Das Ziel steht fest: 2,5 Hektar – mehr Fläche sollte in Österreich an jedem einzelnen Tag nicht "verbraucht" werden, also von Grünland in Straßen, Gebäude, Einkaufszentren oder Parkplätze umgewandelt werden. 2018 lag dieser Wert noch bei 10,4 Hektar pro Tag – also 38 Quadratkilometer im Jahr.

Knapp die Hälfte davon wird versiegelt, also wasserundurchlässig verbaut (siehe "Wissen"). Die Folgen bekommen wir in heißer werdenden Sommermonaten zu spüren: Asphalt heizt sich stärker auf als natürlicher Boden – und trägt dazu bei, dass man sich mancherorts wie im Backofen fühlt. Bei Starkregen kommt es häufiger zu Überschwemmungen. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich der Flächenverbrauch zwar verbessert; 2010 waren es 24 Hektar pro Tag. Schon damals hätte aber eigentlich der eingangs genannte Zielwert erreicht werden sollen.

Die neue Regierung will das Thema ernsthaft angehen. "Gesunde Böden und zukunftsfähige Raumordnung" heißt ein Unterkapitel im Regierungsprogramm. Es trägt eine grüne Handschrift – entsprechend zufrieden sind grüne Verhandler damit. Versprochen wird eine "österreichweite Bodenschutzstrategie für sparsamen Flächenverbrauch", inklusive Umsetzung der Empfehlungen der Österreichischen Raumordnungskonferenz zur Stärkung der Orts- und Stadtkerne und zum Flächensparen. Außerdem soll ein "Zielpfad" zur Erreichung des 2,5-Hektar-Ziels bis 2030 erstellt und ein bundesweites Monitoring zum Bodenverbrauch etabliert werden.

Experten sehen all das positiv. Arthur Kanonier, Leiter des Forschungsbereichs Bodenpolitik und Bodenmanagement an der TU Wien, nennt das Programm "engagiert und lobenswert". Für Kurt Weinberger, Vorstand der Österreichischen Hagelversicherung, die seit Jahren auf die Problematik aufmerksam macht, ist es "sehr, sehr erfreulich", dass das Thema "in einem solchen Detaillierungsgrad ins Programm aufgenommen wurde". Das Problem:_Der Bund hat in Sachen Raumordnung nicht viel zu sagen, sie ist Ländersache. Für Kanonier kann der Bund höchstens mit gutem Beispiel vorangehen, etwa was den Umgang mit Liegenschaften in seinem Eigentum betrifft.

Finanzausgleich als Hebel

Auch Weinberger ist deswegen skeptisch. Mit dem Finanzausgleich stehe dem Bund aber ein nicht zu verachtender Hebel zur Verfügung. Der Bund könne etwa über diesen Hebel Geld für Bestandssanierungen und Leerstandsnutzungen anbieten. "Ohne Anstoßfinanzierung wird es nicht gehen."

Getan werden müsse dringend etwas, um der "grob fahrlässigen" Entwicklung der letzten 25 Jahre Einhalt zu gebieten. 150.000 Hektar Agrarfläche seien in dieser Zeit verlorengegangen, das entspreche "den ganzen Agrarflächen des Burgenlands".

Eines der größten Probleme sieht Weinberger darin, dass die Ämter der Landesregierungen oft Änderungen in den Flächenwidmungsplänen der Gemeinden durchwinken, anstatt stärker auf vernünftige, ökologisch verträgliche Pläne zu pochen: "Hier ist ganz bestimmt eine stärkere Kontrolle nötig." Auch zum Schutz der Bürgermeister selbst, die sich oft in einer "Sandwich-Situation" wiederfinden: Persönlich bekannte Grundbesitzer drängen auf Umwidmung, die Bürgermeister wollen bei der nächsten Wahl keine Stimmen verlieren.

Bürgermeister mit Problembewusstsein haben auch an anderen Fronten zu kämpfen. Rainer Handlfinger, SP-Ortschef von Ober-Grafendorf, ist beim Umwidmen auf die Bremse getreten. Im Gemeinderatswahlkampf wird er nun dafür von der Opposition kritisiert. Diese fordere neues, günstiges Bauland, sonst entwickle sich die Gemeinde nicht weiter. Der Druck sei groß; eine Nachbargemeinde hat gerade mehrere Hektar in Bauland umgewidmet. "Das Land greift viel zu wenig ein."

Und auf die "70 bis 90" unbebauten Baulandparzellen in seiner Gemeinde habe er keinen Zugriff. Handl finger fordert von der Landespolitik deshalb "Werkzeuge, um Baulücken, bei denen wir die gesamte Aufschließung schon bezahlt haben, mobilisieren zu können". Eine höhere Grundsteuer auf unbebautes Bauland hielte er für sehr sinnvoll.

Preisgekrönte "Ökostraße"

Gegen die Bodenversiegelung hat er selbst schon etwas unternommen: Eine Siedlungsstraße wurde 2015 zur "Ökostraße", die das Regenwasser in einer Drainage sammelt, anstatt es in den Kanal einzuleiten. Spezielle Pflanzen in der Drainage holen sich das Wasser, das sorgt im Sommer auch für Kühlung durch Verdunstung. Für das mit der Boku entwickelte Projekt gab es 2016 den Austrian Energy Globe Award. Auch Nachahmer gibt es bereits.

Es tut sich also etwas. Das betont man auch beim Verein Landluft, der jüngst den "Baukulturgemeinde-Preis" für vorbildliche Gemeinden auslobte. Das Motto: "Boden g'scheit nutzen". Das Problem des exorbitanten Bodenverbrauchs sei bei der Bevölkerung durchaus angekommen. Schlechte Raumplanung steche aber leider viel mehr ins Auge als gute, sagt Vereinsmitglied und Raumplanerin Sibylla Zech.

Flächenversiegelung wird auch angesichts heißer werdender Sommer zum wachsenden Problem.
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Und auch mit Maßnahmen wie der Ökostraße lässt sich die Bodenversiegelung derzeit nur verlangsamen. Ganz in der Nähe dürften nämlich schon bald viele hundert Hektar für die geplante Schnellstraße S34 neu versiegelt werden. Straßen und Parkplätze, aber auch Betriebsgebiete auf der grünen Wiese sind die größten Treiber. Weniger das Einfamilienhaus, auf das in diesem Zusammenhang oft hingedroschen wird, sagt Zech: "Es gibt Regionen, wo das Einfamilienhaus seine Berechtigung hat." Zudem hätten die meisten Gemeinden ihre Siedlungsgrenzen definiert und würden nur noch innerhalb dieser Grenze bauen.

Unnötige Wege einsparen

Bei den Einfamilienhäusern gehe der Trend derzeit auch hin zu kompakten Flächen auf kleinem Grund, sagt TU-Wien-Raumplaner Thomas Dillinger – aus Kostengründen, und weil man sich die viele Gartenarbeit ersparen will. Dennoch brauche es mehr platz- und ressourcenschonende Alternativen. Die Zersiedelung, die nun zum Problem wird, sei erst durch die Verbreitung des Autos nach dem zweiten Weltkrieg gekommen. Nun müssten Planer verstärkt auf klimaschonende Raumentwicklung setzen. Etwa, indem Mischnutzungen – eine Kombination aus Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Konsum – forciert werden, um Menschen unnötige Wege zu ersparen: "Niemand setzt sich gern ins Auto, um einen Liter Milch einzukaufen." Eine Spielart sind Wohnungen auf Supermärkten. Die ebenerdigen und gut sichtbaren Parkplätze, die Supermarktbetreibern so wichtig sind, könnten dafür unter die Erde wandern.

So könnten künftig mehr Flächen den umgekehrten Weg gehen und entsiegelt werden. Der Prozess ist teuer und aufwändig. Immerhin werden auch dieser Entsiegelung im Regierungsprogramm einige Zeilen gewidmet. Potenzial gäbe es: Eine Erhebung des Umweltbundesamts kam im Jahr 2017 auf 40.000 Hektar an brachliegenden Industrie- und Gewerbeflächen und leerstehenden Häusern. Möge irgendwann Gras darüber wachsen. (Martin Putschögl, Franziska Zoidl, 22.1.2019)