Viele Eltern denken, dass sie nach der Geburt und den ersten paar Monaten mit dem Säugling aus dem Gröbsten raus sind. Anna Herzog ist Ärztin, hat vier Kinder und weiß: "In der Schule geht es erst richtig los." Auch die drei Töchter und der Sohn von Lucinde Hutzenlaub haben in den Jahren alles in den Bau geschleppt, was man als Kind nur haben kann: Erkältungen, Nasenbluten oder eine unheilbare Handysucht. Im Interview erklären die beiden Autorinnen, wie Eltern die Pubertät mit Humor überstehen und wie man mit Bauchweh als Symptom umgeht.

"Ich bin krank. Ich kann nicht in die Schule": Eltern sollten die vermeintlichen Symptome von Kindern gut beobachten.
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STANDARD: Sie haben gemeinsam acht Kinder. Welche Krankheit war dabei die schlimmste, die Sie bisher erlebt haben?

Anna Herzog: Meine Kinder haben die Masern zwar nicht selbst erlebt, aber ich finde, dass die Masern die Hölle sind. Erstens, weil die Kinder oft wirklich schwer krank sind, und zweitens, weil sie ausgesprochen garstige Folgen wie Hirnhautentzündung haben können. Das bedeutet, dass zum Leid der Kinder auch noch die Sorgen der Eltern dazukommen.

STANDARD: Ihr neues Buch heißt aber "Läusealarm". Sind Läuse denn schlimm?

Herzog: Nein, Läuse sind eigentlich nicht so schlimm. Die lassen sich eh gut behandeln. Sie machen zumindest nicht krank und sind nicht lebensbedrohlich. Sie jucken nur. Kopfmücken eben. Läusealarm haben wir das Buch genannt, weil es so sinnbildlich für das ist, was Eltern im Lauf der Jahre mit Kindern durchmachen. Es gibt in Schulen, die mir bekannt sind, sogar Whatsapp-Gruppen, die "Läusealarm" heißen. So eine Nachricht schlägt ein wie eine Bombe. Man muss sich vorstellen, wie alle Mütter und Väter der 3b dann im Kollektiv seufzen, weil sie wissen, was jetzt kommt: stundenlange Sessions mit teuren Mittelchen, Kuscheltiere im Gefrierfach, die Waachmaschine römmelt durch die Nacht. Und das nur wegen ein paar winzigkleinen, aber leider hartnäckig blutsaugenden Störenfrieden, die die unangenehme Eigenschaft haben, von Kopf zu Kopf zu wandern. Wandern übrigens, nicht springen und auch nicht fliegen.

STANDARD: Gab es auch Krankheiten, mit denen Sie nicht gerechnet haben?

Lucinde Hutzenlaub: Krankheiten kommen ja nie dann, wenn man Zeit und Muße hat ... also ja. Mit der Trotzphase und der Pubertät konnte natürlich auch keiner rechnen – wer hätte gedacht, dass so was die eigenen Kinder auch trifft? Ich dachte immer, das sei eine Erfindung meiner Mutter gewesen, die natürlich maßlos übertrieben hat, um mir zu sagen, was für einen guten Job sie gemacht hat und wie tapfer sie war.

STANDARD: Stimmt, die Pubertät ist auch ein großes Kapitel in Ihrem Buch. Was sind Ihre Geheimtipps für betroffene Eltern, damit man diese Phase leichter übersteht?

Hutzenlaub: Mit Humor. Und mit Schokolade. Ach ja, und mit Geduld natürlich. Mir haben gute Freundinnen geholfen, die mir immer gesagt haben, dass alles ganz normal sei und es bei ihnen auch so war. Eltern müssen dazu ehrlich sein. Dann hilft einer dem anderen.

STANDARD: Was den Humor angeht, so ist mir aufgefallen, dass Sie im Buch die Kinderkrankheiten zwar sehr fundiert, aber auch sehr lustig beschreiben. Gab es Momente in Ihrem Leben, in denen Sie nur weinen wollten, weil es mit Humor nicht mehr ging?

Herzog: Wenn man mit Kindern und ihren gebrochenen Gliedmaßen ins Krankenhaus fährt, das ist meist der Moment, an dem das mit dem Lachen nicht ganz so einfach ist. Und als ich einmal mit einem meiner Kinder wie eine Verrückte durch eine liebliche französische Landschaft gerast bin, weil die Ambulanz nicht kam, das Krankenhaus nicht so ganz um die Ecke lag und mein Kind von einer Viper gebissen worden war, habe ich auch nicht gelacht. Nur später. Viel später.

STANDARD: Was raten Sie überforderten Eltern, wenn die Kinder seit Wochen krank sind und allen die Decke auf den Kopf fällt?

Hutzenlaub: Ganz ehrlich, ich finde es ist auch völlig okay, das Kind mal ein bisschen länger fernsehen zu lassen. Manchmal hilft Ablenkung. Und dann kann die Mama oder der Papa ja einen ausgedehnten Spaziergang machen – oder sich dazulegen. Ich finde es auch schön, wenn das nicht immer nur an der Mutter hängenbleibt. Auch der Papa sollte sich mal einen Nachmittag freinehmen und entlasten, wenn das geht.

STANDARD: Im Buch sprechen Sie aber primär die Mütter an. Sind es immer nur die Mütter, die kranke Kinder pflegen und zuhause bleiben?

Herzog: Keineswegs. Das ist nicht eine Frage des Geschlechts, sondern der Begabung. Und natürlich des Arbeitgebers.

STANDARD: Welche Erfahrungen haben Sie denn da mit Ihren Männern gemacht?

Hutzenlaub: Mein Mann ist der beste Gummibärchenkäufer, Pfannkuchenbäcker und Tröster, den man sich vorstellen kann. Aber Fiebermessen, Läuseentfernung und so weiter – das war immer mein Job. Wobei ich zugeben muss, dass ich auch besonders kontrollwütig bin. Keiner kann das so gut wie ich.

STANDARD: Im Buch gehen Sie auch auf "eingebildete Krankheiten" ein. Welche werden denn am häufigsten von den Kindern vorgetäuscht?

Herzog: Bauchweh. Ganz klassisch. Zum einen ist das nämlich schlecht nachprüfbar, und zum anderen haben unglückliche Kinder tatsächlich häufig Bauchweh.

STANDARD: Das bedeutet, dass Bauchweh auch ein echtes Symptom sein kann ...

Herzog: Sicher, daher kommt auch der Spruch "Das macht mir Bauchschmerzen". Wenn sich ein Kind nicht wohlfühlt, muss das nicht immer eine medizinische Ursache haben. Es kann auch psychischer Natur sein.

STANDARD: Das Kind hat also Bauchweh und will nicht in die Schule. Wie reagieren Eltern dann am besten?

Hutzenlaub: Mit Geduld und Einfühlungsvermögen. Die Frage ist ja: Hat das Kind wirklich einen Infekt? Oder ist vielleicht irgendetwas vorgefallen, was ihm nun Bauchschmerzen bereitet? Natürlich kann auch mal einfach Lustlosigkeit dahinterstecken – aber das finden wir Eltern sowieso heraus.

STANDARD: Was ist in Ihren Augen denn die beste Medizin und bei vielen Krankheiten anwendbar?

Herzog: Mutterliebe und Inotyol-Creme. Die heilt fast alles – von wundem Po bis zu rauen Lippen. Bitte nur äußerlich anwenden! (Nadja Kupsa, 9.1.2020)

Anna Herzog, Lucinde Hutzenlaub Läusealarm
Eine Gebrauchsanweisung für kleine und große Schulkinder – mit Risiken und Nebenwirkungen
Verlag Eden Books
256 Seiten, 10,30 Euro
Foto: Eden Books