Ricky Gervais spottete als Host der Golden-Globe-Gala in seinem Eröffnungsmonolog über die Doppelmoral in Hollywood.

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Satire ist die Kunst der Entstellung, die etwas Wahres zum Vorschein bringt. Ricky Gervais, der britische Host der Golden-Globe-Verleihung, versteht sich darauf virtuos. In seinen acht Minuten währenden Eröffnungsmonolog packte er Sonntagabend so ungefähr alle brisanten Themen, die die Unterhaltungsbranche in letzter Zeit beschäftigt hielten: den Ruf nach mehr Diversität, die #MeToo-Bewegung, die Streaming-versus-Kino-Debatte, ja sogar Cats. Dann kam der Paukenschlag: Gervais sprach den anwesenden Film- und TV-Stars die Autorität ab, sich politisch zu äußern. Nicht nur würden sie alle über die Welt da draußen nichts wissen, sie hätten sich zudem auch moralisch disqualifiziert: "Sie sagen zwar, Sie sind ,aufgewacht‘, aber die Unternehmen, für die Sie in China arbeiten – unglaublich. Apple, Amazon, Disney."

Konservative jubeln

Dass Gervais mit seiner Schmährede einen wunden Punkt traf, konnte man auf den Gesichtern ablesen. Eines, nämlich das von Tom Hanks, sah ein wenig so aus, als wäre er gerade durch einen Windkanal spaziert. Auch im Internet sorgte die Kritik an der gern so ostentativ zur Schau gestellten "liberalen" Gesinnung Hollywoods für breites Echo. Etablierte Medien gingen eher auf Distanz, dafür nannte James Delinpole von Breitbart London, ein Antiliberaler aus Passion, den Auftritt seines Landsgenossen eine "superbe, heroische, lebensbejahende Performance". Auch andere Konservative jubelten über die Art und Weise, wie Gervais die "Woke"-Kultur, also eine Gesellschaft, die sich für Minderheiten einsetzt, als Heuchelei dargestellt hatte. Endlich spreche jemand über die Intoleranz der Radikal-Liberalen Klartext, freute sich der Journalist und Trump-Spezi Piers Morgan.

Gutgemeint ist zu wenig

Ob Ricky Gervais wirklich das insinuieren wollte? Ein Kritiker ist noch lange nicht der Apologet der Gegenseite. Dem am Ende gar nicht so zynischen Briten ging es wohl eher darum zu verdeutlichen, dass gutgemeinte Worte zu wenig sind, wenn die Taten ausbleiben. Ein fleischloses Buffet, aber dann in der Stretch-Limo zum roten Teppich chauffiert werden – keine so gute Idee. Und wer sich von einem globalen Entertainmentunternehmen bezahlen lässt, das auf fairen Handel pfeift, sollte sich zweimal überlegen, wie glaubwürdig sein Einsatz für humane Arbeitsbedingungen ist. Damit hat Gervais zweifellos recht: Wer sich moralisch überlegen gibt, aber nicht danach lebt, verliert (nicht nur) in Hollywood Glaubwürdigkeit. (Dominik Kamalzadeh, 7. 1. 2020)