Emmanuel Macron hat den Streik überlebt, ist aber politisch angeschlagen.

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Frankreich kehrt langsam zum Alltag zurück. Laut der Bahngesellschaft SNCF verkehrten am Montag wieder die meisten TGV- und Überlandzüge. In Paris nahmen elf der 14 Metrolinien den Betrieb auf. Die bei den Pariser Verkehrsbetrieben RATP führende Gewerkschaft Unsa hatte am Vortag bekanntgegeben, dass sie ihren unbefristeten Streik storniert und "andere Aktionen" anstrebt.

Dieser Rückzieher bedeutet noch nicht das Ende der Proteste gegen die Rentenreform von Emmanuel Macron. Am Freitag, wenn die Regierung das detaillierte Projekt vorlegen wird, wollen die Gegner erneut auf die Straße gehen. Docker, Anwälte, Spitalsärzte und Lehrer streiken weiter.

Die große Verkehrsblockade ist allerdings aufgehoben. Klare Sieger und Verlierer des über sechswöchigen Streiks sind nicht auszumachen. Die Gewerkschaften haben einiges erreicht, darunter eine Konferenz über die Finanzierung des Pensionssystems im März. Die Regierung wird dabei tief in die Staatskasse greifen. Eisenbahner und Beamte dürften zwar ihre Spezialpensionen verlieren, aber Kompensationen in zweistelliger Milliardenhöhe erhalten.

Macron ist jedenfalls angeschlagen. In Umfragen rückt ihm Rechtspolitikerin Marine Le Pen näher, bei den Kommunalwahlen im März wird es Macrons Partei "La République en Marche" schwer haben.

Folgen vor allem individuell

Die Wirtschaftschäden des rekordlangen Bahnstreiks zeigen sich vor allem auf individueller Ebene. Die Bahn- und Metrobetriebe haben über eine Milliarde Euro verloren und werden den Pendlern Preiserhöhungen nicht ersparen können. Stark gelitten haben auch Laden- und Hotelbesitzer. Die Streikenden haben ihrerseits oft bis zu einem Monatsgehalt verloren.

Die gesamtwirtschaftlichen Folgen halten sich hingegen in Grenzen. Wirtschaftsminister Bruno Le Maire beziffert sie mit 0,1 Prozent des Bruttosozialprodukts im ersten Quartal.

Die ausländischen Investoren lassen sich kaum abschrecken, wie sich am Montag auch bei dem jährlichen Empfang internationaler Konzernchefs in Versailles zeigte. Beim Event "Choose France" ("Wählen Sie Frankreich"), der dem Wirtschaftsforum in Davos vorgeschaltet ist, konnte Macron eine Reihe größerer Investitionen verkünden. Google, Ericsson, Netflix, JP Morgan und Astra Zeneca schaffen in Frankreich jeweils hunderte Arbeitsplätze; der italienische Reeder MSC bestellt zwei Kreuzfahrtschiffe in der Werft von Saint-Nazaire.

Der Wirtschaftsstandort Frankreich profitiert offensichtlich von den Unwägbarkeiten des Brexits. In einer Erhebung der Agentur Business France wird Frankreich hinter Deutschland zum zweitattraktivsten EU-Mitglied für internationale Investoren. Die befragten Unternehmenschefs lassen sich von der französischen Streiktradition kaum abhalten. Ein Graus ist sie laut der Umfrage nur für die britischen Anleger. (Stefan Brändle aus Paris, 21.1.2020)