Mitte der 1990er kam eine faszinierende neue Technologie in Österreich an, die heute aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken ist: das World Wide Web. DER STANDARD war früh dabei und brachte damals seine erste Homepage online, die man auch stolz auf der "Global Village"-IT-Messe im Rathaus präsentierte. Ab 1997 erschienen dort schließlich neben den Zeitungsartikeln auch die ersten eigens "für online" geschriebenen Inhalte.

Zu dieser Zeit waren erst wenige hunderttausend Österreicher "online". Der Verbindungsstandard war damals eine 56-Kilobit-Anbindung per Telefonmodem. Eine Geschwindigkeit, die man sich im Jahr 2020 kaum noch vorstellen kann. Der Aufbau moderner Webseiten dauert damit mehrere Minuten, und selbst der Abruf von mit Bildern durchsetzten E-Mails bereitet mit einer effektiven Downloadgeschwindigkeit von rund sechs Kilobyte pro Sekunde nur wenig Freude.

Von richtigen und falschen Prognosen

Das Internet war damals jedoch einfacher – und trotzdem scheinbar unendlich. In einem 85-minütigen Video erklärten die ORF-Moderatoren Josef Broukal und Gabriele Haring, was dieses Web eigentlich ist, was sich darin tun lässt und prognostizierten zu Recht, dass es unser Leben massiv verändern wird.

Ganz im Gegensatz zum Zukunftsforscher Matthias Horx, der im Jahr 2001 auf Basis einer von ihm durchgeführten Untersuchung noch voraussagte, dass das Internet "kein Massenmedium" werden wird. Eine Aussage, die bis heute immer wieder ihre Kreise im Netz zieht.

Josef Broukal und Gabriele Haring erklären anno 1997 das World Wide Web.
Gebhardt Productions

Browserkriege

Die ersten Killer-Apps des Internets waren der Browser und die E-Mail. Vorbei die Zeit langwieriger Briefsendungen und lärmender Faxgeräte. Ein Klick genügte, und die Nachricht landete nach wenigen Sekunden im Posteingang des Empfängers – und zwar selbst am anderen Ende der Welt.

Um sich Webseiten anzusehen, benutzten Mitte der 1990er die meisten User noch den Netscape Navigator. 1995 stellte Microsoft den Internet Explorer vor und eröffnete den ersten sogenannten Browserkrieg. Verlangte man Anfangs, so wie der Konkurrent, noch Geld für das Programm, bot man es ab August 1996 mit Version 3.0 erstmals allen Nutzern kostenlos an.

In Kombination mit der fixen Integration in das Windows-Betriebssystem ab Windows 95 riss Microsoft in den kommenden Jahren die Marktmacht im Browsersegment an sich. Zum Sinnbild dafür wurde die Version 6, die man 2001 mit Windows XP auslieferte. Der Ruf nach einer Alternative wurde laut. Als solche präsentierte sich der Mozilla Phoenix, der später in Firebird und dann Firefox umbenannt wurde – quelloffen und mit Fokus auf etablierte Standards, wo Microsoft oft sein eigenes Süppchen kochte. Der zweite "Browserkrieg" hatte begonnen. Er dauert bis heute an und findet auch regelmäßig in der STANDARD-Berichterstattung Erwähnung.

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Das Moorhuhn und die Dotcom-Blase

Untrennbar verknüpft ist die Zeit um die Jahrtausendwende auch mit vielen Mini-Games, die über das Netz populär wurden. Das erste Spiel, das dank des Internets auch seine Kreise in sonst Games-fernen Breitenmedien zog, war die Moorhuhnjagd. 1998 tourten Teams im Auftrag des Whiskeyherstellers Johnny Walker durch Gaststätten und präsentierten dort ein simpel gestricktes Spiel, in dem man auf der Jagd nach dem Highscore Comic-Vögel per Mausklick abschießen musste.

Der Hype um das Spiel – gepflegt auch in zahlreichen STANDARD-Artikeln – sorgte in manchen Firmen und Schulen dank seines hohen Ablenkungspotenzials für Kopfzerbrechen. Im Jahr 2000 folgte der zweite Teil, der ebenfalls auf großen Anklang stieß. Entertainer Wigald Boning widmete dem Phänomen gar einen eigenen Song namens "Gimme More Huhn".

Für das verantwortliche Studio Phenomedia schienen goldene Zeiten anzubrechen. Seit dem Börsenstart 1999 hatte man sich zum Investorenliebling entwickelt. Man verdiente fleißig mit Moorhuhn-Merchandise und kaufte andere Unternehmen zu. Doch dann platzte 2002 die Übernahme einer Multimediaagentur, und die Firma, die in den Jahren davor noch starke Bilanzzahlen vorgelegt hatte, schlitterte in die Insolvenz und wurde ein eigenes Kapitel im Trümmerhaufen der geplatzten Dotcom-Blase. Nach langwierigen Verfahren wurden zwei ehemalige Vorstände 2009 wegen Bilanzfälschung, Betrugs und Untreue zu Haftstrafen verurteilt.

Telekom-Boom und Ernüchterung

Zur Jahrtausendwende herrschte auch Aufbruchstimmung am frisch liberalisierten, österreichischen Telekommarkt. Dort buhlten zahlreiche Anbieter um den neuen Markt der Internetnutzer. Nach mehreren Jahren teurer Verrechnung pro Verbindungsminute folgten Volumentarife und – im Kabelnetz von Chello sowie der Aon-Complete-Tarif – schließlich die ersten Flatrates.

Die intensive Konkurrenz sorgte aber auch dafür, dass manche Anbieter schnell wieder die Segel strichen. So startete etwa einst der Anbieter Yline 1998 mit viel Fanfare. 1999 startete man an der Wiener Börse mit einer Bewertung von 29 Euro je Aktie. Binnen eines Jahres verzehnfachte sich der Kurs beinahe auf 278 Euro, obwohl man nur wenig Umsätze vorweisen konnte. 2001 war die Firma pleite. Der Prozess rund um den Millionenkonkurs beschäftigte die Justiz und auch die STANDARD-Berichterstattung 14 Jahre lang und endete schließlich mit Freisprüchen.

Foto: APA

Geburtsstunde der Netzgiganten

Die 2000er wurden allerdings auch zur Zeit großer Erfolgsgeschichten. Google ließ Yahoo, Altavista und Co mit seinem neuen Ansatz der automatischen Netzindexierung hinter sich und wurde zum führenden Suchmaschinenanbieter. Amazon startete als Onlinebuchhändler und wuchs zu einem globalen E-Commerce-Giganten heran. Facebook startete als Vernetzungsprojekt für wenige Universitäten und hat heute als weltgrößtes Social Network weit mehr als zwei Milliarden Nutzer.

Auch der technologische Fortschritt war beachtlich. 56k- und ISDN-Modems wichen ADSL- und Kabelverbindungen, später gesellte sich mobiles Breitband hinzu. Das Fraunhofer-Institut entwickelte das MP3-Format, das die Entwicklung von Musik zu einem digitalen Gut rapide beschleunigte. In den ersten Jahren noch gegen den erbitterten Widerstand großer Plattenverlage, die ihre Felle davonschwimmen sahen und regelmäßig über Verluste durch Raubkopien lamentierten. Apples iPod und iTunes ebneten aber nachhaltig den Weg zum onlinebasierten Vertrieb.

Steve Jobs präsentiert 2007 das erste iPhone.
Foto: AP

Microsofts Achterbahnfahrt

Handys entwickelten sich von reinen Mobiltelefonen in kleine Computer. Den Durchbruch der Touchscreen-Tausendsassas beschleunigte Apple mit dem 2007 präsentierten iPhone dramatisch. 2008 stieg Google mit Android in den Markt ein. Microsofts Ausflug in die Gefilde des Smartphonemarktes startete verspätet und endete – trotz anfangs hoffnungsvoller Prognosen – mit einer blutigen Nase.

Allgemein beendete der Aufstieg der mobilen Endgeräte auch die Dominanz von Windows, das jahrzehntelang die zentrale Plattform der Computerwelt gewesen war. Speziell in Schwellenländern werden viele Angelegenheiten des Alltags hauptsächlich über Smartphones erledigt.

Überhaupt war die Bilanz des Redmonder Riesen, der sich mittlerweile zum Serviceanbieter umgebaut hat, in diesen Jahren eher gemischt. Wurde Windows XP 2001 noch zum Hit, so sollte Windows Vista sechs Jahre später bei den Nutzern durchfallen. Dessen deutlich besser gediehener Nachfolger, Windows 7, kam anno 2009 wiederum gut an. Windows 8 und sein Zwang zur Kacheloberfläche floppten drei Jahre später hingegen. Windows 10, die aktuelle Ausgabe, wurde nach langsamem Start zur Erfolgsgeschichte.

Vom Internet Explorer, der über ein Jahrzehnt dank Vorinstallation mit Windows das dominante Surftool schlechthin war, kann man das nicht behaupten. Er und sein Nachfolger Edge liegen in der Gunst der Anwender heute deutlich hinter Firefox und Googles Browser Chrome.

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Netzpolitik

Die Vernetzung der Welt ließ brachte zunehmend netzpolitische Themen aufs Tapet. Ein Dauerbrenner ist etwa der Umgang mit urheberrechtlich geschützten Inhalten im Netz. Speziell seit 2013, als Edward Snowden die weltweiten Spähaktivitäten der NSA und verbündeter Geheimdienste offengelegt hatte, bewegen Datenschutz und Überwachung die Gemüter. Noch auszutragen ist etwa die Debatte, wie man mit Gesichtserkennung im öffentlichen Raum umgeht.

Rasante Fortschritte gibt es im Bereich der künstlichen Intelligenz, was einen ganzen Katalog an ethischen Fragen aufwirft. Und die Reichweite von Netzwerken wie Facebook und ihre Rolle bei Desinformationskampagnen ist nicht nur ein gewichtiges Thema im laufenden US-Präsidentschaftswahlkampf geworden, sondern wird rund um die Welt debattiert. Der Start von 5G wird abermals eine Diskussion über die Sicherheit unserer IT-Infrastruktur erfordern, zumal der "Cyberkrieg" von der finsteren Zukunftsvision klischeebeladener 80er-Jahre-Filme zur Realität geworden ist.

Es bleibt spannend

Spannend bleibt es auch im Unterhaltungssektor. Der Markt für Mobile Games boomt, Virtual Reality könnte bald der Durchbruch gelingen, und Sony und Microsoft stehen vor der Veröffentlichung neuer Spielekonsolen.

Nachdem Musik- und Videostreaming die Welt in den vergangenen Jahren im Sturm erobert hat, könnte der Games-Sektor schon bald auf dem Fuß folgen. Wir warten gespannt, was uns die Zukunft bringt. Eines ist gewiss: Die Arbeit wird uns Tech-Journalisten wohl auch in den nächsten 25 Jahren nicht ausgehen. (Georg Pichler, 30.1.2020)