Wer auf Youtube den Klimawandel leugnet, schafft es in die Empfehlungen – und kann viel Geld verdienen.

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"Broadcast yourself" – das war der Slogan von Youtube in den Anfangsjahren, und die dahintersteckende Idee verhalf der Videoplattform zu ihrem Siegeszug: Jede und jeder kann Videos publizieren. Aber nicht alles, was auf Youtube abrufbar ist, ist auch faktisch richtig. Soziale Medien und Onlineplattformen stehen immer wieder in der Kritik, nicht genug gegen Fake-News und Desinformation zu unternehmen.

Die US-Aktivistengruppe Avaaz wirft Youtube nun vor, Usern Videos, in denen der menschengemachte Klimawandel in Abrede gestellt wird, aktiv empfohlen zu haben. Diese per Algorithmus ausgewählten Videos seien für 70 Prozent der auf Youtube verbrachten Zeit verantwortlich. Laut Avaaz enthalten 16 Prozent der 100 meistempfohlenen Videos zum Thema "globale Erwärmung" Falschinformationen, sucht man nach "Klimamanipulation", seien es sogar 21 Prozent. Viele der Videos hätten hunderttausende oder Millionen Aufrufe.

Geld verdienen mit Klimawandel-Skeptizismus

Die NGO kritisiert außerdem, dass die Videos der Klimawandel-Skeptiker von Youtube zur Monetarisierung freigegeben wurden. Etwa 55 Prozent der Werbeeinnahmen gehen damit an den Ersteller eines Videos, den Rest behält sich die Plattform selbst.

Unternehmen, die auf Youtube Werbung schalten, würden aber gar nicht wissen, wo diese geschaltet wird. So hätten etwa einige der größten Unternehmen der Welt, darunter Samsung, L'Oreal und Danone, unabsichtlich Klimawandel-Leugner finanziert. Auch Organisationen wie WWF oder Greenpeace Spanien bestätigten gegenüber Avaaz, dass ihre Werbung vor den besagten Videos abgespielt wurde. Sie haben Youtube aufgerufen, umgehend Maßnahmen zu ergreifen. "Hier geht es nicht um Meinungs-, sondern um Werbefreiheit", erklärte Avaaz-Vertreterin Julie Deruy in einer Aussendung.

Avaaz: Youtube soll Empfehlungen "entgiften"

Avaaz forderte Youtube dazu auf, den Empfehlungs-Algorithmus von Youtube zu "entgiften", indem Videos mit Desinformationen nicht mehr vorgeschlagen werden. Zudem sollten diese Videos nicht mehr monetarisiert werden können, womit der finanzielle Anreiz für die Ersteller wegfiele. Die Videoplattform solle mit unabhängigen Fact-Checkern zusammenarbeiten, um irreführende Inhalte zu identifizieren und zu korrigieren.

Im letzten Sommer hatte Youtube begonnen, Videos, die von staatlichen Stellen oder öffentlichen Rundfunkanstalten kommen, gesondert zu kennzeichnen. Kurz zuvor hatten hunderte Accounts scheinbar konzertiert Falschinformationen über die Proteste in Hongkong verbreitet.

Youtube wies die Forderungen zurück. Das Unternehmen betreibe seit einiger Zeit großen Aufwand, "um grenzwertige Inhalte und schädliche Missinformationen zugunsten von zuverlässigen Stimmen zu reduzieren", hieß es in einer Erklärung des Unternehmens. Doch sei das System der Empfehlungen nicht darauf angelegt, Videos "auf der Basis von bestimmten Ansichten herauszufiltern oder herabzustufen".

Nicht alle Versuche, Fake-News Herr zu werden, gelingen: Ein Algorithmus, der Infoboxen zu nachrichtlichen Videos liefern sollte, sah im Brand des Notre-Dame-Kathedrale etwa die Anschläge vom 9. September 2001. (red, 22.1.2020)