"Wenn Schule etwas dringend tun muss, dann das: Kindern Gelegenheit geben, ihre Moralkompetenz zu entwickeln", fordert der Psychologe Georg Lind.

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Im Dilemma: Da oder dort? So oder anders? Was ist richtig? Der Alltag konfrontiert uns ständig mit widerstreitenden moralischen Maximen.

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Die türkis-grüne Regierung hat sich wie die ÖVP-FPÖ-Koalition geeinigt, Ethikunterricht nur für jene Schüler einzuführen, die keinen Religionsunterricht besuchen oder ohne religiöses Bekenntnis sind. Der deutsche Psychologe Georg Lind plädiert dafür, dass in der Schule generell die Moralkompetenz gefördert werden müsse. Moral ist lehrbar! Wie man moralisch-demokratische Fähigkeiten fördern und damit Gewalt, Betrug und Macht mindern kann heißt eines seiner Bücher. Mit der Konstanzer Methode der Dilemma-Diskussion schuf Lind ein Verfahren, das die moralische Urteils- und Diskursfähigkeit nachweislich stärkt. Sie wird weltweit angewendet in Schulen, in der Lehrerbildung, beim Militär und in Gefängnissen. Am Mittwoch (22. Jänner, 17 Uhr, NIG, Hörsaal 3D) referiert er in Wien.

STANDARD: Die Ethik oder auch der Ethikunterricht haben die Sympathie wenn auch nicht aller, so doch vieler Menschen. Die Moral hat’s da wesentlich schwerer. Sie kommt oft als "moralinsauer" oder als "Doppelmoral" daher. Und gern wird Bert Brecht zitiert, der meinte: "Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!" Warum ist das so?

Lind: Dass das Wort Moral im Alltag einen schlechten Ruf hat, war nicht immer so. Aber es wurde und wird zu oft missbraucht. Im vorletzten Jahrhundert schwadronierte man von der "moralischen Überlegenheit" der weißen Rasse, um den Völkermord an afrikanischen Menschen zu rechtfertigen. Wenig später wurden moralische Forderungen für ein "Volk ohne Raum" bemüht, um einen Raubkrieg gegen Polen und Russland zu legitimieren. Solche Praktiken kommen auch im Alltag vor und werden zu Recht als "Doppelmoral" angeprangert, obwohl es sich dabei strenggenommen um eine "Doppelethik" handelt. Im Alltag werden die Begriffe Moral und Ethik meist gleichbedeutend und wertend benutzt. Wir sagen: Das war moralisch falsch. Oder: Das war ethisch richtig. Ich unterscheide sie und benutze sie beschreibend.

STANDARD: Wie sieht der Unterschied aus?

Lind: Moral beschreibt, wie Menschen sich verhalten, und Ethik beschreibt, wie Menschen über Moral reden und denken. Moral muss nicht wie die Ethik gelehrt, aber sie muss gefördert werden. Das ist ein wichtiger Unterschied. Ethik hilft uns, Moral zu verstehen und zu fördern. Moral wurde nicht von Philosophen oder Politikern erfunden, sondern kommt von innen. Grundlegende moralische Maximen wie das Verlangen nach Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit sind uns allen angeboren. Sogar bei Tieren können wir sie beobachten. Sie sind übrigens älter als die Religion. Ideale reichen aber nicht. Dilemmas sind das Problem. Ethiker und Dichter kennen kaum Dilemmas. Bei ihnen ist alles einfach: Wer die Wahrheit liebt, darf nicht lügen. Wer Demokratie will, muss Freiheit aushalten. Wer moralisch sein will, darf nicht (fr)essen. Im Alltag jedoch sind wir ständig mit widerstreitenden moralischen Maximen konfrontiert.

STANDARD: Wie können wir solche moralischen Dilemmas lösen oder lösen lernen?

Lind: Meist müssen wir selbst – durch Abwägen und durch Diskussion mit anderen – herausfinden, was richtig und was falsch ist. Dafür benötigen wir Moralkompetenz. Leider haben die meisten Menschen eine zu niedrige Moralkompetenz. Das liegt, wie Studien zeigen, daran, dass sie zu wenige Gelegenheiten haben, über Dilemmas nachzudenken und mit anderen zu diskutieren. Wer aber eine zu geringe Moralkompetenz hat, muss Dilemmas anders lösen: nämlich durch Gewalt, durch Betrug, durch Verdrängung oder durch Unterwerfung unter eine Autorität. Weil das so ist, kommt unsere real existierende Demokratie nicht ohne einen gewaltigen und sehr teuren Polizei- und Justizapparat aus. Wir leben also in einer mehr oder weniger erzwungenen Demokratie. Und wenn die Schule etwas wirklich dringend tun muss, dann das: den Kindern Gelegenheit geben, ihre Moralkompetenz zu entwickeln. Moralkompetenz entwickelt sich nur, indem wir sie benutzen und üben können. Offensichtlich bietet die Schule zu wenige oder gar keine Gelegenheiten dafür. Weder Ethik noch Religion noch politische Bildung und auch nicht Eltern können dieses schulische Defizit ausgleichen. So wenig wir den Sportplatz durch ein Schaubild ersetzen können, so wenig können wir Moralkompetenztraining durch Ethiktexte ersetzen.

STANDARD: Sie sagen, "Moral ist lehrbar", und haben dazu die Konstanzer Methode der Dilemma-Diskussion (KMDD) entwickelt. Diese Methode wird in Workshops in Deutschland, in der Schweiz, in Istanbul, in Polen und Kolumbien, in Mexiko und Kalifornien gelehrt und angewendet. Was kann sie leisten?

Lind: Diese Fördermethode ist hochwirksam, kostet fast kein Geld und keine Zeit und erfordert auch keine Änderung der Lehrpläne oder Stundentafeln. "Lehrbar" ist übrigens provokant gemeint. Sie ist mittels der KMDD förderbar. Das Ziel ist nichts weniger als eine bessere Welt, in der alle die Fähigkeit entwickeln können, Probleme und Konflikte allein durch Denken und Diskussion zu lösen. Wir wollen erreichen, dass Menschen dazu weder Gewalt noch Betrug benötigen noch ihre Verantwortung an autoritäre Führer abgeben müssen, weil Freiheit und Demokratie sie überfordern – mit den bekannten katastrophalen Folgen.

STANDARD: Moral scheint recht instabil. Sie haben bei Ihren Studien beobachtet, dass Gefängnisinsassen ihre moralische Kompetenz mit der Zeit wieder "verlernen". Wie das?

Lind: Ja, unsere Moralkompetenz bildet sich zurück, aber nur dann, wenn uns über längere Zeit die Gelegenheit genommen wird, sie anzuwenden. Sie verkümmert dann wie ein Muskel, der längere Zeit nicht benutzt werden kann. Beispiele sind ein längerer Aufenthalt im Gefängnis, aber auch Schulen und Hochschulen, die keine Gelegenheit zum Denken und Diskutieren bieten.

STANDARD: Sie arbeiten mit der Dilemma-Diskussion in der Lehrerbildung, sie wurde in der Offiziersausbildung eingesetzt und bei Demokratiekompetenztrainings an einer Uni in Guangzhou in China. Was tun Sie da?

Lind: Ich mache dort immer das Gleiche. Ich vermittle den Menschen keine moralischen Ideale. Die haben sie schon. Ich trainiere ihre Fähigkeit, die Dilemmas zu bewältigen, in die diese Ideale sie immerzu bringen. Lehrerbildung ist da entscheidend. Ohne methodisch gut ausgebildete Lehrpersonen kann mit der KMDD keine Wirkung erzielt werden. Im Gegenteil. Studien haben gezeigt, dass "halb" ausgebildete Lehrpersonen oft sogar negative Effekte haben.

STANDARD: Sie sagen, es gibt einen Zusammenhang zwischen Moral, Demokratie und Bildung – wie sieht der aus?

Lind: Sie bilden eine Einheit. Ohne das eine geht das andere nicht. Demokratie ist ja ein Bündel von moralischen Idealen, die alle Menschen haben: Freiheit, Gerechtigkeit, Wahrheit, Kooperation. Die Ideale werden aber nur dann konstruktiv wirksam, wenn die Menschen lernen können, wie man die Dilemmas auflöst, die diese Ideale immer wieder erzeugen. Wer nur die Ideale hat, aber Dilemmas nicht durch Denken und Diskussion lösen kann, wird sich entweder antidemokratischen Bewegungen anschließen oder Demokratie und Moral mit Gewalt zu verwirklichen versuchen.

STANDARD: Was bedeutet das alles für den Ethikunterricht? Muss das der Ort sein, an dem Moral gelehrt wird?

Lind: Auch Ethikunterricht kann Moralkompetenz fördern, auch wenn sich Ethiker mit Moral manchmal schwertun. Als der Ethikprofessor Max Scheler auf seinen angeblich "unmoralischen Lebenswandel" angesprochen wurde, soll er gesagt haben: "Auch der Wegweiser geht nicht den Weg, den er weist." Besser wäre es, wenn die ganze Schule Kindern Gelegenheiten böte, ihre Moralkompetenz anzuwenden und zu entwickeln. Sie sollte natürlich auch in Hochschulen und am Arbeitsplatz gefördert werden und durch öffentliche Veranstaltungen, wie etwa das Diskussionstheater, das wir entwickelt haben. (Lisa Nimmervoll, 21.1.2020)