Warum schleppt ein Leopard seine Beute mühsam ins Geäst? Vielleicht will er sie gar nicht löwensicher machen – die Antwort könnte viel weiter in der Zeit zurückliegen.
Foto: Hans Ring, Naturfotograferna

Ironie der Erdgeschichte: Seit Jahren debattieren Wissenschafter darüber, wann das Anthropozän begonnen habe – mit den Atombombenexplosionen im 20. Jahrhundert (Extremposition eins) oder schon am Ende der Eiszeit, als prähistorische Jäger das Aussterben zahlreicher Großtierarten herbeiführten (Extremposition zwei). Denkt man letztere Ansicht konsequent weiter, könnten neue Untersuchungen allerdings zu einem paradoxen Schluss verführen: Das vom Menschen geprägte Erdzeitalter, so die Definition des Anthropozäns, wäre demnach älter als der Mensch selbst.

Ehe man sichs versieht, steckt man damit in einer ähnlich kontrovers geführten, aber viel älteren wissenschaftlichen Debatte, die um folgende Frage kreist: Warum sind überall mit Ausnahme Afrikas und Teilen Asiens die großen Landtiere verschwunden? Megafauna gab es in den vergangenen 50 Millionen Jahren auf allen Landmassen – natürlich in wechselnder Besetzung, aber irgendwelche Riesen waren immer dabei. Nur heute nicht mehr.

Overkill versus Klimawandel

Vertreter der sogenannten Overkill-Hypothese schreiben die Hauptverantwortung dafür dem Menschen zu. Sobald er neue Regionen zu bevölkern begann, habe er durch Überjagung die Bestände von Pflanzenfressern zum Schwinden gebracht. Man muss sich das gar nicht unbedingt wie eine einzige Schlachtorgie vorstellen. Es hätte schon gereicht, dass die zwangsläufig langsamen Fortpflanzungszyklen der Riesentiere mit den Todesfällen nicht mehr mithalten konnten, um eine Abwärtsspirale in Gang zu setzen. Den Pflanzenfressern wären dann rasch die Raubtiere, die nicht mehr genügend Beute machten, in den Untergang gefolgt.

Gegner der Hypothese führen ganze Bündel an möglichen natürlichen Erklärungen ins Feld, allen voran Klimaveränderungen. Die würden beispielsweise zu Nordamerika passen, wo das große Sterben am Ende der letzten Kaltzeit einsetzte. Allerdings ermöglichte ein und derselbe Klimaumschwung auch die Ausbreitung des Menschen, die beiden Faktoren sind also praktisch unmöglich voneinander zu trennen. Und zu Australien, wo die Menschen einige Zehntausend Jahre früher ankamen (und die Großtiere zu verschwinden begannen), passt die Klimahypothese schon nicht mehr so gut. Im Fall sehr viel später besiedelter Inseln wie Madagaskar oder Neuseeland passt sie dann überhaupt nicht mehr. Vieles spricht also für den Overkill.

(Doch kein) Sonderfall Afrika

Doch warum sollte ausgerechnet Afrika, die Urheimat des Menschen, von diesem Effekt verschont geblieben sein? Falsche Fragestellung, konterte 2018 ein Team um Felisa Smith von der University of New Mexico im Fachblatt "Science". Afrika blieb keineswegs verschont: Auch dort kam es zu Aussterbewellen, sie zogen sich nur über einen viel längeren Zeitraum hin und fielen dadurch im Fossilienbefund nicht so dramatisch auf.

Zu dieser Aussage kam Smith, indem sie die Säugetierdurchschnittsgröße auf den einzelnen Kontinenten im Laufe der Jahrmillionen verglich. Das verblüffende Ergebnis: In der Ära unmittelbar vor dem Auszug des Menschen aus Afrika war die Durchschnittsmasse der Tiere Eurasiens fast doppelt so groß wie die der afrikanischen. Afrika hatte also schon einen schleichenden Prozess der Verarmung hinter sich. Dass es heute als der Megafauna-Kontinent schlechthin gilt, liegt eher daran, wie horrend der Schnitt im Rest der Welt gesunken ist.

Eine Großkatze der Gattung Dinofelis hat Beute gemacht. Im Vordergrund lauert einer unserer Urahnen auf eine Gelegenheit, um sie ihr abzuluchsen.
Illustration: Mauricio Antón

Und nun erweitert eine aktuelle Studie in "Ecology Letters" den Zeithorizont noch einmal beträchtlich. Ein Team von Paläontologen aus Großbritannien, Schweden und der Schweiz hat sich einer bislang wenig beachteten Aussterbewelle gewidmet, die vor etwa vier Millionen Jahren, im Pliozän, in Ostafrika einsetzte. Betroffen waren zur Abwechslung diesmal in erster Linie Raubtiere – etwa die Großkatze Dinofelis, die sich von Afrika aus sogar bis nach Eurasien und Nordamerika ausgebreitet hatte, also eigentlich ein sehr erfolgreiches Tier gewesen war. Außer ihr verschwanden unter anderem auch Bären sowie Riesenformen von Mardern, Ottern und Schleichkatzen.

Wie so oft wurde dafür bisher ein Klimawandel verantwortlich gemacht. Søren Faurby von der Universität Göteborg wüsste allerdings nicht, was das für ein Wandel hätte gewesen sein sollen. Als er mit seinen Kollegen die klimatische Entwicklung der Region im betreffenden Zeitraum untersuchte, fand er lediglich Hinweise auf leichte Schwankungen, aber nichts, das einem Umbruch auch nur nahegekommen wäre. Er stellt die Aussterbewelle daher in einen anderen Kontext, nämlich den der Ausbreitung unserer fernen Urahnen.

Und damit hätten wir es zugespitzt formuliert tatsächlich mit einem "vormenschlichen Anthropozän" zu tun, denn die Gattung Homo existierte zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Unsere Ahnenreihe war damals gerade erst beim Australopithecus angekommen. Dafür waren dieser kleine Vormensch und seine engsten Verwandten im fraglichen Zeitraum schon über weite Teile Ostafrikas verbreitet – möglicherweise war das genug, um zu einem ökologischen Faktor zu werden.

Plündernde Primaten

Bis hierher ist das nur eine zeitliche Parallele, da fehlt noch der Kausalzusammenhang. Aktive Jagd im Overkill-Modus dürfte ausscheiden, denn warum sollten die kaum mehr als einen Meter großen Australopithecinen in die Kamikazetaktik verfallen sein, ausgerechnet große Raubtiere zu jagen? Faurby hat da eine ganz andere Hypothese. Er vermutet, dass die Australopithecinen im Zuge ihrer fortschreitenden Gehirnentwicklung ihr Verhaltensrepertoire erweitert haben. Sie waren vielleicht noch keine aktiven Großwildjäger, aber sie könnten Kleptoparasiten gewesen sein.

Kleptoparasitismus bedeutet, dass ein Tier einem Jäger seine Beute abspenstig macht. Manche Tierarten, etwa Raubmöwen oder Diebsspinnen, haben sich darauf geradezu spezialisiert. Andere tun es im Nebenerwerb. Es gelingt entweder durch überlegene Körperkraft, etwa wenn ein Löwe einen Gepard von dessen Beute verscheucht, oder durch Überzahl wie bei Hyänenrudeln, die selbst Löwen die Stirn bieten. Bei Wichteln wie den Australopithecinen wäre es wohl die Gruppentaktik gewesen. Analog zum Overkill-Effekt könnte dies über Jahrtausende und Jahrmillionen hinweg die Nahrungsgrundlage mancher Raubtiere so sehr geschmälert haben, dass sie immer weniger wurden und schließlich ausstarben.

Die Vorsicht der Katzen

Das ist zwar eine bislang nicht beweisbare Spekulation. Doch Indizien dafür glauben Faurby und seine Kollegen nicht nur im Fossilienbefund, sondern auch im Verhalten heutiger afrikanischer Raubtiere ausgemacht zu haben. So sind Leoparden dafür bekannt, dass sie ihre erlegte Beute gerne auf einen Baum zerren. Machen sie sie damit nur löwensicher, oder argwöhnen sie auch zweibeinige Plünderer? Und Löwen leben – ungewöhnlich im Katzenreich – in Rudeln. Das Kollektiv erleichtert ihnen nicht nur die Jagd, sondern auch das Behalten der Beute. Die Forscher vermuten, dass die großen Raubtiere Afrikas solche Schutz- und Verteidigungsstrategien entwickeln mussten, um zu überleben.

Ein Löwe allein ist stark. Ein Rudel aber ist nahezu unschlagbar.
Foto: AP Photo/Andrew Milligan/PA

Es wäre ein Beleg für eine häufig gegebene, aber immer etwas schwammig gebliebene Antwort auf die Frage, warum zumindest ein Teil der afrikanischen Megafauna dem Overkill-Effekt entgangen ist: Die Tiere hatten mehr Zeit, sich auf den Menschen einzustellen. Dieser Studie zufolge wäre es noch wesentlich mehr Zeit gewesen als bisher gedacht.

Das gegenwärtige Artensterben wird von manchen Forschern schon als das sechste große Massenaussterben der Erdgeschichte bezeichnet. "Aber das bedeutet nicht, dass wir früher in Harmonie mit der Natur gelebt haben", sagt Faurby. Es handle sich nur um die Beschleunigung eines Prozesses, den unsere Vorfahren schon vor Millionen von Jahren in Gang gesetzt haben. Zurückzuführen sei er auf die menschliche Fähigkeit, natürliche Ressourcen zu monopolisieren. Anders als unsere Urahnen hätten wir inzwischen allerdings noch eine weitere Fähigkeit: nämlich die Folgen unseres Verhaltens zu erkennen und es entsprechend zu ändern. (Jürgen Doppler, 9.2.2020)