Israels Präsident Reuven Rivlin und dutzende weitere Staatschefs gedachten am Donnerstag in Yad Vashem der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 75 Jahren.

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Präsident Alexander Van der Bellen legte einen Kranz nieder.

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"Ich fasse es nicht", freut sich der Botschaftsfahrer, "so habe ich Jerusalem überhaupt noch nie gesehen." Im Eiltempo kurvt er über die Stadtautobahnen, auf denen es sich sonst nur so staut. Doch an diesem Donnerstag sind sie abgeriegelt, nur geladene Gäste des World Holocaust Forum (WHF) dürfen sie befahren.

Die Regierung nennt es den größten Event seit der Gründung Israels: 47 Staatsoberhäupter sind angereist, unter ihnen die Präsidenten Russlands, Deutschlands und Frankreichs sowie US-Vizepräsident Mike Pence. Auf dem Gelände der Gedenkstätte Yad Vashem erinnern sie an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, die sich zum 75. Mal jährt.

Auch die 83-jährige Eva Lavi ist hier. Anders als die prominenten Gäste muss sie sich den Horror der Shoah nicht erst vergegenwärtigen. Er verfolgt sie bis in den Schlaf: Als die gebürtige Krakauerin vier Jahre alt war, musste sie mit ansehen, wie ihre beiden Cousins beim Spielen erschossen wurden. Sie beobachtete junge Soldaten, die mit Genuss folterten, "sie lachten dabei". Und sie sah Dinge, von denen sie bis heute bloß sagen kann, "dass ich sie besser nicht gesehen hätte". Lavi ist eine von rund 190.000 Holocaust-Überlebenden in Israel. Nur 40 von ihnen können an der Gedenkzeremonie teilnehmen. "Für mehr war leider kein Platz", beteuert eine Sprecherin des Co-Veranstalters Yad Vashem gegenüber dem STANDARD.

Kritik und Zerwürfnis

Während sich die 780 Gäste einfinden, protestiert ein Grüppchen von Aktivisten hinter den Sperrgittern gegen das, was sie "Holocaust-Party" nennen. Weg mit dem Pomp, fordern sie – man solle lieber jenen 25.000 Holocaust-Überlebenden, die laut Schätzungen in Armut leben, ein Altern in Würde ermöglichen.

Im Vorfeld hatte die Austragung des WHF in Jerusalem zu Zerwürfnissen mit Polen geführt. Der Konflikt gipfelte im Fernbleiben des polnischen Präsidenten Andrzej Duda, der sich darüber empörte, dass zwar Russlands Präsident Wladimir Putin als Redner auftreten durfte, er selbst jedoch nicht. Israel begründet das damit, dass Russland Befreiermacht war.

In israelischen Medien werden aber auch ganz akute Gründe vermutet: Israel erhofft sich von Putin die Freilassung der 26-jährigen Israelin Naama Issachar, die vor neun Monaten in Moskau mit zehn Gramm Cannabis erwischt wurde und seither in einem russischen Gefängnis sitzt. Da können die Veranstalter des Gedenkforums noch so oft betonen, dass es hier allein um den vereinten Kampf gegen Antisemitismus gehe: Bis zuletzt überschatten Politkonflikte das Gedenken.

Van der Bellen bedauert Fokuswechsel

Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen bedauert diesen Fokuswechsel: Ihm gehe es darum, das Gedenken nicht zur bloßen Rückschau verkommen zu lassen, sagte er. "Ein ‚Nie wieder Auschwitz‘ wird in Europa schnell einmal jeder unterschreiben", meint der Bundespräsident; jetzt gehe es darum, "Rassismus und Antisemitismus im Keim zu ersticken".

Dass es dafür höchste Zeit sei, veranschaulicht WHF-Begründer Moshe Kantor mit konkreten Zahlen: "Jedes Jahr verlassen drei Prozent der in Europa lebenden Juden ihr Zuhause, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen. Wenn das so weitergeht, gibt es in 30 Jahren in Europa keine Juden mehr."

Kantor bezieht seine Kritik auch konkret auf Deutschland. Frank-Walter Steinmeier, der als erster deutscher Präsident in Yad Vashem sprechen darf, spart dieses Thema nicht aus. "Die bösen Geister zeigen sich heute in neuem Gewand", sagte er in einer Rede, die viel Applaus erntet. "Ich wünschte, sagen zu können, wir Deutsche hätten für immer aus der Geschichte gelernt. Aber ich kann es nicht sagen."

"Was ist mit uns?"

Auf die Frage, wie sie die Zeremonie wahrnehme, stößt die KZ-Überlebende Eva Lavi erst einmal ein langes Seufzen aus. "Viele Überlebende sagen: Es geht dabei eh nur um die anderen, aber was ist mit uns?" Sie selbst versuche, es trotz allem positiv zu sehen. "Es sind ja so viele Leute da. Einige von denen sprechen auch mit uns. Und das ist gut." (Maria Sterkl aus Jerusalem, 23.1.2020)