Die Sicherheitsvorkehrungen an Bahnhöfen und Flughäfen sind enorm. Mit der Reisewelle zum chinesischen Neujahrsfest am Samstag wächst die Gefahr der Virusübertragung.

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Ratte und Maus teilen sich im Chinesischen ein Schriftzeichen: Shu. Schließlich gelten beide Tiere als wendig, anpassungsfähig und vermehrungsfreudig. Im chinesischen Tierkreis werden dem Tier außerdem die Eigenschaften reich und schlau bis hin zur Verschlagenheit zugeschrieben. Grundsätzlich aber gilt das Jahr der Ratte als ein gutes: Es wird, wenn es dann offiziell am 25. Jänner beginnt, Reichtum und Fruchtbarkeit bringen.

So war es 2008 und 1996 – nur dieses Mal steht es unter schlechten Vorzeichen. Das chinesische Neujahr richtet sich nach dem Mondkalender und findet deswegen nie am exakt selben Datum statt. Dieses Jahr findet es relativ früh statt. Das macht dem Land zu schaffen, denn ausgerechnet jetzt breitet sich das neue Coronavirus aus.

300 Millionen Wanderarbeiter

Denn bevor das ganze Land für eine Woche in eine Art Winterschlaf fällt, findet offiziell die größte Migrationsbewegung des Planeten statt. Schon Anfang Jänner teilte das chinesische Verkehrsministerium mit, es habe 300 Millionen Zugtickets verkauft. Bedeutsam ist das Fest vor allem für die rund 300 Millionen Wanderarbeiter. Viele von ihnen sehen ihre Kinder nur ein- oder zweimal im Jahr.

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Huang Shuanghong zum Beispiel arbeitet seit 15 Jahren in Schanghai als Wachmann. "Normalerweise arbeite ich zwölf Stunden am Tag", sagt der 47-Jährige. "Das Frühlingsfest ist mein einziger bezahlter Urlaub." Huang stammt aus einem kleinen Dorf in der Provinz Anhui, aus der viele der Wanderarbeiter Schanghais kommen. Zwar verbindet das ultramoderne Hochgeschwindigkeitszugnetz mittlerweile alle chinesischen Metropolen miteinander, doch um in sein Heimatdorf zu gelangen, muss Huang nochmals ein paar Stunden mit einem Bus fahren.

Dort wird er seine beiden Töchter wiedersehen. "Unser Dorf hat vielleicht 100 Haushalte", sagt er. "Und über das Frühlingsfest kommen alle nach Hause. Sonst ist es eigentlich leer dort." Wie Huang reisen viele in heillos überfüllten Bussen und Zügen – perfekte Bedingungen also für ein Virus, um sich rasant auszubreiten.

Sechster Todesfall bekanntgegeben

Anfang Dezember wurden erstmals Patienten mit Atembeschwerden in ein Krankenhaus in Wuhan, Zentralchina, eingeliefert. Am Dienstag wurde nun der sechste Todesfall bekanntgegeben.

Mehrere Wochen war dann von rund 150 Infizierten die Rede, bis die Zahl am Wochenende sprunghaft anstieg. Insgesamt sollen sich jetzt 308 Menschen mit dem Erreger infiziert haben. Die meisten von ihnen in der Elf-Millionen-Stadt Wuhan. Mittlerweile aber wurden auch Fälle in Thailand, Taiwan, Japan und Südkorea bekannt.

Das versetzt nicht nur die chinesische Regierung, sondern den gesamten asiatischen Raum in Alarmbereitschaft. Anders als die Millionen Wanderarbeiter nämlich zieht es die neue chinesische Mittelschicht während des Neujahrsfests vor allem ins benachbarte asiatische Ausland. Das China Outbound Tourism Research Institute rechnet mit sieben Millionen Auslandsreisen während der Ferienwoche. In Thailand beispielsweise verdoppeln sich in dieser Zeit die Hotelpreise gerne einmal.

Noch immer ist das Virus nicht identifiziert. Als gesichert gilt mittlerweile, dass es auf dem Fischmarkt von Wuhan vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist und nun von Mensch zu Mensch übertragen wird. 15 Krankenhausmitarbeiter haben sich bereits infiziert.

Bisher keine Reisewarnung

Der Erreger ähnelt dem Sars-Virus und weckt unangenehme Erinnerungen. Die Sars-Pandemie 2003 kostete 800 Menschen das Leben und hatte gravierende wirtschaftliche Folgen für die Region. Der Tourismus kam fast vollständig zum Erliegen. Dementsprechend empfindlich reagieren auch die Märkte in der Region. Der Hang-Seng-Index in Hongkong verlor am Mittwoch mehr als zwei Prozent.

Die Weltgesundheitsorganisation hat bisher noch keine Reisewarnung ausgegeben. Allerdings haben zahlreiche Flughäfen in den USA und in der Region damit begonnen, Passagiere aus China zu untersuchen. Das ist nicht einfach: Die Symptome des Coronavirus sind meist Fieber und Atembeschwerden – und damit kaum von einer normalen Grippe zu unterscheiden. (Phillipp Mattheis aus Peking, 21.1.2020)