Wenn ich mit meiner Freundin Tina durch Wiens Straßen spaziere, entsteht nervöse Aufmerksamkeit um uns. Die Blicke reichen von interessiert bis unverschämt. Aber warum? Tina ist vor rund 20 Jahren aus New York hierhergezogen und hat dunkle Haut.

"Das afrikanische Dorf – Ruhepause vor der Hütte" wurde dieses Foto in Wien 1910 betitelt.
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Wie Andersaussehende heute wahrgenommen werden, erklärt sich auch aus der Geschichte. Zwar schaffte es Österreich nie, Kolonien in entlegenen Ländern zu gründen, das Begehren nach der Ferne existierte trotzdem. Da die Mehrheit nicht reisen konnte, sollten zumindest exotische Tiere und Menschen herbeigeholt werden. Der Fall des schwarzen Sklaven Angelo Soliman, der in Wien erzogen, herumgereicht und schließlich wie ein Tier präpariert wurde, ist inzwischen bekannt.

Weniger verbreitet ist das Wissen um sogenannte Völkerschauen, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts hier veranstaltet wurden. Durchgeführt wurden diese u. a. von der Firma Hagenbeck, die bis heute den Hamburger Zoo führt. Dessen bisheriger Direktor nahm nach seiner Heirat mit der Ururenkelin des Gründers den traditionsreichen Namen an und heißt nun passenderweise Hering-Hagenbeck. Ab 2020 leitet er den Wiener Tiergarten Schönbrunn.

Vorführung von Menschen

Carl Hagenbeck, Sohn eines Fischhändlers, begann um 1866 außergewöhnliche Tiere vor allem aus Afrika zu importieren und in ganz Europa zu verkaufen. Dann entdeckte er, dass mit der Vorführung von Menschen aus entfernten Kulturen weitaus mehr zu verdienen war. Er begann mit Lappländern samt Rentierherde, darauf folgten Nubier aus dem Sudan. Schließlich präsentierte er Inuit im Berliner Zoo.

Die Ausstellungen wollten sowohl lehrhaft sein als auch den Besuchern besondere Erlebnisse bieten, eine Art Freilichtmuseum mit Bewohnern, welche sich möglichst "natürlich" geben sollten. Damit der Alltag, in dem zuweilen vor Publikum gekocht und gegessen wurde, nicht zu eintönig geriet, standen zusätzlich Schaukämpfe, Gesänge und Tänze auf dem Programm.

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Später wurde das Modell in Richtung Warenmesse weiterentwickelt. Schaulustige konnten von den fremden Gästen hergestellte Produkte wie Teppiche, Körbe und Masken kaufen. Die anfänglich strikte Trennung zwischen Besuchern und vorgeführten Menschen mittels einer Barriere, ähnlich wie bei wilden Tieren, war da bereits aufgehoben. Dennoch sollten die Zur-Schau-Gestellten den ihnen zugewiesenen Bereich auf dem Areal des Tierparks, das nachts abgesperrt wurde, nicht verlassen. Alles war vertraglich geregelt. Sie bekamen Lohn, Verpflegung und Unterkunft in eigens errichteten "originalen" Dörfern.

So betrug das monatliche Gehalt für einen 80-köpfigen Stamm der Sioux 600 Dollar, während für die fünf Cowboys insgesamt 200 Dollar aufgewendet wurden. Und nachdem die erste Inuit-Schau für alle Teilnehmer aufgrund von Infektionskrankheiten tödlich geendet hatte, mussten die Fremden ab nun geimpft werden, bevor sie nach Europa aufbrachen. Nicht nur Krankheiten waren ein Problem, auch die winterliche Kälte, ungewohntes Essen sowie Heimweh setzten ihnen zu.

Klischee des Fremden

Die Händler achteten darauf, ihre Truppe möglichst abwechslungsreich zu gestalten. Alte, Junge, Kinder, Frauen, Männer wurden zu "Familien" zusammengestellt, obwohl die Verhältnisse oft nicht den wirklichen Verwandtschaften entsprachen. Je fremder sie auf die Europäer wirkten, desto besser. Menschen mit physischen Besonderheiten, z. B. Kleinwüchsige, wurden bevorzugt.

Den Transport der "exotischen" Gäste organisiete der Halbbruder von Carl Hagenbeck, Uncle John, wie er sich nennen ließ.
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Diese willkürlichen Gemeinschaften sollten Neugierigen ein "authentisches" Spektakel bieten. Dazu wurden sie als Bestätigung bereits vorhandener Klischees inszeniert und mit farbenprächtigen Plakaten beworben. "Afrikaner" sollten vor allem wild und faul sein; "Araber" sich im Handel hervortun und aussehen wie aus Tausendundeiner Nacht; "Südseemenschen" mussten glücklich und kindhaft wirken; "Indianer" viel kämpfen und um den Marterpfahl tanzen.

Am besten sie entsprachen den Beschreibungen, die Karl May imaginiert hatte, ohne je vor Ort gewesen zu sein. Im Grunde waren die Fremden also Statisten, die vorgeben mussten, einem Klischee zu entsprechen, um den Zuschauern das Vergnügen zu bieten, etwas zu sehen, was sie zu kennen glaubten.

Besucheransturm

In Wien wurden die Importierten dem Publikum in der Prater-Rotunde präsentiert, einem panoptischen Bau, dessen Architektur nicht zuletzt an Gefängnisse erinnerte. 1885 brachte Hagenbeck die "Singhalesen-Karawane" dorthin, nachdem sie bereits in London große Erfolge gefeiert hatte. Auf dem Plakat kündigten die Veranstalter Sensationen an: "14 Monsterarbeitselefanten, 1 Mutterelefant mit Baby (das erste Mal in Europa), 70 Singhalesen und Tamilen (Eingeborene aus Ceylon), buddhistische Priester, religiöse Tänzer, Stick Dancer, Jongleure, Teufelstänzer, Schlangenbeschwörer, 15 Zebus".

Die Werbung wirkte. Besucher stürmten die Ausstellung samt Teehaus und Basar. Musik- und Tanzvorführungen zogen Massen an. Die Anwesenheit der fremden Körper verleitete manche Betrachter allerdings zu Übergriffen. Die dunklere Haut musste berührt und geprüft werden; erotisches Begehren überschritt Grenzen. Zeitungen berichten, dass die sogenannten Singhalesen sogar ins Heurigenlokal mitgenommen wurden, um dort mit Wienerinnen und Wienern zu singen und zu tanzen.

Dabei wird die Freundlichkeit, Fröhlichkeit und Sanftheit vor allem der Männer aus Ceylon betont, während die Frauen als hässlich abgetan werden. Es wird geflirtet und geküsst. Es kommt zu Liebschaften. Auch die später im Prater ausgestellten Sudanesen sind bei den Wiener Mädchen beliebt, wie damalige Zeitungsartikel und Karikaturen illustrieren.

Der Transport der "exotischen Gäste" hatte drei Monate per Schiff gedauert und wurde vom Halbbruder Carl Hagenbecks, Uncle John, wie er sich von Einheimischen nennen ließ, organisiert. Der Zampano der Familie hatte Deutschland früh verlassen und verdiente Geld als Pflanzer, Teehändler, Jagdführer, Tierfänger, Tierhändler und Völkerschauorganisator. Durch seinen jahrelangen Aufenthalt in Ceylon galt er als Indienspezialist.

Aschanti-Fieber

Sensationell scheint auch die Aschanti-Schau 1896 in Wien angekommen zu sein. Ihre Hütten im Prater waren für Besucher frei zugänglich, und die Wiener machten davon so viel Gebrauch, dass es Klagen seitens der Ausgestellten gab. An Sonntagen überrannten bis zu 30.000 Schaulustige das Gelände. Man sprach vom Aschanti-Fieber, ein Aschanti-Marsch wurde komponiert. Der exzentrische Dichter Peter Altenberg verarbeitete in Kurztexten seine Begegnung mit den "Paradiesmenschen", wie er sie nannte.

Darin mahnte er Belästigungen an, nahm sich selbst aber davon aus, indem er als Vermittler zwischen Einheimischen und Fremden auftrat. Altenberg verließ mit ihnen sogar den Tierpark, lud sie ins Restaurant, ins Kaffeehaus, in die Oper ein und wertete dadurch seine Männlichkeit auf. Seine literarischen Darstellungen der Aschanti-Frauen sind stets zweideutig. Besonders streicht er ihre "natürliche" Erotik heraus. Altenbergs fragmentarische Texte voller Auslassungen fordern die Leser geradezu auf, diese mit Bildern von sexuellen Handlungen aufzufüllen.

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So bot sein vorgeblicher Antirassismus ihm Gelegenheit, über vermeintlich zu Beschützende persönlich zu verfügen. In einem Brief bekannte er sich sogar zu dem Wunsch, die fremden Mädchen zu behalten, zu kaufen, sie zu bilden und von ihrer "natürlichen Dummheit" zu befreien. So sehr der Dichter sich als Empörer stilisierte, half die Beschäftigung mit den Aschanti doch vor allem ihm selbst, dem jüdischen Außenseiter, sein Unbehagen an einer Gesellschaft in Worte zu fassen, welche bereits antisemitisch geprägt war.

Wie stark die Besucher von Völkerschauen von der Sehnsucht nach dem "Natürlichen" bestimmt waren, zeigt die Reaktion auf eine drei Jahre später in Wien stattfindende sogenannte Bischari-Schau. Diese aus Nordostafrika nach Europa Verfrachteten scheuten sich nicht zu betteln. Nachdem ihnen das verboten wurde, traten sie in Streik.

Faszination des Exotischen

Ihre Forderung nach Geld und die Erwähnung von Geld überhaupt störte das Idealbild von unschuldigen Wilden, die nach den Gesetzen der Natur und nicht des Kapitalismus leben sollten. Zudem waren ihre Frauen nicht an Avancen von Wiener Männern interessiert und widersprachen damit der Vorstellung eines gesteigerten Sexualtriebs afrikanischer Menschen. Das Publikum war enttäuscht. Die Bischari schienen von europäischen Sitten verdorben und nicht "echt" genug.

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich dann mit dem Film eine zusätzliche Präsentationsform des Fremden entwickelt. Eine aktuelle Presseaussendung der Firma Hagenbeck verharmloste die Praxis von Völkerschauen denn auch als Abhilfe gegen den Wunsch nach Exotik, welche später vom Film bedient wurde. Sogar regelmäßig aufflammende Anwürfe wegen Todesfällen und kolonialer Ausbeutungsmethoden wurden mit dieser einseitigen Erklärung abgefunden.

Der Übergang von Völkerschauen zur Filmbranche gestaltete sich für die Hagenbecks ziemlich nahtlos. Die Botschaft blieb unverändert: Europäer hatten stets die Verfügungsgewalt und Definitionsmacht über unzivilisierte "Wilde". John etablierte sich als Produzent von Raubtiersensationsspielfilmen, während Carl die abwechslungsreichen, künstlich errichteten Landschaften mit Bäumen, Palmen, Gewässern und Höhlen seines Hamburger Zoos als Kulissen für Filmaufnahmen vermietete. Der Tiergarten konnte wegen seiner abwechslungsreichen Szenerien Schauplätze im fiktiven Ägypten, Japan, Indien, China etc. bieten. Filmausstatter bedienten sich für die Requisiten gar bei den ethnologischen Sammlungen von Museen.

So wurden z. B. für den Fritz-Lang-Film Das indische Grabmal (der allerdings in Berlin gedreht wurde) wagonweise echte Schaustücke angekarrt. Das Museum diente als Filmfundus, um Authentizität zu garantieren. Umgekehrt belieferte John Hagenbeck die Museen mit Kunstwerken. Die Grenzen zwischen der fantasierten und der echten Fremde wurden in dem neuen Medium durchlässig. In Filmen bediente John weiter die Faszination des Exotischen, das immer mit Gefahr gleichgesetzt wurde, welche der weiße Held überwand. Bezeichnenderweise hieß einer der von ihm produzierten Filme Darwin.

In diesem Vorläufer der King Kong-Story wird eine Inderin von einem Gorilla geraubt, während sich ein europäischer Priester im Dschungel überzeugen lässt, dass Gott doch recht hat und nicht die Evolutionstheorie. Völkerschauen gab es trotzdem noch bis 1940, meist als Bestandteil von Welt- und Kolonialausstellungen. Danach war Rassismus längst politisch etabliert. Übrig blieben ein paar schwarze Schauspieler, die in Nazi-Propagandafilmen auftreten mussten. Viele der Einstellungen über Andersaussehende, die sich damals etablierten, wirken jedoch bis heute.

Alle lachten

So besuchte ich neulich eine Inszenierung der isländischen Edda im Burgtheater. Aus dem anfänglichen Nebel, in dem alles nur in Umrissen zu erkennen war, tauchte hin und wieder eine langbeinige weibliche Gestalt auf, an deren Kostüm ein buschiger, bis zum Boden reichender Schwanz befestigt war, den sie zuweilen anmutig schüttelte. Sie sprach nicht. Später war sie mit einem Speer in der Hand zu sehen. Zwischendurch saß sie an riesigen Trommeln und machte Lärm. Es war Stacyian Jackson, die erste schwarze Schauspielerin an der Burg. Schließlich durfte sie inmitten einer Schar von Zwergen mit elektronisch verfremdeter Mickymausstimme einem Darsteller Rassismus vorwerfen.

Alle lachten.

(Sabine Scholl, ALBUM, 4.1.2020)