Alexander Van der Bellen auf einer Aufnahme aus dem Dezember 2019.

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Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

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Frankreichs Emmanuel Macron nahm an einer Schweigeminute für Holocaust-Opfer beim Roglit Mahnmal nahe Jerusalem teil.

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Wladimir Putin wurde von Israels Präsident Reuven Rivlin empfangen.

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Yad Vashem

Wien/Jerusalem – Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat dazu aufgerufen, den wiederauflebenden Antisemitismus "energisch bei jeder Gelegenheit, sei sie noch so klein", entgegenzuwirken. "Wir sind in Europa besorgt, dass es so etwas wieder gibt", so Van der Bellen in Jerusalem, wo er am Donnerstag an einer internationalen Holocaust-Gedenkveranstaltung teilnimmt.

Staats- und Regierungschefs aus fast 50 Ländern erinnern am Donnerstagnachmittag in der Gedenkstätte Yad Vashem an die Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz vor 75 Jahren – am 27. Jänner 1945. Nach israelischen Angaben handelt es sich um das größte Staatsereignis seit der Gründung Israels 1948. Unter anderen nehmen auch der russische Präsident Wladimir Putin, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und US-Vizepräsident Mike Pence teil.

Antisemitismus und Rassismus

Israels Präsident Reuven Rivlin dankte den Staatsgästen für die Solidarität mit dem jüdischen Volk: "Antisemitismus hört nicht bei den Juden auf (...) Antisemitismus und Rassismus sind bösartige Krankheiten, die Gesellschaften von innen zerstören."

Als Lehre aus dem Holocaust forderte Pence ein entschlossenes Vorgehen der Weltgemeinschaft gegen den Iran. Der Holocaust dürfe niemals instrumentalisiert werden, um Hass zu säen und zu spalten, warnte Macron. "Es ist immer die erste Form der Ablehnung des anderen. Und wenn der Antisemitismus wieder auftaucht, vermehren sich alle Formen des Rassismus, alle Formen der Spaltung breiten sich aus," führte er aus.

Steinmeier bekannte sich zur Schuld der Deutschen und ihrer andauernden Verpflichtung zum Kampf gegen den Antisemitismus. "Die bösen Geister zeigen sich heute in neuem Gewand. Mehr noch: Sie präsentieren ihr antisemitisches, ihr völkisches, ihr autoritäres Denken als Antwort für die Zukunft, als neue Lösung für die Probleme unserer Zeit", warnte Steinmeier.

75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs leben nur mehr wenige der Zeitzeugen. Die meisten Holocaust-Überlebenden sind mittlerweile weit über 90 Jahre alt. Dennoch sind mehr als hundert von ihnen am Donnerstag zur internationalen Gedenkveranstaltung gekommen.

"Nie wieder Auschwitz"

Es sei wichtig, "der Opfer zu gedenken, und gleichzeitig wichtig, versuchen zu verstehen, wie es dazu kommen konnte", betonte Van der Bellen vor der Veranstaltung. Den Satz "Nie wieder Auschwitz" würde wohl jeder in Europa unterschreiben, doch man müsse sich fragen: "Wie ist es möglich, dass so viel geduldet wurde und so viele Täter sich beteiligt haben?" Daher seien "Antisemitismus, Rassismus jeder Art und Menschenverachtung Dinge, die im Keim erstickt gehören, damit so etwas nie wieder passieren kann", mahnte Van der Bellen.

Angesprochen auf die jüngsten rassistischen Hasspostings gegen Justizministerin Alma Zadic (Grüne) meinte Van der Bellen, dies lasse sich nicht mit der Diskriminierung der 1930er Jahre vergleichen. "Lassen wir die Kirche im Dorf", so der Bundespräsident, "es gibt offenbar Leute, die es nicht aushalten, dass eine in Bosnien geborene und mit zehn Jahren nach Österreich gekommene, gescheite, junge Frau in Österreich Ministerin wird", so Van der Bellen.

Der Regierungswechsel in Österreich hat laut dem Bundespräsidenten "die ausgezeichneten bilateralen Beziehungen" zwischen Österreich und Israel "weiter entspannt". Im Vergleich zu seinem letzten Israel-Besuch vor einem Jahr gebe es nur den Unterschied, "dass jetzt alle Regierungsmitglieder in Israel bei entsprechenden Anlässen empfangen werden". Er habe sich damals im Hintergrund dafür eingesetzt, dass die von der FPÖ nominierte Außenministerin Karin Kneissl in Israel empfangen werden könne, aber ohne Erfolg. "Dieses Problem haben wir jetzt nicht mehr", so Van der Bellen. Am Freitag wird Van der Bellen von Israel Präsident Reuven Rivlin empfangen. Treffen mit palästinensischen Vertretern stehen keine auf dem Programm.

Streit über Holocaust-Gedenken

Wenige Tage nach seiner Rückkehr wird Van der Bellen am Montag nach Polen reisen. Auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau findet eine weitere internationale Gedenkveranstaltung statt. Der Gastgeber, Polens Präsident Andrzej Duda, kommt aus Protest gegen Putin nicht zu der Gedenkfeier nach Israel.

Hintergrund ist ein Konflikt zwischen Polen und Russland über die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs. Putin hatte Regierungsvertretern von Vorkriegspolen Antisemitismus und eine anbiedernde Haltung gegenüber Nazi-Deutschland vorgeworfen.

"Nicht Auschwitz allein"

Auch in Wien finden anlässlich des Holocaust-Gedenktages einige Veranstaltungen statt: Am kommenden Sonntag öffnet das Haus der Geschichte Österreich (hdgö) in der Neuen Burg bei freiem Eintritt seine Tore. Das hdgö zeigt derzeit die Sonderausstellung "Nicht mehr verschüttet. Jüdisch-österreichische Geschichte in der Wiener Malzgasse", die sich mit Funden aus einem bis vor kurzem verschütteten Kellerraum der ehemaligen Synagoge im 2. Bezirk auseinandersetzt.

"Die Shoah ist nicht Auschwitz allein, sie begann schon früher. (...) Die Shoah ist keine Frage der Schuld, sie ist eine Frage der Verantwortung", erinnerte Benjamin Nägele, Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) bei der Vorstellung eines Buches über die vier Wiener Sammellager für Juden vor der Deportation in der Leopoldstadt ("Letzte Orte", Mandelbaum Verlag) in Wien. (red, APA, 23.1.2020)