Ghosn wird vorgeworfen, Firmenkapital zweckentfremdet und private Verluste auf Nissan übertragen zu haben.

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Justizkreisen zufolge hat der Libanon am Donnerstag über die internationale Polizeibehörde Interpol einen von Japan angeforderten Haftbefehl für den in das Land geflüchteten Ex-Nissan-Chef Carlos Ghosn erhalten. Der Antrag auf Basis einer sogenannten red notice – die die Behörden auffordert, eine gesuchte Person mit dem Ziel der Auslieferung festzunehmen – sei bei internen libanesischen Sicherheitskräften eingegangen.

Laut libanesischem Außenministerium ist Ghosn legal eingereist. Laut Medienberichten hat Ghosn auf der Flucht aus Japan bei seiner Einreise in den Libanon einen französischen Zweitpass genutzt. Der öffentlich-rechtliche japanische Sender NHK berichtete am Donnerstag, ein Gericht habe Ghosn gestattet, seinen Zweitpass zu behalten – so soll ihm die dramatische Flucht gelungen sein.

Flucht mit Sicherheitsfirma geplant

Gegen Ghosn wird in Japan wegen Vorwürfen des finanziellen Fehlverhaltens ermittelt. Er saß rund vier Monate in Haft, war aber im Frühjahr 2018 unter strikten Auflagen und gegen eine Millionenkaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Er wurde während seines Hausarrests streng überwacht. Der Beginn seines Prozesses war für das kommende Frühjahr angesetzt.

Seine Pässe – er hat sowohl die französische als auch die libanesische und brasilianische Staatsbürgerschaft – musste er abgeben. Sein Anwaltsteam beteuert weiterhin, im Besitz von drei Pässen Ghosns zu sein. Doch der frühere Spitzenmanager setzte sich trotz eines Ausreiseverbots Ende Dezember ab – offenbar mit seinem französischen Reisepass. Laut Reuters habe eine private Sicherheitsfirma drei Monate an einem Plan gearbeitet, Ghosn unerkannt außer Landes zu bringen. Mit einem Privatjet sei Ghosn nach Istanbul geflogen worden, bevor es weiter nach Beirut ging.

Im Libanon soll sich Ghosn auch mit Präsident Michel Aoun getroffen haben. Dies berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf zwei Quellen, denen Ghosn selbst von dem Besuch berichtet haben soll. Bei dem Treffen soll sich Ghosn bei Aoun für Unterstützung während seiner Haft in Japan bedankt haben und um Hilfe und Schutz aufgrund seiner aktuellen Situation gebeten haben. Ein Sprecher von Aoun dementierte, dass es das Treffen gegeben hat.

Presse zieht über "feigen" Ghosn her

Ghosns Flucht ist in japanischen Medien scharf kritisiert worden. Die Zeitung "Yomiuri Shimbun" warf dem Ex-Manager Feigheit vor. Durch seine Ausreise habe er "die Möglichkeit aufgegeben, seine Unschuld zu beweisen und seine Ehre zu verteidigen".

Japanischen Medienberichten zufolge haben Polizei und Staatsanwaltschaft eine Untersuchung der Fluchtumstände eingeleitet. Demnach sollen Aufnahmen von Überwachungskameras an Ghosns Wohnsitz und anderen Aufenthaltsorten des 65-Jährigen ausgewertet werden. Am Donnerstagmorgen habe in Ghosns Villa in Tokio eine Razzia stattgefunden. Die Polizei verdächtige mehrere Menschen, Ghosn bei der Flucht geholfen zu haben. Es gibt noch keine offiziellen Stellungnahmen, die Ämter sind wegen der Neujahrsfeiertage geschlossen.

Ermittler untersuchen Ghosns Wohnsitz.
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Festnahmen in Türkei

Die türkische Polizei hat indes sieben Personen, darunter vier Piloten, festgenommen: Das Innenministerium hatte Ende Dezember eine Untersuchung eingeleitet, weil der abgesetzte Nissan-Chef über die Türkei in den Libanon gereist sein soll. Die türkische Grenzpolizei sei nicht über die Ankunft von Ghosn informiert worden, zudem seien weder seine Ein- noch seine Ausreise registriert worden, berichtete die türkische "Hurriyet".

Ghosn, einer der bekanntesten Manager der Welt, sieht sich als Opfer eines "manipulierten" Justizsystems – deshalb sei er geflüchtet, sagte er am Dienstag. Die andauernde Verschleppung seines Prozesses habe den einst gefeierten Automanager Insidern zufolge zur Flucht bewegt. Ghosn habe zudem belastet, dass er nicht mit seiner Frau Carole sprechen durfte.

Fluchtgefahr

Ghosns Verteidiger hatten mehrfach versucht, ihren Mandanten gegen Zahlung einer Kaution freizubekommen. Sie scheiterten zunächst damit, weil die Staatsanwaltschaft Fluchtgefahr sah. Ghosn hatte eine Fluchtabsicht bestritten und erklärt, er wolle sich vor Gericht verantworten, um seine Unschuld zu beweisen. Seine Anwälte argumentierten zudem, er sei viel zu bekannt, um unerkannt das Land verlassen zu können.

Einige Nationen genehmigen Zweitpässe – unter anderem, wenn der Antragsteller in Länder reist, in denen bei der Einreise der Stempel aus einem anderen Land Probleme bereiten kann.

Finanzdelikte

Ghosn war im November 2018 in Japan festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem vor, Firmenkapital zweckentfremdet und private Verluste auf Nissan übertragen zu haben. Ghosn sprach von einer Verschwörung bei Nissan, um ihn loszuwerden. Grund sei, dass er Nissan noch näher an den französischen Autobauer Renault heranführen wollte.

Der Manager war einst in Japan als Star gefeiert worden. Er schmiedete die Allianz zwischen Renault und Nissan und half dem japanischen Hersteller aus der Krise. Er machte beide Unternehmen weltweit erfolgreich. 2016 holte Ghosn auch Mitsubishi ins Boot. Von seinen Spitzenposten bei Nissan und Mitsubishi wurde Ghosn nach seiner Festnahme entlassen. Später trat er auch als Renault-Chef zurück. (red, Reuters, APA, 2.1.2020)