In zwei Sekunden von null auf hundert, Tesla prescht allen davon, und das nicht nur auf der Straße. Der kalifornische E-Auto-Pionier überholt den deutschen Riesen Volkswagen beim Börsenwert. Am Mittwochabend war es so weit: Erstmals in seiner knapp zehnjährigen Börsengeschichte war Tesla mehr als 100 Milliarden US-Dollar wert. Eine erfreuliche Nachricht für den exaltierten Chef Elon Musk höchstpersönlich. Ihm steht ein fetter Bonus im Wert von knapp 350 Millionen Dollar zu.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Tesla setzte im Vorjahr bei weitem keine 400.000 Pkws ab, Volkswagen verkaufte fast elf Millionen. Gewinne haben bei Tesla Seltenheitswert, VW schreibt sie mit schönster Regelmäßigkeit. Tesla hat den bisher zweitwertvollsten Autokonzern VW in geradezu wahnwitziger Beschleunigung überholt. Bleibt noch Toyota zu knacken, mit einem Marktwert von umgerechnet mehr als 230 Milliarden Dollar augenscheinlich nicht einzuholen, doch wer weiß das schon. Immerhin ist es nicht so lange her, dass so manche Anleger ihre Tesla-Aktien auf den Markt geworfen haben wie eine heiße Kartoffel – immer lauter wurde gemutmaßt, Tesla stehe kurz vor dem Ende.

Elon Musk persönlich übergab jüngst in Schanghai den Kunden ihr in China gebautes E-Auto – ein Tänzchen gab es zum Drüberstreuen.
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Alles vergessen und vergeben. Die vielen Probleme bei Fertigung und Auslieferung des neuen Model 3, das Match mit der Börsenaufsicht in den USA: Nach einem äußerst durchwachsenen Jahr 2019 scheint es für Musk seit Anfang 2020 bestens zu laufen. Das Werk in China hat das erste Model 3 produziert, das Musk höchstpersönlich an seine Kunden übergeben hat – eine kleine Showeinlage gab es zum Drüberstreuen. In Deutschland nahe Berlin soll jene Fabrik gebaut werden, die für den europäischen Markt Model 3 und Model Y fabriziert. Der Kaufvertrag für das Grundstück für die Gigafactory in Brandenburg wurde dieser Tage unterzeichnet. Kein Zweifel: Tesla verspürt eine Menge Rückenwind. Das hat mit mehreren Faktoren zu tun. Einer davon ist allerdings nicht ganz wertstabil: Das Vertrauen der Anleger und Fans zu Tesla und zur E-Auto-Technik – es wird immer wieder einmal hart auf die Probe gestellt. Nicht zuletzt dank des schillernden Chefs, der vielen als der da Vinci des 21. Jahrhunderts gilt – anderen als geistreiches Marketinggenie, das in der Praxis weit hinter seinen Ankündigungen zurückbleibt.

Faktor E-Mobilität

Ein anderer Faktor gewinnt ganz unabhängig davon immer mehr an Gewicht: An der E-Mobilität führt trotz aller Stolpersteine und Rückschläge kein Weg vorbei. Die Transformation in der globalen Autobranche schlägt sich auch in der Marktkapitalisierung nieder und spiegelt sich insbesondere auch in der relativ niedrigen Marktperformance der maßgeblichen Akteure wider. Die Marktkapitalisierung der acht höchstbewerteten etablierten Automobilhersteller (ohne Tesla) schrumpfte seit Ende 2014 – also vor dem Dieselskandal – von 566 Milliarden Euro auf 542 Milliarden Euro im Jänner 2020 (–4,2 Prozent), wie der deutsche Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management erhoben hat.

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Die großen Dinosaurier tun sich mit der Transformation schwer. VW-Chef Herbert Diess warnte dieser Tage seine Führungsriege, dass der Umbau Richtung neue Autowelt, die Computer auf Rädern bereitstellen will, bei VW viel zu langsam vonstattengeht. "Der Sturm geht jetzt erst los", so Diess. Er verwies auf die Konkurrenz, die VW im Nacken sitzt. Tesla zählt er definitiv dazu. Die große Frage sei, ob VW schnell genug agiere, um einem Nokia-Schicksal zu entgehen. "Wenn wir in unserem jetzigen Tempo weitermachen, wird es sogar sehr eng."

Tesla-Investoren hören so etwas nur allzu gern. Es beschreibt die Macht, die einer zuweilen recht stümperhaft erscheinenden Klitsche wie Tesla mittlerweile zugeschrieben wird. Eines aber ist unbestritten: Tesla kann E-Auto. Als Sony jüngst ein Auto anrollen ließ, das offensichtlich Anleihen bei Tesla genommen hat, sagte der deutsche Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer trocken: "Nur einer hat es wirklich geschafft. Elon Musk mit Tesla. Nicht weil ein Marketing-Kaninchen aus dem Hut gezaubert wurde, sondern knallhart beste Technologie und Innovation drin ist." (Regina Bruckner, 24.1.2020)