Vorstandschef Joe Kaeser hatte noch vor wenigen Tagen erklärt, Siemens wolle den Klimawandel bekämpfen.

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München – Der Industriekonzern Siemens hält trotz Protesten von Klimaschützern an einer wichtigen Zulieferung für ein umstrittenes Kohlebergwerk in Australien fest. Das teilte Vorstandschef Joe Kaeser nach einer außerordentlichen Vorstandssitzung am Sonntagabend mit. Die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer reagierte mit scharfer Kritik: Kaeser mache einen "unentschuldbaren Fehler". Die Deutsche spricht außerdem von einer "historischen Fehlentscheidung" und kündigte weitere Proteste an.

Siemens habe alle Optionen geprüft und sei zu dem Schluss gekommen, dass man allen vertraglichen Verpflichtungen nachkommen müsse, erläuterte Kaeser. Bei der Kritik an dem Projekt geht es neben dem Klimaschutz auch um den Verbrauch von Wasser, die Zerstörung von Lebensraum und den Transport der Kohle über das Great Barrier Reef, das größte Korallenriff der Welt. Besondere Brisanz hatte das Thema zuletzt auch durch die riesigen Buschbrände in Australien bekommen.

Da Kohle außerdem sehr viel Kohlenstoff enthält, der bei der Verbrennung als CO2 freigesetzt wird und den Klimawandel beschleunigt, warnen Experten weltweit vor einem Ausbau von Kohlekraftwerken. Australien ist weltweit der größte Exporteur von Braunkohle.

Zugsignalanlage für das größte Kohlekraftwerk der Welt

Ursprünglich wollte Siemens seine Entscheidung am Montag bekanntgeben. Kaeser hatte am Freitag gesagt, die Entscheidung sei nicht einfach. Es gebe unterschiedliche Interessenlagen – von Aktionären, Kunden und auch der Gesellschaft.

Der Konzern will eine Zugsignalanlage für ein umstrittenes Kohlebergwerk in Australien zuliefern. Die Adani Group will dort eines der größten Kohlebergwerke der Welt aufbauen, das aus fünf Untertageminen und sechs Tagebaustätten bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr fördern soll. Das Projekt wird von Umweltschützern seit Jahren bekämpft. Nach Angaben der deutschen Klimaaktivistin Neubauer hatte Siemens bei dem Adani-Projekt eine Schlüsselrolle. Zwei Firmen, die für den Auftrag auch infrage kämen, hätten schon abgesagt.

Neubauer kritisierte den Siemens-Beschluss vehement: "Diese Entscheidung ist aus dem Jahrhundert gefallen." Statt Verantwortung für das Pariser Klimaschutzabkommen zu übernehmen, gefährde das Unternehmen damit das Ziel, die Erderwärmung auf unter zwei Grad einzudämmen. "Wir haben Kaeser gefragt, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um die Adani-Mine zu verhindern. Stattdessen schlägt er nun Profit aus diesem Katastrophenvorhaben."

Siemens sendet wechselhafte Signale

Kaeser hatte Neubauer noch bei einem Treffen am Freitag einen Sitz in einem Siemens-Aufsichtsgremium angeboten. "Wir stehen mit Frau Neubauer und allen Menschen, die den Klimawandel als Bedrohung sehen, auf einer Seite. Und wir haben diesbezüglich das gleiche Ziel: den Klimawandel zu bekämpfen", sagte er.

Die 23-jährige Klimaaktivistin Luisa Neubauer lehnte einen Posten im Siemens-Aufsichtsrat ab.
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Neubauer lehnte das Angebot ab. "Mit dem Posten wäre ich den Interessen des Unternehmens verpflichtet und könnte Siemens dann nicht mehr unabhängig kommentieren", sagte die 23-Jährige. "Das ist nicht mit meiner Rolle als Klimaaktivistin zu vereinbaren." Sie schlug stattdessen vor, den Posten einem Wissenschafter von Scientists for Future zu geben.

Kaeser bedauerte die Entscheidung, lehnte Neubauers Vorschlag aber ab. Das sei "gut gemeint", teilte er am Sonntag mit. "Aber Experten und Wissenschafter haben wir schon genug." Seine Tür stehe weiterhin offen.

Kaeser kündigte am Sonntagabend zugleich an, ein wirksames Nachhaltigkeitsgremium schaffen zu wollen, um Umweltfragen in Zukunft besser zu managen. "Wir sehen, dass wir auch indirekte Beteiligungen bei kritischen Projekten besser verstehen und frühzeitig erkennen müssen." Siemens habe sich die Klimaneutralität bis 2030 vorgenommen und verfolge grundsätzlich das Ziel, fossile Brennstoffe für die Volkswirtschaften überflüssig zu machen.

Australische Klimaschützer protestieren, Adani ist erfreut

Australische Umweltaktivisten reagierten empört auf die Entscheidung. Der Beschluss sei "nichts weniger als schändlich" und ruiniere das Image von Siemens, teilte die Australian Conservation Foundation am Montag mit. "Mit dieser Entscheidung zeigt das Unternehmen sein wahres Gesicht."

In Australien wird seit Jahren gegen den Bau der Carmichael-Kohlemine durch den indischen Investor Adani demonstriert.
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Die angebliche Klimawandelstrategie des Konzerns habe sich als "inhaltsleer und bedeutungslos" entpuppt – er sei keinen Deut besser sei als die von der Ausbeutung fossiler Energieträger profitierenden Firmen, mit denen er zusammenarbeite. Der Protest gegen das Bergwerksprojekt werde weitergeführt, kündigten die Aktivisten an. Auch die Klimabewegung Fridays for Future in Deutschland kündigte Proteste an, etwa bei der Siemens-Hauptversammlung.

Der indische Konzern Adani, der die Carmichael-Mine in Australien baut, zeigte sich indessen erfreut. Man freue sich, mit Siemens zusammenzuarbeiten, sagte eine Sprecherin von Adani Australien der Deutschen Presse-Agentur am Montag. Der Bau der Mine im nordöstlichen Bundesstaat Queensland sei voll im Gang. "Wir lassen uns nicht einschüchtern oder davon abhalten, unsere Versprechen einzulösen – für die Menschen in Queensland, die Australier und die Menschen in Entwicklungsländern, die dringend bezahlbare Energie brauchen, um ihnen zu helfen, der Armut zu entkommen."

Spontandemos in ganz Deutschland

Fridays for Future kündigten in Deutschland unterdessen mehrere Demonstrationen an. Die Aktivisten, die normalerweise jeden Freitag für mehr Klimagerechtigkeit auf die Straße gehen, haben unter anderem Kundgebungen in Hamburg, Köln, Frankfurt und Düsseldorf angekündigt. Nach Angaben von Fridays vor Future Deutschland wurden in der vergangenen Woche rund 80.000 E-Mails an den Siemens-Vorstand geschickt 63.000 Unterschriften in einer Petition gegen das Kohlebergwerk gesammelt. (APA, 13.1.2020)