Im Jänner 2017 legte Andrzej Duda einen Kranz in Yad Vashem nieder. Heuer, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, bleibt er fern.

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Alle sind in Jerusalem, nur einer fehlt. Während am Donnerstag Staatsgäste aus aller Welt, darunter Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen, in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Jänner 1945 gedenken, boykottiert der polnische Präsident Andrzej Duda die Zeremonie. Und das, obwohl die Nationalsozialisten Auschwitz einst auf polnischem Boden errichteten und die meisten Opfer in der jüdischen Bevölkerung polnische Staatsbürger waren.

Der Trubel um die Gedenkfeier legt offen, wie zerrüttet die polnisch-israelischen Beziehungen sind, wie sehr sich beide Seiten in den vergangenen Jahren voneinander entfernt haben. Der polnische Präsident sagte seine Teilnahme ab, nachdem die Organisatoren seine Bitte abgelehnt hatten, bei der Gedenkfeier eine Rede halten zu dürfen. Neben den Präsidenten Israels und Deutschlands sollen nur Repräsentanten der vier Alliierten sprechen: US-Vizepräsident Mike Pence, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron, der britische Thronfolger Prinz Charles und der russische Präsident Wladimir Putin.

Polen leidet unter der diplomatischen Krise – auch deshalb, weil Russlands Präsident Wladimir Putin den israelisch-polnischen Disput für seine eigenen Zwecke nutzt. Ende Dezember etwa hatte er behauptet, Polen sei mitverantwortlich für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. "Die Geschichtspolitik ist eines der Mittel, mit denen sich Putin als glaubwürdiger weltpolitischer Partner etablieren möchte, als einer, der auf Augenhöhe mit den USA ist", sagt Piotr Buras, Warschauer Büroleiter der Denkfabrik European Council on Foreign Relations. "Er will zeigen, dass Russland im Zweiten Weltkrieg auf der guten Seite stand, dass es zwischen 1939 und 1941 eine Schutzmacht der Juden war."

Russland als Aggressor

In Polen sieht man diese Ambitionen nicht gerne. Warschauer Regierungspolitiker sehen die Sowjetunion nicht nur in der Rolle des Befreiers, sondern auch in der des Aggressors – oder stellen positive Aspekte der Sowjet-Politik gänzlich infrage. Putins Kritiker in Polen vermuten sogar, dieser selbst habe die Zeremonie in Yad Vashem nach eigenen Interessen orchestriert. Nicht zuletzt, weil der Putin-nahe Oligarch Wjatscheslaw Mosche Kantor die Veranstaltung mitorganisiert. "Kantor kam und bot Geld an, und Yad Vashem sagte Danke", sagt Jonny Daniels, Vorsitzender der jüdischen Initiative From the Depths und Fachmann für polnisch-israelische Beziehungen. "Israel hatte keine Wahl, es wurde ausgespielt. Denn entweder sind wir Polens Freunde, indem wir uns in Sachen Geschichte einig sind, oder Putins Freunde, um unsere Sicherheit zu schützen."

Dass Polen nun als Außenseiter dasteht, hat sich das Land aber auch selbst eingebrockt. Anfang 2018 verabschiedete der Sejm ein Gesetz, das eine Strafe für jene vorsah, die Polen eine Mitschuld an NS-Verbrechen zuschreiben. Die Regierung fütterte damit die Ansicht, dass sich Polen nicht mit dem eigenen Antisemitismus beschäftigen will. Schlimmer noch als das Gesetz selbst sei die Sprache gewesen, die die Debatte geprägt hat, sagt Michael Schudrich, Oberrabbiner in Polen: "Zum ersten Mal seit 1989 hörten wir antisemitische Äußerungen von polnischen Meinungsmachern." Durch den israelisch-polnischen Konflikt verschlechterten sich auch die jüdisch-polnischen Beziehungen über mehrere Monate hinweg.

Politisches Pingpong

Auf politischer Ebene entstand ein Pingpong-Spiel: Im Zuge der Diskussionen rund um das umstrittene Gesetz ließ Israel den polnischen Botschafter einberufen. Israels Außenminister Israel Katz warf Polen später Kollaboration mit den Nationalsozialisten vor. Die polnische Regierung reagierte, indem sie eine Reise nach Israel zu einem Visegrád-Treffen absagte. Katz wiederum wiederholte die Worte des ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Schamir: Polen sauge den Antisemitismus mit der Muttermilch auf. Präsident Duda erklärte deshalb kürzlich, er werde nicht mit Katz sprechen, bis sich dieser dafür entschuldige.

Eine Verbesserung der Beziehungen ist erst einmal nicht in Sicht. Israel kümmert sich weniger um Polen als um die nahenden Wahlen und die aufgeheizte Situation im Nahen Osten. Polen hingegen erlaubt sich weitere Fehler: Es lud Wladimir Putin nicht zu der Gedenkveranstaltung am 27. Jänner im Vernichtungslager Auschwitz ein, obwohl unbestritten ist, dass die Sowjetunion das Lager befreit hat. Damit gewann die Gedenkfeier in Israel zusätzlich an Bedeutung. "Vielleicht wäre es ohnehin zum Treffen in Yad Vashem gekommen, weil die Interessen der beteiligten Parteien so stark sind", sagt Buras. "Aber zumindest wäre die Position Polens eine andere." (Olivia Kortas aus Warschau, 22.1.2020)