60 Prozent sehen Digitalisierung als starken Erfolgsfaktor für ihre Arbeit, aber nur neun Prozent haben eine Strategie.

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Die Digitalisierung von Rechtsdienstleistungen, oder Legal Tech, beschäftigt Anwälte und Unternehmensjuristen. Vor allem im Finanzsektor erhoffen sich Juristen durch den Einsatz digitaler Instrumente eine Erleichterung im Umgang mit Kunden, im Vertragswesen und bei der Erfüllung der immer strengeren Auflagen der Aufsicht.

Eine aktuelle Studie, die dem STANDARD vorliegt, zeigt, wie hoch die Erwartungen in den Rechtsabteilungen der Banken in Österreich an diese neuen technologischen Möglichkeiten sind – und wie wenig bisher dafür getan wurde. Laut der Umfrage unter Führungskräften und Juristen in Banken sehen 60 Prozent die Digitalisierung als starken Erfolgsfaktor für eine Rechtsabteilung, 20 Prozent sprechen sogar von einem äußerst oder sehr starken Einfluss (siehe Grafik). Allerdings haben 91 Prozent bisher keine digitale Strategie im Unternehmen formuliert und umgesetzt; bei einem Drittel der Befragten ist das zumindest in Planung.

Außerdem stellt mehr als die Hälfte der Institute – nämlich 56 Prozent – derzeit kein Budget für die Einführung digitaler Tools in der Rechtsabteilung zur Verfügung. Beim Rest liegt das Budget bei 17,6 Prozent unter 10.000 Euro, bei 14,7 Prozent zwischen 10.000 und 100.000 Euro und nur bei 11,7 Prozent über 100.000 Euro im Jahr.

Befragung unter Unternehmensjuristen

Befragt wurden 35 Personen, davon leitet die Hälfte eine Rechtsabteilung, in den meisten Fällen in einer heimischen oder internationalen Großbank. Die Interviews fanden zwischen 6. September und 22. November 2019 in Form von Computer-Assisted Web Interviews (CAWI) statt und dauerten im Median 11,6 Minuten.

"Die Digitalisierung ist bei den Banken und deren Kunden angekommen", sagt die Future-Law-Gründerin Sophie Martinetz. "Die Rechtsabteilungen müssen sich rechtzeitig einen Plan und ein Budget für die eigene Digitalisierung holen, um in ihren Banken auch weiterhin eine wichtige Rolle zu spielen."

Kunden wichtiger als Behörden

Die Umfrage zeigt auf, dass die Betroffenen mit einer deutlichen Ausweitung von digitalen Anwendungen rechnen – aber nur in ausgewählten Bereichen. 15 Prozent verwenden derzeit bei regulativen Sachverhalten digitale Assistenten, aber zwei Drittel können sich vorstellen, dies zukünftig zu tun. Dabei sieht eine klare Mehrheit von 62 Prozent die Vorteile von Legal Tech vor allem in den Beziehungen zu Kunden und weniger zu den Behörden.

Ein knappes Viertel (23,5 Prozent) der Finanzinstitute nutzt bisher digitale Tools, die ihnen von ihren externen Rechtsberatern zur Verfügung gestellt wurden; zwei Drittel (67,6 Prozent) würden das aber gerne tun. 71 Prozent sehen bei der Zusammenarbeit mit Anwälten Kostenvorteile durch digitale Programme im Vergleich zur klassischen Rechtsberatung. Aber nur 30 Prozent halten es für sehr oder eher wahrscheinlich, dass sie in wesentlichen Bereichen der Rechtsabteilung anwaltliche Beratung durch Standardisierte digitale Verfahren ersetzen werden.

Was tun mit digitalen Tools?

Verwendet werden digitale Tools vor allem in der Verwaltung, der Beantwortung von Standardfragen der Kunden, bei Compliance-Verfahren, bei denen die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften überprüft wird, sowie im Vertragswesen und bei Recherchen.

Bewusst waren sich auch die Befragten, wie sehr die Digitalisierung die Geschäftsmodelle der Banken verändert und neue Mitbewerber ins Spiel bringen wird. 38 Prozent sehen derzeit einen starken Einfluss sogenannter Fintechs auf die Branche, und 70 Prozent sind davon überzeugt, dass solche Start-ups in fünf Jahren eine große Rolle spielen werden. (Eric Frey, 22.1.2020)