Mohammed bin Salman soll hinter dem Angriff stehen.

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Jeff Bezos ist der reichste Mann der Welt.

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San Francisco – Die Vereinten Nationen verdächtigen den saudiarabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, in die Ausspähung des Handys von Amazon-Chef Jeff Bezos verwickelt zu sein. UN-Menschenrechtsexperten hätten Informationen erhalten, die nahelegten, dass über den WhatsApp-Account des Prinzen Spionage-Software auf dem Smartphone von Bezos installiert wurde, teilte das Büro des Hohen Kommissars für Menschenrechte der Vereinten Nationen am Mittwoch mit. Der Vorgang müsse untersucht werden. Die Regierung in Riad wies die Vorwürfe als abwegig zurück.

Die UN-Experten Agnes Callamard und David Kaye erklärten, die Informationen ließen vermuten, Ziel der Ausspähung sei gewesen, die Berichterstattung der "Washington Post" über Saudi-Arabien zu beeinflussen oder zum Schweigen zu bringen.

Nach Auskunft eines Insiders kam Bezos' Sicherheitsteam in einer kriminaltechnischen Untersuchung zu dem Ergebnis, dass dessen Handy Mitte 2018 vermutlich mittels eines Schadvideos gehackt wurde. Dieses soll von einem Whatsapp-Account gestammt haben, der dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman gehört habe. Einen Monat später seien von Bezos' Telefon massenhaft Daten abgesaugt worden.

Die beiden UN-Vertreter seien der Überzeugung, dass der Bericht glaubwürdig sei. Diese Einschätzung hätten auch externe Fachleute vertreten. Nach deren Ansicht sei der Fall zwar nicht völlig hieb- und stichfest. Aber die Hinweise seien stark genug, um eine weitere Untersuchung zu rechtfertigen. Die beiden UN-Vertreter arbeiteten an einem umfassenden Bericht, der wohl im Juni den Vereinten Nationen vorgelegt werden solle, sagte der Insider.

Die Beziehungen zwischen Bezos und Saudi-Arabien gelten als angespannt. Am 2. Oktober 2018 wurde der Journalist Jamal Khashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul ermordet, Saudi-Arabien hatte die Tötung zunächst bestritten, diese später aber eingeräumt, nachdem sich Hinweise auf die Täterschaft verdichtet hatten. Im Dezember wurden im Königreich im Zusammenhang mit dem Fall fünf Menschen zum Tode verurteilt.

Kronprinz soll hinter Mord stehen

Khashoggi, der in den USA lebte, war ein harter Kritiker des Kronprinzen Mohammed bin Salman, der de facto der Herrscher im erzkonservativen Königreich ist. Nach türkischer Darstellung wurde der Mord von höchster saudi-arabischer Stelle angeordnet. Auch der US-Geheimdienst CIA und einige westliche Regierungen zeigten sich überzeugt, Mohammed bin Salman habe den Mord angeordnet. Khashoggi arbeitete auch als Kolumnist für die Zeitung "Washington Post", die zum Geschäftsimperium von Bezos gehört. Dieser gilt als reichster Mann der Welt.

Außenminister dementiert

Saudi-Arabiens Außenminister Prinz Faisal bin Farhan Al-Saud nannte es "absurd", dass der Kronprinz verwickelt sei. "Der Gedanke, dass der Kronprinz Jeff Bezos' Telefon hacken würde, ist absolut lächerlich", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. Sein Land werde die Anschuldigungen untersuchen, wenn dazu Beweise vorgelegt werden. Amazon wollte sich nicht zu der Angelegenheit äußern.

Bezos' Sicherheitsteam hatte Ermittlungen aufgenommen, nachdem intime Textnachrichten zwischen dem Amazon-Gründer und dessen neuer Partnerin in der Supermarktzeitung "National Enquirer" veröffentlicht wurden. Das Boulevard-Magazin steht US-Präsident Donald Trump nahe, der Bezos wiederholt öffentlich attackiert hatte. Die saudi-arabische Regierung hatte dementiert, mit diesen Enthüllungen etwas zu tun zu haben.

Silicon-Valley-Verbindung

Besonders pikant wird der Vorfall dadurch, dass Saudi-Arabien in den vergangenen Jahren zu einem der größten Investoren im Silicon Valley aufgestiegen ist. Dieser Umstand hatte schon nach Khashoggis Ermordung für einige Kritik gesorgt. Bei den betroffenen Tech-Firmen versucht man diese Kritik hingegen bisher auszusitzen – oder relativiert sogar. So hatte Uber-Chef Dara Khosrowshahi vor einigen Monaten in einem Interview die Vorwürfe gegen die saudischen Machthaber im Zusammenhang mit Khashoggis Ermordung lapidar mit den Worten "Wir machen alle Fehler" kommentiert. Kurz danach ruderte er allerdings zurück und betonte, dass der Mord natürlich verwerflich sei und Konsequenzen haben müsse. Genau diese blieben bisher aber aus, das Land hat weiter einen Vertreter im Vorstand von Uber, und auch die Involvierung in andere Firmen blieb unverändert. (red, Reuters, 21.1.2020)