Die Roboterinvasion ist abgesagt – vorerst

Sie werden kommen, sie werden uns überholen, sie werden uns ersetzen und uns die Weltherrschaft entreißen – die Rede ist von Robotern und intelligenter Software, und das schon ziemlich lange. Seit Jahrzehnten befeuern selbsternannte Futuristen waghalsige Visionen vom nutzlos gewordenen Menschen in einer algorithmisch gesteuerten Welt.

Technologische Singularität ist das Stichwort für den Zeitpunkt, zu dem ein Computerprogramm so intelligent wird, dass es seine Erschaffer übertrumpft und damit einen Schlussstrich unter die Jahrtausende setzt, in denen die Menschheit ihre Geschichte selbst schrieb.

Für manche scheint dieser Punkt wohl nah zu sein. Schließlich staunten wir in den letzten Jahren über Maschinen, die plötzlich unsere Sprache verstehen und sprechen konnten. Plötzlich war der Google-Übersetzer nicht mehr nur für Spaß, sondern für ernsthafte Hilfe zu haben. Wir lachten über Apps, die uns älter aussehen ließen, und über Deepfakes von Donald Trump. Wir staunten über Autos, die Testpersonen autonom, zügig und elegant von Tür zur Tür brachten. Aber die dahinterliegenden Algorithmen sind allenfalls praktische Fachidioten – und das werden sie wohl auch 2030 noch sein. Eine allgemeine künstliche Intelligenz ist viel komplizierter. Ihre Geburt, die uns den Computern angeblich untertan machen würde, wurde immer wieder verschoben. Manch Forscher sagte sie gleich ganz ab.

Roboter und Algorithmen werden auch 2030 nur sehr enge Einsatzgebiete haben.
Foto: Reuters/Matthew Stock

Viel gefährlicher als Maschinen, die außer Kontrolle geraten, ist auch in den 2020er-Jahren eine Gesellschaft, die mithilfe von Maschinen außer Kontrolle gerät. Zwar ist ein Gesichtserkennungsalgorithmus verglichen mit dem menschlichen Gehirn noch beschränkt, er könnte aber zur Schlüsseltechnologie für ein weitreichendes Überwachungsregime werden. Zusammen mit einem dichten Netz an Kameras sind lückenlose Bewegungsprofile von jeder einzelnen Person möglich.

Wir können zwar selbst entscheiden, ob wir uns ein Amazon Echo ins Haus holen, in ein selbstfahrendes Auto steigen oder Facebook unsere Daten schenken. Vieles wird aber auf gesellschaftlicher und politischer Ebene entschieden werden: Wie viel Gesichtserkennung lassen wir im öffentlichen Raum zu? Sollen Algorithmen dem Staat dabei helfen, Arbeitslose zu klassifizieren? Verbieten wir die Verwendung von unberechenbaren Hightech-Waffen? Manche autoritäre Staaten haben diese Fragen schon entschieden, in Demokratien können Bürger das Ruder noch herumreißen. (pp)

Weitere Hitzerekorde auf dem Weg zur Klimaneutralität

So viel steht fest: Es wird heißer werden. Im Jahr 2030 könnte die globale Durchschnittstemperatur bereits 1,5 Grad höher sein als zu vorindustriellen Zeiten. Für das Weltklima wird das kommende Jahrzehnt also entscheidend sein. Wenn im Laufe der nächsten zehn Jahre der weltweite Treibhausgasausstoß nicht massiv sinkt, werden wohl eher früher als später sogenannte Kipppunkte überschritten werden. Konkret kann das bedeuten, dass ganze Eisschilde abschmelzen oder der Golfstrom abreißt.

Zumindest in der Europäischen Union hat man sich das Ziel gesetzt, bis Mitte des Jahrhunderts klimaneutral zu werden. Das wird wahrscheinlich bedeuten, dass die Mitgliedsstaaten ihre nationalen Klimaziele deutlich nachschärfen müssen. Österreich soll bis 2030 übrigens – allein nach bisherigen EU-Vorgaben – seinen Ausstoß um 36 Prozent im Vergleich zu 2005 reduzieren. Experten gehen davon aus, dass die Republik ihre Emissionen bis Ende des Jahrzehnts allerdings halbieren müsste, um sich auf den Zielpfad laut Pariser Klimaabkommen zu begeben.

Die 2050 müssen die CO2-Emissionen auf 0 sinken. Momentan steigen sie noch.
Foto: APA/dpa/Boris Roessler

Apropos Pariser Abkommen: Dieses wird mit 2021 in Kraft treten. Ob bis dahin wirklich alle Kapitel fertig sein werden, ist noch nicht geklärt. Darüber werden die Unterzeichnerstaaten auf der Klimakonferenz im November in Glasgow diskutieren. Bei dem Gipfel in Madrid kam es zu keiner Einigung.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird auch in den 2020er-Jahren ein Hitzerekord den nächsten jagen. Immerhin wurden in Österreich seit 1995 14 der 15 heißesten Jahre dokumentiert. Ähnliches gilt für die globale Durchschnittstemperatur.

Die Hitze wird vor allem in Städten zu einem wachsenden Problem: Die Zahl der Hitzetoten ist zuletzt stark gestiegen und wird wohl auch im kommenden Jahrzehnt weiter zunehmen. Und auch die Zahl und Intensität von Extremwetterereignissen dürfte steigen, wenn man die Entwicklungen der letzten Jahre als Prognose heranzieht. Das bedeutet auch, dass mehr Menschen unten den Folgen von Dürre, Stürmen oder Hochwasser leiden werden. Auch der steigende Meeresspiegel wird im nächsten Jahrzehnt zu einem größeren Problem werden – und wahrscheinlich Tausenden Menschen den Lebensraum rauben. All diese Folgeerscheinungen der Erderwärmung könnten letztlich auch dazu führen, dass neue Fluchtbewegungen entstehen. (lauf)

Mehr Mobilität und bedrohte Demokratien

Bis 2030 werden 700 Millionen Menschen mehr auf der Erde leben, am Ende des kommenden Jahrzehnts werden wir damit rund 8,5 Milliarden Erdbewohner sein. Dank eines klügeren und nachhaltigeren Umgangs, vor allem mit nachwachsenden Ressourcen und erneuerbaren Energien, geht es sich aber immer noch leicht aus, dass alle ausreichend versorgt sind – so die schöne Theorie. In der Realität werden Menschen die Ressourcen, die zufällig innerhalb fiktiver Grenzen liegen, weiterhin nur gegen eine Gegenleistung "teilen". Da aber auch der seit Jahrhunderten anhaltende Trend in Richtung weniger Blutvergießen anhält, werden diese Konflikte zusehends mit Verhandlungsgeschick anstelle von unbemannten Killerdrohnen gelöst.

Während die menschliche Fähigkeit zur Mobilität immer weiter steigt, wird auf politischer Ebene nach wie vor versucht, diese einzuschränken beziehungsweise zu reglementieren. Neben dem obligatorischen Abtritt sämtlicher Persönlichkeitsrechte beim Grenzübergang gilt auch 2030 noch die Devise: Reisefreiheit gilt eher für Waren als für Menschen. Dabei werden immer mehr Menschen zu einem Wechsel des Aufenthaltsorts gezwungen sein. Manche, weil der voranschreitende Klimawandel bestimmte Regionen unbewohnbar macht, viel mehr aber noch, weil die Veränderungen in der Natur ihnen die wirtschaftliche Lebensgrundlage entziehen. Und eine privilegierte Elite wird migrieren, weil sie in hochtechnologisierten Berufen fernab der Heimat arbeitet.

2030 werden 8,5 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Sie könnten mobiler sein als je zuvor.
Foto: APA/AFP/LUDOVIC MARIN

Die immer mobiler werdende Gesellschaft wird auch die Debatte um die demokratische Partizipation weiter befeuern. In allen Szenarien über die zukünftige Entwicklung der Migrationsströme müssen sich die Aufnahmeländer mit Wahlrechts– und Staatsbürgerrechten befassen. Eine der großen Fragen des nächsten Jahrzehnts wird es sein, wie man alle Menschen, auch jene die sich vielleicht nur vorübergehend in einem Staatsgebiet aufhalten, an politischen Prozessen beteiligt.

Nicht nur Migration, auch Populismus wird weiter eine Herausforderung für Demokratien bleiben. Zunehmend diverse Gesellschaften stehen konservativ-nationalistischen Tendenzen gegenüber. Und dann wäre da noch die Meinungsbildung, die in den vergangenen Jahren – zusätzlich zu politischen Akteuren und Massenmedien – um das Phänomen der sozialen Netzwerke erweitert wurde. In den kommenden zehn Jahren wird uns die Frage umtreiben, wie viel Raum wir Algorithmen in politischen Entscheidungsprozessen überlassen. (os, faso)

Machtverteilung, neue Jobs, nützliche Assistenzsysteme

Das Büro in der Brille auf der Nase statt den Köper am Schreibtisch in der Firma. Algorithmen, die mühsame, fade Officeroutine abnehmen und sekundenschnell liefern. Assistenzsysteme, die Arbeitsunfälle reduzieren und Menschen für die spannenden Aspekte freispielen. Lernen statt mit Kreide im Seminarraum – spielerisch und selbstbestimmt. Dazu eine Fülle an neuen Jobs in der digitalen Verbindung von Zukunftsdisziplinen wie Technik, Umwelt, Gesundheit mit Jobtiteln, die wir noch gar nicht kennen. Gleichzeitig erleben wir gerade eine Renaissance handwerklicher Berufe und eine Aufwertung helfender Berufe (Stichwort Pflege), weil wir sie einfach dringend benötigen: In den kommenden Jahren werden die schon weit fortgeschrittenen Veränderungen in der Arbeitswelt deutlich sichtbar und erlebbar. Eine Apokalypse ist das nicht.

Die strikte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit wird durchlässiger.
Foto: Pixabay/Picography

Die strikte Trennung zwischen harter Arbeit und süßer Freizeit in einer Berufslaufbahn bis zur Pension wird immer durchlässiger. Die Nomaden zwischen Firmen, Selbstständigkeit und an den Lebensphasen orientierten Erwerbstätigkeiten werden mehr. Und Unternehmen müssen sich mangels Personal wirklich anstrengen, neue Angebote in Sachen Arbeitszeit, -organisation und -ort zu machen. Alte Dogmen brechen, etwa dass Führung in Teilzeit nicht geht oder Anwesenheit gleich Leistung ist. Die Kreise zu ökologischen und sozialen Fragen werden sich aus der Ökonomie heraus schließen.

"Unsere Mitarbeiter sind das höchste Gut" nur in den Werbeprospekt zu schreiben ist vorbei. Die lange schon geführte Sinn- Wertediskussion rückt in das (Über-) Lebenszentrum von Organisationen. Millennials, die so vieles angeschoben haben, die jetzt in führende Positionen kommen, können zeigen, was sie wirklich neu gestalten wollen: Tyrannische, schlechte Chefs als Auslaufmodell ebenso wegpacken wie alte Hierarchien, die nach dem Motto "oben wird gedacht, unten gemacht" regieren, und wirklich diverse, barrierefreie Zugänge zu Arbeit mit Machtverteilung hin zu Menschen schaffen.

Das macht Verteilungsfragen laut, verlangt nach Innovationen abseits technischer Lösungen, das wird kein Roboterkollege "erledigen": Können wir uns weiter leisten, auszusortieren, zu exkludieren nach den Prinzipien zu alt, falsche Herkunft, falsche Schule und Familie? Können wir uns weiter leisten, Abgehängte zu produzieren, die alles, was benötigt wird, halt nicht schnell schaffen in einem Training? Die Antworten lauten klar: Nein. Darin liegen die schönen Chancen. (kbau, 1.1.2019)