Seit Einführung der Kryptowährung Bitcoin im Jahr 2009 wird heftig darüber debattiert, ob Kryptogeld künftig Währungen wie Euro oder Dollar ablösen wird. Der Plan von Facebook zur Schaffung der Kryptowährung Libra hat diese Debatte zusätzlich angefacht. Die rund 2,5 Milliarden aktiven Facebook-Userinnen und -User hätten dadurch Zugang zu einem alternativen Bezahlsystem.

Neben zahlreichen technischen, juristischen und politischen Problemen stellt sich grundsätzlich die Frage, ob ein Kryptowährungssystem ökonomisch funktionieren kann. Aus Sicht der monetären Ökonomie sprechen zumindest sechs Gründe dagegen, dass Kryptowährungen die Funktionen konventioneller Währungen übernehmen können.

In der folgenden Analyse wird unter Kryptowährung ein digitales System verstanden, dessen Regeln in einem Protokoll festgelegt sind. Eine dezentral geführte Datenbank verzeichnet die weitgehend anonyme Übertragung von digitalen Einheiten zwischen den Teilnehmenden. Diese Einheiten können als sogenannte Token im Tausch gegen konventionelle Währungen erworben werden. Da das System auf dem dezentralen Zusammenwirken einer Vielzahl privater Akteure beruht, kommt es ohne Zentralbank oder staatliche Aufsicht und Regulierung aus. Eine Art "privates", dem Zugriff von Regierungen entzogenes und deshalb wertstabileres Geld soll dadurch ermöglicht werden.

1. Kryptogeld erfüllt die grundlegenden Geldfunktionen unzureichend

Alle in der Geschichte als Geld verwendeten Objekte erfüllten die Funktion als allgemein akzeptiertes Zahlungsmittel, als stabiles Wertaufbewahrungsmittel und als Recheneinheit zur Bestimmung des Preises eines Guts. Aktuell wird nur ein sehr geringer Teil aller wirtschaftlichen Transaktionen in Kryptowährungen durchgeführt, weshalb nicht von einem allgemein akzeptierten Zahlungsmittel gesprochen werden kann. Aufgrund der hohen Kursvolatilität ist keine stabile Wertaufbewahrung möglich. Selbst innerhalb des Kryptouniversums werden Werte typischerweise in Dollar oder Euro angegeben. Mikroökonomisch funktionieren Kryptowährungen also nicht als Geld. Die Argumente unterhalb legen nahe, dass sich dies auch zukünftig nicht ändern wird.

2. Kryptogeld kann die Geldpolitik einer Notenbank nicht ersetzen

Jede Kryptowährung muss in ihrem Protokoll Regeln zur Steuerung des Angebots an digitalen "Geldeinheiten" angeben. Typischerweise sind dies starre, vom wirtschaftlichen Verlauf unabhängige Regeln. Bei Bitcoin ist ein stetig abflachendes Wachstum der Tokenmenge bis zu einem gewissen Maximalbetrag vorgesehen, ab dem keine neuen Einheiten mehr begeben werden.

Ein zentrales Ziel von Notenbankpolitik besteht in der Herstellung von Preisstabilität. Darüber hinaus sind Notenbanken aber frei, die jeweilige wirtschaftliche Lage zu beurteilen und bestmöglich geldpolitische Instrumente zur Erreichung dieses Zieles einzusetzen. Menschliches Urteil von Expertinnen und Experten ist hierbei unverzichtbar. Überdies ändert sich ständig der geldpolitische Rahmen, da die Wirtschaft selbst sich laufend verändert. Die Geldpolitik muss sich deshalb immer wieder flexibel neu ausrichten. Am reinen Wachstum der Geldmenge ist optimale Geldpolitik nicht festzumachen.

Die alten Monetaristen hatten das stabile Wachstum der Geldmenge in den Mittelpunkt ihrer geldpolitischen Empfehlungen gestellt – diese Empfehlungen wurden jedoch bereits vor Jahrzehnten als wirtschaftlich nicht zielführend verworfen. Die zwingend im Protokoll einer Kryptowährung vorgesehenen Regeln für das Wachstum der Menge an Token sind ebenfalls viel zu starr. Eine geldpolitisch wünschenswerte Liquiditätsversorgung der Wirtschaft könnte dadurch nicht erfolgen.

Bitcoin als Euroersatz? Eher unwahrscheinlich.
Foto: REUTERS/Benoit Tessier

3. Kryptogeld lässt keine Liquiditätsspritzen in Finanzkrisen zu

In Krisenzeiten funktionieren starre Regeln zur Ausweitung des Geldangebots noch schlechter als normal. Denn in einer Finanzkrise steigt sprunghaft der Liquiditätsbedarf im Finanzsektor an. Kunden ziehen ihre liquiden Guthaben ab. Märkte verteuern oder verweigern die Bereitstellung externer Liquidität. Finanzinstitutionen würden zusammenbrechen, wenn sie ihre Vermögenswerte zur Beschaffung von Liquidität in fallenden Märkten verkaufen müssten. In solch einer Situation kann eine Zentralbank als "lender of last resort" den Kollaps des Finanzsystems und in weiterer Folge auch der Realwirtschaft verhindern, indem sie dem Finanzsystem kurzfristig große Mengen an Liquidität zur Verfügung stellt.

Weder lässt eine starre Angebotsregel eines Kryptowährungssystems die flexible Schaffung von Krisenliquidität zu, noch sind die speziellen Umstände einer Finanzkrise vorhersehbar, sodass sich wirkungsvolle Regeln zur Schaffung von Krisenliquidität vorab im Protokoll einer Kryptowährung verankern ließen. Das Finanzsystem einer Kryptowährung wäre deshalb krisenanfällig und nicht dauerhaft stabil.

4. Kryptogeld erlaubt keine auf einzelne Länder abgestimmte Geldpolitik

Kryptowährungen wie Bitcoin oder Libra stellen den Anspruch, ein global funktionierendes neues Geldsystem zu schaffen. International weisen Volkswirtschaften jedoch große Unterschiede auf. Ökonomisch gesprochen stellen sie keinen optimalen Währungsraum dar, da sie unterschiedlichen Entwicklungen – sogenannten asymmetrischen Schocks – unterliegen. Gütermärkte, Arbeitsmärkte und Kapitalmärkte sind zu wenig integriert, um die Schaffung einer gemeinsamen Währung zu rechtfertigen. Fiskalische Ausgleichsmechanismen wie etwa ein gemeinsames Arbeitslosenversicherungssystem existieren nicht. Nationale Geldpolitik und anpassungsfähige Wechselkurse führen deshalb zu wesentlich besseren wirtschaftlichen Ergebnissen. Da die Welt keine optimale Währungszone darstellt, würde das Wirtschaftssystem unter einer globalen Kryptowährung nicht funktionieren.

5. Kryptogeld kann sich gegen etablierte Geldsysteme nicht durchsetzen

Währungssysteme können mikroökonomisch als Netzwerke verstanden werden. Konsumentinnen und Konsumenten sowie Unternehmen fragen gemeinsam die Leistungen eines Geldsystems zur Durchführung von Zahlungen nach. Je mehr Unternehmen ein bestimmtes Zahlungssystem anbieten, desto attraktiver wird die Benutzung für die Konsumierenden. Je mehr Konsumierende ein Zahlungssystem nutzen, desto eher akzeptieren Unternehmen dieses System. Mit zunehmender Größe des Systems wächst deshalb der Nutzen für alle TeilnehmerInnen. Umgekehrt besteht für kleine Systeme ein Henne-Ei-Problem, wenn sie sich neben einem großen System zu etablieren versuchen. Weil die Konsumentinnen und Konsumenten das System nicht verwenden, bieten es die Firmen nicht an. Und weil die Firmen das System nicht anbieten, wird es nicht benutzt.

Kleinere Systeme wie Kryptowährungen haben nur dann eine Chance, wenn ihre Leistungen sich hinreichend von jenen großer Systeme unterscheiden. Nun kann zwar argumentiert werden, dass etwa Bitcoin bei illegalen Transaktionen oder in einem instabilen Land wie Venezuela Vorteile gegenüber herkömmlichen Währungen bietet. Bei Massenzahlungen in einem stabilen Land mit funktionierender Währung wird ein reines Currency-Token jedoch kaum jemals über ein Nischendasein hinauskommen.

6. Kryptogeld würde die monetäre und fiskalische Souveränität von Staaten untergraben

Ließen Regierungen die Entstehung von privaten Geldsystemen in großem Stil zu, würden sie ein wesentliches Element der monetären Souveränität eines Landes aus der Hand geben. Die monetäre Abhängigkeit von einer intransparenten Gruppe teilweise nicht im Inland angesiedelter privater Akteure wäre problematisch.

Überdies stellt die Nutzung kryptografischer Verfahren zur Herstellung von Anonymität ein zentrales Element vieler Kryptowährungen dar. Ohne persönlich identifiziert zu werden, ist die anonyme Durchführung von Zahlungen möglich. Nicht nur unter dem Gesichtspunkt von Geldwäsche und Finanzierung illegaler Aktivitäten stellt dies ein Problem dar. Auch für Steuerbehörden wird es wesentlich schwieriger, Transaktionen zu kontrollieren und Steuern einzuheben. Somit wäre auch die fiskalische Souveränität von Staaten untergraben. Angesichts des drohenden Verlustes essenzieller Elemente ihrer wirtschaftlichen Souveränität ist es deshalb nicht verwunderlich, dass die meisten Staaten reserviert bis ablehnend der Entwicklung von Kryptowährungen als Ersatz für etabliertes Geld gegenüberstehen. Mit massivem politischem Widerstand ist jedenfalls zu rechnen.

Die Zukunft von Krypto liegt in Leistungen jenseits des etablierten Geldsystems

Betrachtet man die oberhalb angeführten sechs Argumente gemeinsam, erscheint die Ablösung etablierter Währungen durch Kryptogeld sehr unwahrscheinlich. Vermutlich sind davon die Entwicklungschancen von Krypto-Tokensystemen aber nur am Rande berührt. Auch wenn sich Kryptowährungen bei der Erfüllung klassischer Geldfunktionen kaum gegen etablierte Währungen durchsetzen werden, bergen sie aufgrund der vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten in anderen Bereichen großes Zukunftspotenzial. Beginnend mit der Möglichkeit, auf einer Blockchain Daten zuverlässig und öffentlich zu speichern, über die zahlreichen Anwendungen von "Smart Contracts" bis hin zu "Corporate Tokens" sind viele neue Einsatzbereiche denkbar. Evolutionär wird sich zeigen, welche der vielen derzeit diskutierten und getesteten Konzepte längerfristig tragfähig sind. Auch wenn Euro und Dollar weiter bestehen bleiben, könnten daneben spannende neue Kryptosysteme existieren, die vielleicht grundlegend Wirtschaft und Gesellschaft verändern werden. Die Geldfunktionen dieser Systeme werden jedoch nicht im Vordergrund stehen. (Guido Schäfer, 14.1.2020)

Guido Schäfer ist Universitätsprofessor am Institut für Analytische Volkswirtschaftslehre der WU Wien. Seine Forschungsgebiete sind der Geld- und Finanzsektor sowie Wettbewerb.
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