spiel betreiben.

STANDARD: Wer gehört für Sie zu den demokratischen Helden, die das vergangene Jahrzehnt geprägt haben? Von Edward Snowden bis Greta Thunberg?

Thomä: Im letzten Jahrzehnt gab es erstaunlich viele Helden. Wenn wir über die westliche Welt hinausblicken, beginnt ihre Geschichte vielleicht 2010 mit dem tunesischen Obsthändler Mohamed Bouazizi, der mit seiner Selbstverbrennung aus Protest gegen die Diktatur den Arabischen Frühling lostrat. Auch im Westen gab es viele Belege dagegen, dass wir in einer heldenfreien Komfortzone leben. Edward Snowden sticht natürlich heraus. Er kritisiert den amerikanischen Status quo, indem er Staatsgeheimnisse verrät. Er beruft sich dabei aber auf den Geist der Verfassung, den Schutz der Person vor Überwachung. Das Land dankt es ihm, indem es ihn als Verräter verfolgt. Man sieht: Helden sind immer umstritten.

STANDARD: Das Phänomen Thunberg halten viele für eine PR-Show der Eltern des Mädchens.

Thomä: Ich bezeichne sie gern als Heldin in der Probezeit. Die Wunschmaschinen der modernen Mediengesellschaft sind in der Lage, einzelne Figuren sehr rasch auf einen Sockel zu heben. In diesem Zusammenspiel kommt es dann immer darauf an zu fragen: Wer ist der Treiber der Entwicklung? Inwiefern ist Greta Thunberg Getriebene, und inwiefern treibt sie die Sache selbst an? Thunbergs Heldinnenstatus wird sich daran messen, wie sie künftig mit diesen zahlreichen Projektionen, die auf sie gerichtet sind, umgehen wird. Zu Helden gehört jedenfalls eine gewisse Nachhaltigkeit und Standhaftigkeit.

STANDARD: Weltpolitisch prägte das Jahrzehnt der Wechsel der US-Präsidenten von Barack Obama zu Donald Trump. Ihrer jeweiligen Klientel gelten beide als Helden. Sind sie das wirklich?

Thomä: Am eindrucksvollsten ist es, wenn Helden eine Sache vertreten, die über allen Zweifel erhaben ist, die für die Menschheit als Ganzes steht. Das ist ja auch ein Grund, warum Greta Thunberg so viel Sympathie entgegengebracht wird. Bei Politikern ist es fast unmöglich, dass sie nicht in irgendeiner Form parteiisch sind, daher sprechen sie meist nur für einen Teil der Bevölkerung. Erst recht gilt das für US-Präsidenten.

STANDARD: Wie konstruieren sie ihren jeweiligen "Heldenstatus"?

Thomä: Obama hat die Beziehung zwischen ihm und seinen Anhängern stets mit dem Wort "Wir" – "Yes we can", "We are the ones we’ve been waiting for" – belebt. Also die Botschaft: Ja, er sticht heraus, aber er tut dies als "einer von uns". Bei Trump wird die Beziehung zwischen ihm selbst und den Anhängern immer mit dem Wort "ich" belegt. Kein Präsident vor ihm hat öfter das Wort "ich" gebraucht. Bei ihm lautet die Botschaft: "Ich bin der Einzige, der den Karren aus dem Dreck ziehen kann." Trump benutzt das Denkmuster undemokratischer Helden: Ich bin stark, die anderen sind schwach. Ich allein mache Amerika wieder groß.

STANDARD: Populisten wie Trump oder Ex-FPÖ-Chef Strache pendeln oft zwischen Opfer- und Heldenrolle. Wie hängt das zusammen?

Thomä: Zunächst muss man allgemein beobachten, dass der Opferstatus in unserer Gesellschaft enorm populär geworden ist. Der große Vorzug eines Opfers ist der, dass es moralisch über allen Zweifel erhaben ist. Das Problem ist, dass es einen Missbrauch des Opferstatus gibt von jenen, die sich als Opfer inszenieren. Für Populisten bedeutet das den Vorteil, dass sie enorme Drohkulissen aufbauen können: Sie sehen sich als Opfer von Verschwörungen, als Ausgegrenzte. In einer gemeinsamen Opferfantasie können sich dann all jene damit identifizieren, die das Gefühl haben, zu kurz gekommen zu sein.

STANDARD: Häufig wird eine Parallele zwischen Rechtspopulisten und Islamisten gezogen, die beide dem Jahrzehnt ihren Stempel aufdrückten. Sehen Sie einen Zusammenhang?

Thomä: In der Psychologie des Fundamentalisten und des Populisten gibt es Ähnlichkeiten: Die Tatkraft schöpft sich aus dem Gefühl, ein Opfer zu sein. Und es gibt das Phänomen des Sich-Abschließens in hermetische Welten. Ein Pamphlet des IS trug den Titel "Auslöschung der Grauzone". Damit war gemeint, dass die Moslems in Europa jede Art von Vermischung von Identität bekämpfen sollten. Diese Forderung nach homogenen Identitäten sehe ich beim Rechtspopulismus auch.

STANDARD: Straches Karriere erzählt auch die klassische Geschichte vom Emporkömmling, der an seiner eigenen Selbstüberschätzung scheitert. Für seine (Ex-)Verehrer ist er ein "gefallener Held".

Thomä: Der Mechanismus, dass Menschen hochgejubelt werden und dann tief fallen, ist enorm verbreitet. Etwa auch bei Spitzensportlern. Der klassische sogenannte gefallene Held war der im Krieg Gefallene, der sich damit für die Märtyrerrolle empfohlen hat. Es gibt aber auch den gefallenen Helden, der fällt, weil er einen Fehler begangen hat. Bei Strache tobt ein Deutungsstreit: Er selbst und seine Anhänger interessieren sich für die Märtyrerrolle, ich glaube aber doch, dass sich die andere Deutung durchsetzen wird.

STANDARD: Heute ist oft die Rede von den "Helden des Alltags". Können Sie damit etwas anfangen?

Thomä: Es gibt Gelegenheitshelden, Menschen, die in bestimmten Situationen über sich hinauswachsen: Lebensretter, Whistleblower. Sie kommen zwar aus dem Alltag, verlassen diesen aber in einer bestimmten Situation. Sie bewähren sich in Momenten, die eben nicht alltäglich sind. Dann gibt es aber auch Berufe, die enorm risikobehaftet sind, etwa Bergretter. Das eigene Leben aufs Spiel zu setzen ist für sie Alltag.

STANDARD: Und was ist mit den Superhelden, die das Kino der Zehnerjahre geradezu dominierten?

Thomä: Ich wollte eigentlich eine vernichtende Polemik gegen diese Filme schreiben. Denn der Effekt, den Superhelden haben, ist der, dass wir selbst sehr ohnmächtig dasitzen, beim Popcornessen dick werden und Übermenschen auf der Leinwand zusehen. Gleichzeitig macht der Erfolg dieser Filme deutlich, welche Bereitschaft zur Bewunderung von Helden in uns schlummert. Es gibt also im "postheroischen Zeitalter" ein großes Bedürfnis nach Helden.

STANDARD: Welche Comic-Helden imponieren Ihnen dennoch?

Thomä: Die, die auch eine menschliche, eine schwache Seite haben. Damit bieten sie Identifikationspunkte an. Und es kommt hinzu, dass einige Superhelden in ihrer Entstehung gar nicht als Figuren einer Parallelwelt erdacht wurden, sondern im emanzipatorischen Sinn: Superman wurde von Juden im Kampf gegen Hitler erfunden, Wonder Woman von Feministinnen als Vorbild für die Befreiung der Frau, bei Black Panther ging es darum, den Schwarzen eine Stimme zu geben. Das heißt: Je näher Superhelden an die gesellschaftliche Wirklichkeit heranrücken, desto eher kann man ihnen Positives abgewinnen.

(INTERVIEW: Stefan Weiss, 31.12.2019)