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Berardi: "Fake-News beeinflussen den Diskurs – doch das Problem ist, dass unser Verstand oft außer Betrieb ist."
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Das Internet ist eine große Errungenschaft – das glaubt auch der Philosoph Franco "Bifo" Berardi. Doch nach anfänglicher Euphorie stellte er fest, dass diese Form der Kommunikation die Menschen oft überfordert – ganz zu schweigen von den Einschränkungen, ja sogar Gefahren für die Entwicklung der Demokratie. Über seine Sicht auf das Zeitalter der Digitalisierung spricht Berardi am kommenden Sonntag im Rahmen der Reihe "Europa im Diskurs", die das Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), die Erste Stiftung, das Wiener Burgtheater und DER STANDARD gemeinsam veranstalten.

STANDARD: Es gab früher eine Vision des Internets als Instrument für die Demokratisierung der Welt. Was blieb davon übrig?

Berardi: In den 1980er- und 1990er-Jahren war ich ein enthusiastischer Befürworter dieser Netzwerkrevolution! Meine Überzeugung war, dass die damals beginnende Internettechnologie dazu angetan war, den Weg für eine demokratische und egalitäre Transformation zu ebnen. Doch im neuen Jahrhundert begann ich zu verstehen, dass es ein Problem gibt, das im Wesentlichen kein politisches, sondern ein anthropologisches ist: Ich begann mich auf die Beziehung zwischen der "Infosphäre" – der Information in Form von Nervenstimuli – und der "Psychosphäre" – der psychosozialen Interaktion – zu konzentrieren. 2001 schrieb ich ein Buch mit dem Titel "La fabbrica dell'infelicità" ("Die Fabrik des Unglücklich-Seins"), in dem ich eine Art psychopathologischer Mutation voraussagte: Informationsüberflutung, die nichts anderes ist als nervliche Überstimulation, führt zu neuen Formen von Krankheiten. Gleichzeitig wurden die Auswirkungen prekärer Arbeits- und Sozialbeziehungen als Folge des digitalen Wandels deutlich.

In den vergangenen Jahren war dann eine rasante Entwicklung der Mobilkommunikation zu beobachten, und ich beobachtete erstaunt eine geradezu epidemische Verbreitung von Panik- und Depressionserkrankungen. Ich verbinde dies alles mit der zunehmenden Verlagerung menschlicher Kommunikation: weg von der persönlichen Face-to-Face-Interaktion hin zu einer Form körperloser Kommunikation. In einem weiteren Buch mit dem Titel "Heroes" ("Helden") beschrieb ich, wie die vorangegangenen 40 Jahre, also die Jahre der Netzrevolution und der neoliberalen Wende, von einer dramatischen Zunahme der Suizidrate gekennzeichnet waren; vor allem dort, wo die Digitalisierung gesellschaftlich relevanter war und ist – etwa in Südkorea, Japan und Finnland.

STANDARD: Sind die Menschen nicht reif genug? Oder tragen die Politik und die IT-Firmen die Schuld an diesem Scheitern?

Berardi: Ich glaube nicht, dass die politischen Absichten der führenden Klasse oder gar die kommerziellen Absichten der IT-Giganten das wahre Problem sind – auch wenn offensichtlich so mancher finanzielle und politische Akteur davon profitiert. Das Problem liegt vielmehr im technologisch-linguistischen Wandel an sich. Ich würde hier nicht von "Scheitern" sprechen.

STANDARD: Wurden also in den 1980er- und 1990er-Jahren die positiven Effekte der neuen Technologie zu Unrecht gepriesen?

Berardi: Nein, das glaube ich auch nicht. Denn es ist unbestreitbar, dass sie enorm große Horizonte für das Wissen, die soziale Interaktion usw. eröffnet hat. Das Pro blem ist vielmehr, noch einmal zusammengefasst, dass wir in all diesen Jahren die psychologischen Auswirkungen der digitalen Entwicklung nicht berücksichtigt haben.

Nicht alle Fake-News sind so eindeutig klar wie bei dieser Trump-Figur, die ins Gefängnis muss.
Foto: Reuters / Mark Kauzlarich

STANDARD: Ein im Zusammenhang mit der Digitalisierung heiß diskutiertes Thema ist jenes der "Fake-News" ...

Berardi: Nun, diese Fake-News sind keine Neuheit. Information im Allgemeinen – und politische Information im Besonderen – war immer schon mit Lügen behaftet. Neu ist das vervielfachte Informationsvolumen, mit dem man es heute zu tun bekommt. Es ist also normal, dass sich auch die Lügen proportional vermehrt haben. Das Problem liegt nicht so sehr in der Infosphäre, also bei den Informationen an sich, die verbreitet werden: Das Problem liegt vielmehr bei den Empfängern. Natürlich beeinflussen Fake-News den öffentlichen Diskurs – doch das entscheidende Problem ist vielmehr, dass unser kritischer Verstand oft außer Betrieb ist. Was bedeutet kritisches Urteilsvermögen? Es ist die Fähigkeit, in der Information zwischen wahr und falsch, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Diese Fähigkeit ist keine naturgegebene Selbstverständlichkeit des Menschen: Sie ist das Ergebnis der Verbreitung des gedruckten Wortes, des bürgerlichen Individualismus in der Moderne. Und das ist der Punkt: Die Beschleunigung und Intensivierung der Infosphäre impliziert, dass wir mehr und mehr nervliche Reize, also Informationen, erhalten. Je schneller diese Stimuli sind, desto weniger können Sie zwischen wahr und falsch, zwischen Gut und Böse unterscheiden. Es werden die Sphären der reinen, der praktischen, auch der ethischen Vernunft gestört und durcheinandergebracht. Chaos wird verbreitet.

STANDARD: Brauchen wir also Regelsysteme, zum Beispiel staatlicher Natur, um dieses Chaos zu ordnen?

Berardi: Viele Politiker, die versuchen, die digitale Kommunikation zu regulieren, sind vom Wunsch beseelt, die Freiheit und die Demokratie zu schützen. Der entscheidende Punkt ist aber nicht die Manipulation der Technologie. Nein: Es ist die Technologie selbst, die eine anthropologische und psychologische Mutation hervorbringt, die völlig außerhalb des Einflussbereichs politischer Entscheidungen liegt. Der demokratische US-Präsidentschaftskandidat Andrew Yang hat kürzlich gemeint: Wolle man das globale Netzwerk durch Kartellrecht und Zensur regulieren, wäre es so, als versuche man dem 21. Jahrhundert mit Gesetzen aus dem 19. Jahr hunderts zu begegnen. Politisch gesehen besteht das Problem darin, dass das gängige Konzept demokratischer Souveränität nicht für das Verständnis und die Steuerung des "deterritorialisierten" digitalen Zeitalters geeignet ist.

STANDARD: Aber Google, Facebook und Co sind territoriale, nämlich US-Firmen …

Berardi: Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Die USA gehören ebenso wie Europa, Afrika und Lateinamerika zum "Territorium" von Google. Wollen Sie die Machthaber dieser digitalisierten Welt regulieren? Das ist Wunschdenken. Natürlich meine ich nicht, dass Google und Facebook zu Recht keine Steuern in den Ländern zahlen, in denen sie tätig sind. Ich meine bloß, dass man mit den alten Konzepten von "Gesetz" und "Regierung" nicht mehr in der Lage ist, Ordnung zu schaffen in der chaotischen Sphäre unendlicher Beschleunigung.

Die Demokratie ist nicht in Gefahr: Sie ist längst tot, meint Franco Berardi.
Foto: REUTERS/Carlos Garcia Rawlins

STANDARD: Sie sind Mitglied von "Democracy in Europe Movement 2025", einer Organisation, die in der EU ein Demokratiedefizit feststellt. Kann man das Problem lösen?

Berardi: Ich sympathisiere mit den Absichten der Aktivisten von DiEM25, ich teile aber nicht ihr Vertrauen in die Politik und in die Demokratie. Denn ich glaube nicht, dass die Demokratie wiederkommen wird – weder in Europa noch anderswo. Der politische Wille hat nicht mehr jene Kraft, die er zu Zeiten Machiavellis oder Lenins hatte. Versteht man Politik als die Kunst, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und dem Chaos die Kraft der Vernunft aufzuzwingen, dann ist Politik eine alte Kunst, die nicht mehr funktioniert. Und die ethnonationalistische Wut, die die demokratisch-liberale Ordnung zerstört, ist die Folge eines anthropologischen Wandels, der es der kritischen Vernunft unmöglich macht, Informationen gut zu verarbeiten. Sie hindert den politischen Willen daran, die soziale Realität zu ordnen, zu gestalten, zu regieren. Die neoliberale Ideologie hat den Weg für die Unterwerfung der Gesellschaft unter den finanziellen Profit geebnet. Ein solches Konzept von "Demokratie" zu definieren ist eigentlich ein Kinderspiel: Sie ist die Fälschung aller Fälschungen. Die Demokratie basierte auf zwei wesentlichen Voraussetzungen: auf der Freiheit des individuellen Geistes, eine eigene Meinung zu formulieren, und auf der Umsetzbarkeit menschlicher Entscheidungen.

Im Zeitalter der Informationssättigung ist der menschliche Geist nicht mehr in der Lage, Dinge kritisch zu hinterfragen. Die freie Meinung ist tot. Im Zeitalter des digitalen Finanzkapitalismus ist der politische Wille ohnmächtig – und die Demokratie tot. (Gianluca Wallisch, 23.1.2010)