Der Norden. Wer will schon in den Norden, wenn er den Süden haben beziehungsweise dorthin reisen kann. Ein Fehler! Das zeigt der Berliner kulturfeuilletonistische Autor Bernd Brunner mit seiner Kulturgeschichte einer Himmelsrichtung auf. Und diese Himmelsrichtung ist genordet.

Dem "Norden" sind im Laufe der Geschichte viele Zuschreibungen widerfahren.
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Vieles präsentiert Brunner. Es ist alles, nur kein Zufall, dass er mit der Schilderung einer heute zerstreuten Wunderkammer von 1655, jener des königlichen Antiquars des dänisch-norwegischen Reichs Ole Worm, einsetzt. Als Kupferstich scheint sie auf dem Vorsatz auf. Und bunt auf dem Nachsatz, hat doch eine Künstlerin diese zusammengetragene Kollektion an Raritäten, Besonderheiten und augenfälligen Bizarrerien dreidimensional nachgebaut. Von Mannigfaltigkeiten erzählt auch Brunner, von erfundenen Dichtern wie Ossian, vom Norden als Projektionsfläche, von Skandinavien als Pseudoquelle politischen Extremismus, von exzentrischen frühneuzeitlichen Geografieideen.

Das ist durchweg unterhaltsam bis kopfschüttelnd amüsant. Brunner, der schon über vieles schrieb, das Aquarium, die Liebe zu Vögeln, das Liegen und den Mond, promeniert, wie aus früheren Büchern hinlänglich bekannt, leichtfüßig durch die Historie und garniert seine Darstellung mit Anekdotischem, Launigem und Geistreichem.

Bernd Brunner, "Die Erfindung des Nordens. Kulturgeschichte einer Himmelsrichtung". € 24,70 / 320 Seiten mit Abb. Galiani-Verlag, 2019
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Auch Tourismus kommt vor

Es geht um die vielen Zuschreibungen, die "dem Norden" widerfahren sind im Lauf der Geschichte, eben um seine "Erfindung". Brunner pflügt sich durch kuriose bis krause dicke Kompendien des späten 17. und des langen schreibwütigen 18. Jahrhunderts, ethnologisch präzise Beschreibungen und landeskundliche Schilderungen, deren Autoren kaum je weiter gekommen waren als Hamburg. Etwas zu verliebt in abwegige bis völlig falsche Theorien zitiert er hier teils überlang wie ausdauernd.

Im 19. Jahrhundert begannen dann Rassismus und die Fiktion eines "Ariertums" Folgen zu zeitigen. Dies über Arndt und Wagner bis zu nationalsozialistischen "Rasse"-Theoretikern und Himmler. Auch der Tourismus kommt vor, Nordpolexpeditionen, Abenteuerberichte, der Zweite Weltkrieg und die Besetzung Dänemarks und Norwegens – Letzteres ohne jede Wertung, dafür wiederum den Hitler-Freund Knut Hamsun zu Wort kommen lassend – und die Bilder des Romantikers Caspar David Friedrich, Elche und der Ausbau eines rundum versorgenden Wohlfahrtsstaats.

Das ist durchaus pointiert, wenn auch im Verlauf eine ausgesprochen sanfte Akzentuierung unwohl ins Auge sticht. Germanismus und Teutonismus des 19. Jahrhunderts etwa waren bis ins Unterfutter antijüdisch durchfärbt. Im Finale streift er kurz noch die Echos in der Populärkultur, wobei: Dies ist reines Namedropping. Mit Lücken. Hier Björk, dort die Kriminalromane von Sjöwall und Wahlöö, eine winzige Anspielung auf modische Cuisine à la René Redzepis Noma. Kein Wort über Scandi noir, gesellschaftliche Transformationen oder darüber, wie Ausländerfeinde sich eine "Welt" erfinden. (Alexander Kluy, 12.1.2020)