Junge überschätzen oft die eigene Finanzkraft.

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Wer 26 Jahre alt, männlich ist und in Wien wohnt, gehört statistisch gesehen zu einer Bevölkerungsgruppe mit zunehmenden Geldproblemen. Der Kreditschutzverband von 1870 (KSV) hat die Entwicklungen am heimischen Kreditmarkt vom Crash von Lehman Brothers im Jahr 2008 bis 2018 analysiert. Eines fällt schnell auf: Die vom KSV betriebene Warnliste wird jährlich länger. Einen Eintrag auf dieser Liste erhält, wer in Rückzahlungsverzug gerät, sein Konto weit überzieht oder den Kreditrahmen sprengt.

"Vor fünf Jahren kamen jährlich 13.000 Menschen dazu, mittlerweile sind es bereits 20.000. Und hauptsächlich Jüngere", sagt KSV-Geschäftsführer Ricardo-Jose Vybiral am Donnerstag. Den stärksten Zuwachs gebe es bei eingangs erwähnten 26-Jährigen, sie stammten meist aus bildungsfernen Schichten und handeln konsumorientiert. Der Anteil der unter 35-Jährigen auf der Liste stieg von 40 auf rund 50 Prozent. In absoluten Zahlen heißt das: Vor fünf Jahren gab es rund 5000 junge "Neuzugänge", mittlerweile sind es 10.000.

Stadt-Land-Gefälle

Die Analyse des KSV zeigt überdies ein deutliches Stadt-Land-Gefälle. Der klassische Kreditnehmer wohnt in Wien, agiert konsumgetrieben und kauft Dinge wie Unterhaltungselektronik. In den Bundesländern nehmen Menschen eher Kredite für "Notwendiges" wie Einrichtung oder Hausbau auf. Rund 39 Prozent der Menschen, die jährlich auf die Warnliste kommen, stammen aus Wien. Insgesamt stehen von den rund 3,5 Millionen Kreditnehmern in Österreich 300.000 auf der "schwarzen Liste".

Dass junge Menschen in Geldnot geraten, hängt dem KSV zufolge oft mit Selbstüberschätzung zusammen. Außerdem fordern die Kreditschützer eine bessere Finanzbildung für Jugendliche in den Schulen. "Der Wirtschaftskunde-Unterricht ist nicht zeitadäquat, und es gibt hier viel Luft nach oben", meint Vybiral. Es brauche mehr praxis- und projektorientiertes Näherbringen des Umgangs mit den eigenen Finanzen. Frontalunterricht habe in diesem Fach keinen Sinn. Eine kürzliche Studie des Bankenverbands zeigt, dass das Thema Geld bei 18- bis 29-Jährigen ein absolutes Tabu ist.

Besserer Unterricht

Der KSV geht regelmäßig in Schulen, um Jugendlichen den Umgang mit Finanzen auf praxisorientierte Weise näherzubringen. An Beispielen wie der ersten eigenen Wohnung, einem Handy oder einer Reise werden Haushaltspläne erstellt. Dafür kooperiert der Verband mit Organisationen wie Teach For Austriaa oder der Wirtschaftsuniversität Wien.

Berührungsängste bei der Aufnahme von Krediten stempelt der KSV als Mythos der Vergangenheit ab. Das niedrige Zinsniveau und der oft niederschwellige Zugang zu Finanzierungen habe derartige Ängste schwinden lassen.

Generationenfrage

Auf zehn Jahre gesehen geht die Anzahl der neu aufgenommenen Kredite trotz des günstigen Zinsumfelds leicht zurück. Vybiral begründet das mit der demografischen Entwicklung: "Die Babyboomer verlieren an Einfluss, und in den jetzigen Generationen leben weniger Leute." Nichtsdestotrotz sei der heimische Kreditmarkt weitestgehend stabil.

Die Europäische Zentralbank veröffentlichte am Mittwoch ihre vierteljährliche Kreditumfrage unter Geldhäusern der Eurozone. Im Unternehmenskundengeschäft gab es in den Jahren 2016 bis 2018 einen Kreditboom – seither stagniere die Nachfrage auf hohem Niveau. Im Privatbereich gab es im dritten und vierten Quartal 2019 eine moderate Belebung der Nachfrage nach Wohnbaukrediten. (Andreas Danzer, 23.1.2020)