Pech gehabt: Der Eiffelturm wurde gerade geschlossen. Mico, erst am Vortag aus Kuwait angekommen, wusste nicht einmal, dass in Paris gestreikt wird. Darauf aufmerksam gemacht, geht ihm doch ein Licht auf. "Stimmt, wir sind ja in Frankreich!", lacht er und imitiert die Streikenden, indem er die Faust reckt ruft: "C’est la révolution!"

Auch andere Reisende, die vor dem Pariser Wahrzeichen gestrandet sind, scheinen mit der revolutionären Stimmung gut zurechtzukommen. Zwei Brasilianer erzählen, sie würden ohnehin gerne zu Fuß gehen, notfalls könnten sie ja einen Uber-Wagen bestellen.

Wenn der Streik Vorteile hat: mehr Platz für schöne Fotos.
Foto: AP / Christophe Ena

"Das funktioniert bestens, auch wenn es ins Geld geht", meint João. Er hat gemerkt, dass die Fahrer ihre Tarife während des Streiks vervielfacht haben und teilweise schon so viel verlangen wie ein Taxi. Der südbrasilianische Lehrer, der von sich aus betont, er sei gegen "seinen" Präsidenten Jair Bolsonaro, erklärt sich mit den Streikenden solidarisch. "Aber die U-Bahn, die nehmen wir nicht mehr. Da weiß man nie, ob sie überhaupt fährt."

Öffis mit Lücken im Fahrplan

In der Tat gibt der Betreiber RATP jeweils erst am Vorabend bekannt, welche Metro-Linien am nächsten Tag ganz oder teilweise verkehren. Das Gleiche gilt für die Museen: Louvre und Musée d’Orsay müssen aus Personalmangel die am wenigsten besuchten Abteilungen schließen. Täglich passen sie ihre Öffnungszeiten der Zahl der Streikenden an.

Zu Beginn des Streiks im Dezember 2019 sorgte dies gerade bei Weitgereisten für Aufregung, als nicht mehr alle reservierten Zeitfenster der Leonardo-da-Vinci-Ausstellung im Louvre eingehalten wurden. Mittlerweile funktioniert das Besuchssystem besser.

Din und Shidah, ein älteres Ehepaar aus Malaysia, sind enttäuscht, dass der Eiffelturm geschlossen ist. Es sei unmöglich gewesen, mit dem Bus oder der Metro hierherzukommen, sagt der Mann; und die meisten Reifen des städtischen Fahrradverleihers Vélib seien durchstochen, daher hätten sie schließlich einen Uber-Wagen rufen müssen. "Er blieb eine Stunde im Stau stecken und kostete uns fast 40 Euro", ärgert sich der Malaysier. "Bei uns käme so etwas nicht vor, da sind Streiks verboten. Präsident (Emmanuel) Macron sollte solch ein Chaos nicht zulassen", fügt er an, obwohl sie ihm diskret zu verstehen gibt, er solle lieber schweigen. "Das ist nicht gut für die Volkswirtschaft und das Image von Paris."

Es stimmt: Die besten Hotels in Paris verbuchen bis zu 30 Prozent Stornierungen. Bahn- und Metro-Betriebe beziffern ihre Verluste auf zusammengenommen eine Milliarde Euro; und der Verband der französischen Klein- und Mittelunternehmen schätzt den Einbruch gar auf 15 Milliarden Euro.

Folgen für die Wirtschaft

Die Banque de France will diese Zahl aber nicht bestätigen und erklärte erst unlängst, dass das Wirtschaftswachstum noch kaum beeinträchtigt sei. Die meisten Lieferungen, die in Güterbahnhöfen blockiert seien, würden bloß später ausgeliefert. Allerdings haben diese Woche die Docker die Häfen zwischen Marseille am Mittelmeer und Le Havre am Ärmelkanal teilweise gesperrt; auch Raffinerien sind blockiert.

Nach sechs Wochen Streik nimmt die Zahl der Streikenden täglich leicht ab; der Nahverkehr ist vor allem im Großraum Paris wieder etwas flüssiger. Die verbliebenen Gewerkschafter bleiben aber entschlossen. Am Donnerstag sind in mehreren Städten des Landes erneut Zehntausende gegen die Rentenreform auf die Straße gegangen, allein in Paris waren es nach Angaben der Gewerkschaft CGT knapp 250.000 Menschen.

Unter dem Eiffelturm ist es dagegen stiller denn je. Davide, am Morgen aus Rom eingetroffen, diskutiert mit seiner chinesischen Freundin Xin am Nordfuß des Turms über den Streik. "Sie haben recht zu protestieren", sagt er – ein wenig erinnert er an die vielen Franzosen, die auch dann noch für die streikenden Eisenbahner eintreten, wenn sie am leeren Bahngleis warten. "Vor einem Jahr hat Macron wegen der Gelbwesten die Steuern gesenkt – jetzt nimmt er ihnen das Geld über die Rentenreform wieder weg", meint der junge Italiener. "Ich wäre froh, wenn meine Landsleute ebenso laut für ihre Pensionen auf die Straße gehen würden."

Xin schlägt deshalb ein Alternativprogramm vor: Mangels Aussicht vom Eiffelturm besucht das Pärchen am Nachmittag die Kundgebung der Reformgegner. Eine echte Pariser Demo als neueste Sightseeing-Attraktion – hautnah erlebt, wenn gewünscht gar mit einem Hauch Tränengas. (Stefan Brändle, 16.1.2020)