Heimatbesuch: Ghassem Soleimani beim Gedenken an die Islamische Revolution im Jahr 2016 in Teheran.

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Generäle sind selten Medienstars. Ghassem Soleimani jedoch, der Freitagfrüh in Bagdad bei einem US-Angriff gezielt getötet wurde, war im Iran selbst, aber auch im Ausland eine Figur, die weit über seine militärische Stellung hinaus Aufmerksamkeit bekam. Er war seit 1998, also seit mehr als zwei Jahrzehnten, der Kommandant der Al-Quds-Einheit – Al-Quds ist Jerusalem –, jenes Teils der iranischen Revolutionsgarden, der mit Auslandseinsätzen betraut wird. Deren Bandbreite ist groß: von militärischen Operationen der eigenen Truppe und jenen iranisch gesteuerter Milizen in etlichen Ländern des Nahen Ostens bis hin zu Geheimdienst- und meist antiisraelischen Terrormissionen weltweit.

Soleimani kommandierte den Einsatz der schiitischen Kräfte im Irak gegen den "Islamischen Staat" (IS), aber auch in Syrien jenen zur Unterstützung des Regimes von Bashar al-Assad. Da lief nicht immer alles wie gewünscht, und er wurde dafür auch im Iran kritisiert. Seiner Prominenz und Beliebtheit im Sektor der Hardliner tat das jedoch keinen Abbruch. Aber nicht nur militärisch, auch politisch war der General – von kleiner Statur und höflichem Auftreten – im Auftrag der höchsten iranischen Instanz, des Religionsführers Ali Khamenei, unterwegs: etwa im Libanon, wo die Hisbollah auf Befehle aus dem Iran hört, oder gerade in der letzten Zeit im Irak, wo es einen neuen Premierminister zu finden gilt.

In der Region omnipräsent

Seine Einsätze waren dabei keineswegs immer geheim: Bilder von Ghassem Soleimani gemeinsam mit Iran-freundlichen Milizionären, aber auch zum Beispiel mit kurdischen Peshmerga während des Kampfes gegen den IS dienten stets auch kommunikativen Zwecken und beinhalteten politische Botschaften. In der Region war er omnipräsent. Auch als er Freitagfrüh in Bagdad eintraf und vom dann ebenfalls getöteten Milizenführer Abu Mahdi al-Muhandis abgeholt wurde, soll er aus einem anderen arabischen Land gekommen sein.

Soleimani verkörperte wie kein anderer die iranische Ideologie der "Achse des Widerstands" – damit ist nach iranischem Verständnis der Widerstand gegen die imperialistische US-Politik in der Region gemeint. Er nahm sich dabei kein Blatt vor den Mund, sondern brüstete sich mit dem wachsenden iranischen Einfluss in Bagdad, Damaskus, Beirut und Sanaa.

Aber er trug auch den Pragmatismus mit, zu dem die iranische Politik manchmal fähig ist: Beim US-geführten Krieg in Afghanistan 2001 etwa versorgte er die US-Armee mit Informationen über Militärbasen der Taliban. Im Irak, dem wichtigsten Land für die iranische Machtprojektion, gab es bei den Regierungsbildungen stets einen minimalen Konsens zwischen Teheran und Washington: Das heißt, es kamen Premierminister zum Zug, mit denen beide zusammenarbeiten konnten.

Als Präsidentschaftskandidat genannt

Im Iran wurde er vor den letzten Wahlen sogar als möglicher Kandidat fürs Präsidentenamt gehandelt. Für Khamenei war er ein "lebender Märtyrer der Revolution". Und obwohl die USA ihn als Terroristen und "bösen Geist" sahen, nahmen sie doch im letzten Jahrzehnt Abstand vom Versuch, ihn umzubringen. 2008, als der israelische Mossad und die CIA in einer gemeinsamen Operation Imad Mughniyeh, den Chef für internationale Operationen der libanesischen Hisbollah, umbrachten, soll auch Soleimani in ihrem Visier gestanden sein. Aber die Kollateralschäden – die auch jetzt noch nicht abzusehen sind – wurden von den USA wohl als zu hoch erachtet.

Soleimani, 1957 geboren, fünf Kinder, stammte aus ärmlichen bäuerlichen Verhältnissen und verfügte über eine minimale Schulbildung. Seine Jugend verbrachte er mit bescheidenen Beschäftigungen, etwa als Maurer. Über seine Teilnahme am islamischen Revolutionsgeschehen 1979 ist wenig bekannt, die Jahre des Kriegs gegen den Irak (1980–1988) wurden für ihn entscheidend, und er fand bald den Weg zu den Revolutionsgarden und machte dort Karriere. Sein Nachfolger als Al-Quds-Kommandant ist sein bisheriger Stellvertreter, Esmail Ghani. (Gudrun Harrer, 3.1.2020)