"Oświęim" steht auf dem Schild auf der Innenseite des Busses, der um 7.10 Uhr im winterlichen Morgengrauen aus Krakau losfährt. Aber Oświęim, diese südpolnische Stadt mit ihren rund 38.000 Einwohnern 50 Kilometer weiter westlich, ist gar nicht das eigentliche Ziel der verschlafenen, in Daunenmänteln verpackte Touristen, die sich da frühmorgens auf die Fahrt gemacht haben durch im Nebel liegende polnische Landschaften, die draußen vor dem Busfenster vorbeiziehen: graue Wohnkomplexe, schmucklose Häuschen, kahle Bäume und viel Wald. "Kontaminierte Landschaften" muss man denken, wenn man zum Beispiel Bücher des österreichischen Schriftstellers und Polen-Experten Martin Pollack gelesen hat, der diesen Begriff für Landstriche im Nachkriegseuropa geprägt hat, die grauenvolle Geheimnisse unter sich begraben haben.

Der SS-Wachturm im ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau, auch bekannt als das "Todestor".
Foto: EPA

"Kontaminierte Landschaften" muss man aber auch denken, weil hier im Bus alle wissen, wohin die Reise geht. "Oświęim" steht knapp eineinhalb Stunden später noch einmal auf einem Schild, an dem der Bus abbiegt, aber darunter groß der deutsche Name der Stadt, der das eigentliche Ziel dieser Reise ist: Auschwitz. Da sind wir schon fast da, an dem Ort, der weltweit zum Symbol für das größtmögliche Grauen, für die menschliche Katastrophe schlechthin geworden ist und für den Massenmord an unzähligen Menschen, den Genozid an Millionen Juden, steht.

Zwei Millionen Touristen

Wer Mitte Jänner in Auschwitz aus dem Bus steigt und über den Parkplatz in Richtung Museum geht, ist angespannt, weil jeder ein Bild von diesem Ort in sich trägt. Obwohl viele Menschengruppen herumstehen und auf ihren Slot zum Einlass in die Gedenkstätte warten, ist es gespenstisch still, sogar eine Jugendgruppe aus Italien steht schweigend beisammen. Rund zwei Millionen Touristen kommen jährlich hierher, um das KZ Auschwitz I und das KZ Auschwitz-Birkenau zu besuchen – die ehemaligen Konzentrationslager, deren Befreiung durch die Rote Armee am 27. Jänner 75 Jahre zurückliegen wird.

Wer heute eine Reise nach Auschwitz plant, bucht sie wahrscheinlich im Internet. Es steht eine Besichtigung, die dreieinhalb Stunden dauert, oder eine Sechs- Stunden-Study-Tour zur Auswahl. "Der mobile TAN für Ihre Zahlung bei visit.auschwitz.org lautet", Code eingeben, Bestätigung eingeben, alles funktioniert reibungslos. Ein Museum, durch dessen Gelände täglich bis zu 8000 Leute geschleust werden, ist gut organisiert: Zu große Taschen müssen in einem Pavillon abgegeben werden, dann geht es durch die Röntgenschleuse und schließlich in einen Raum, wo nach Desinfektionsmittel riechende Kopfhörer ausgeteilt werden samt kleinen Funkgeräten, die man sich umhängt. Auf dem Barcode der Internetbestätigung ist auch die gewünschte Sprache für die Tour vermerkt, die dann in Form eines Stickers auf den Jacken und Mäntel der Besucher landet.

Fast unerträglich wird der Horror beim Betrachten der Ausstellungsvitrinen: Berge an Brillen, Bürsten, Schuhen und schließlich Haaren.
Foto: AFP

Die deutschsprachige Gruppe ist an diesem Samstag im Jänner mit nur zehn Teilnehmern die kleinste Gruppe für Touren, die um 9.30 Uhr losgehen. Und den Sticker mit dem Kürzel "DEU" für Deutsch im Gegensatz zu jenem mit "ENG" oder "POL" trägt man hier in Auschwitz nicht gern auf seinem Mantel. Das ist spürbar in der schweigsamen und losen Gruppierung, die sich jetzt im Freien versammelt hat.

Es ist feucht-kalt, hat knapp unter null Grad, alle Blicke richten sich schon auf den Torbogen mit dem berühmten zynischen Schriftzug "Arbeit macht frei". Hier starten die Führungen im Stammlager Auschwitz I. Der Bogen wirkt in der Wirklichkeit kleiner als auf den Fotos, die wir kennen, und es mutet mit den proper ausschauenden, ehemaligen polnischen Kasernen aus rotem Backstein dahinter fast wie eine Studiokulisse an. So als könnte man durch diesen Gedanken das Unfassbare, das hier vor mehr als 75 Jahren geschehen ist, doch noch ungeschehen machen.

Grauenhafte Details

Der israelische Schriftsteller Yishai Sarid (hier geht es zum Interview) hat über genau dieses Thema, nämlich über Holocaust-Gedenkkultur und Gedenkstättentourismus, ein Buch geschrieben. Der schmale, aber unglaublich eindringliche Roman heißt Monster (im hebräischen Original "Erinnerungsmonster") und ist im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienen. Er handelt von einem israelischen Historiker, der im Fach "Holocaust-Studien" promoviert hat und als Guide vor allem israelische Schüler und Soldaten durch Auschwitz und andere ehemalige Konzentrationslager in Polen führt.

Der Roman – in Briefform – ist ein innerer Monolog mit höchstpersönlichen Reflexionen eines Mannes, der vieles an der heute gelebten Erinnerungskultur infrage stellt. Sarids Protagonist hat sich als Wissenschafter akribisch mit den grauenhaften Details der KZ-Tötungsmaschinerie befasst hat und muss den Auslöschungsprozess als Tourguide mit den Touristengruppen immer wieder durchmachen.

Foto: Picturedesk

"Nein", sagt Sarid schon auf der Buch Wien, wo er zu Gast war, um seinen aktuellen Roman im November 2019 vorzustellen, "mein Roman ist kein ideologischer Angriff auf die israelische Erinnerungskultur, aber mein Buch versteckt und verschweigt auch nichts!" Und als Romanautor hat er, das sagt er selbst, viel mehr Fragen zum Thema als konkrete Antworten darauf: Wie können wir dafür sorgen, dass der Holocaust von keiner Seite missbraucht wird? Ist es sinnvoll, junge Leute auf diese Holocaust-Reisen nach Polen zu schicken? Wäre es nicht sinnvoller, diese Reisen in Deutschland oder Österreich beginnen zu lassen, um über die Wurzeln des Antisemitismus und Nationalsozialismus zu lernen? Warum bleibt der Holocaust für Israelis ein nicht bewältigtes Trauma?

Deutsch mit polnischem Akzent

Wir sind am Beginn unserer Sechs-Stunden-Tour, die zumindest auf diese letzte Frage, die Yishai Sarid in seinem Buch verhandelt, eine eindeutige Antwort geben wird. Die Polin Alicija Tarnowska hält ein Schild mit der Aufschrift "Deutsch", sie wird die deutschsprachige Gruppe durch Auschwitz führen. Sie ist klein und um die sechzig, lebt in Oswiecim und arbeitet seit 20 Jahren in der Gedenkstätte. An ihrer blassrosa Haube mit den kleinen Strasssteinen wird sich die Gruppe orientieren. "Wir betrachten das Konzentrationslager als Friedhof", es ist nicht einmal eine Aufforderung, sondern eine Art Selbstverständlichkeit, wie sie das sagt. Das heißt: essen und rauchen verboten, Mobiltelefone stumm schalten. Niemand macht hier Selfies.

Besuchergruppen in der Gedenkstätte von Auschwitz.
Foto: Picturedesk

Obwohl auf dem Gelände des Stammlagers viele Besuchergruppen unterwegs sind, ist unter dem Schutz der Kopfhörer jeder für die nächsten zwei Stunden mit sich und dem Grauen allein. Nur Alicijas Stimme wird mit ihren Ausführungen auf Deutsch mit polnischem Akzent den Parcours durch die einzelnen Ziegelsteinbaracken begleiten. "Die deutsche Aggression traf Polen im Jahre 1939", ist einer ihrer ersten Sätze, und immer wieder wird sie auch auf die zahlreichen polnischen Opfer, die hier von den Deutschen ermordet wurden, hinweisen.

Yishai Sarid erzählt in seinem Buch auch über die Vereinnahmung des Gedenkens und der Gedenkstätten durch die verschiedenen Seiten. In Polen ist es heute per Gesetz verboten, Auschwitz als polnisches Konzentrationslager zu bezeichnen. Sarid weiß um diese schwierige Linienführung. In Monster drückt es sein israelischer Protagonist an einer Stelle so aus: "Im Schwarzwald hingegen, wo unsere Touristen gern Familienurlaub machen, ist die Erde sauber geblieben. So haben die Deutschen es geplant, und – was soll man sagen – mit Erfolg."

Dass das ehemalige Häftlingsempfangsgebäude heute tatsächlich zum Besucherempfangszentrum umfunktioniert wurde, erzählt uns Alicija Tarnowska nicht, dafür erklärt sie Block für Block die gesamte Historie des Lagers und die Genese der Tötungsmaschinerie: Es geht um Haftbedingungen und Desinfektion, um Dunkelhaft und Stehbunker, Erschießungskommandos und schließlich um die Systematik der Judendeportationen. Sie führt uns vorbei an Schautafeln und Landkarten, an Schwarz-Weiß-Fotografien von Menschen mit Koffern am Bahnsteig in Auschwitz, an handschriftlichen Listen von ermordeten Menschen.

Hier wird die Vielfalt jüdischen Lebens in Filmen gezeigt, (...) Ausschnitte von Biografien, aus denen die Nazis eine einzige stigmatisierte Gruppe gemacht haben: die Juden.

Oft bilden sich Schlangen in und vor den Backsteinbauten. Es sind viele Junge hier, Touristen aus Krakau, die diesen Trip als Tagesausflug gebucht haben, sie tragen bunte Sticker lokaler Reiseveranstalter auf den Jacken, "Magic Cracow-Tour" zum Beispiel. Fast unerträglich wird der Horror beim Betrachten der Ausstellungsvitrinen: Berge an Brillen, Bürsten, Schuhen und schließlich Haaren. "Fotografieren nicht erlaubt", sagt Alicija. Irgendwann stehen wir wieder im Freien – vor der Todeswand zwischen Block 10 und 11.

Viel Zeit, sich ausführlich mit den Texten und Ausstellungsstücken zu beschäftigen, bleibt nicht wirklich. Alicija will weiter, und hinten wartet schon die nächste Gruppe. Aber dieses schnell Durchgeschleustwerden kommt auch dem Gefühl einer wachsenden Beklemmung, einer Art Ohnmacht und Angst, die man körperlich spürt, entgegen. Wenn man bei einem Haufen von Koffern steht, die diese Menschen mitbrachten, weil sie immer noch nicht wussten, was auf sie zukam, und auf einem einer Wiener Jüdin die Aufschrift "Tandelmarktg. 17/5", ihre Adresse in der Wiener Leopoldstadt, findet, dann dringt das Grauen ganz konkret in die eigene Wirklichkeit ein.

Zwischen 1940 und 1945 wurden hier mindestens 1,1 Millionen Juden, 140.000 Polen, 20.000 Sinti und Roma und mehr als 10.000 sowjetische Kriegsgefangenen ermordet. Alicijas Methode ist es, das Grauen in Zahlen zu fassen, und erinnert damit auch stark an den Protagonisten aus Sarids Roman Monster: "Die Schüler verstanden nur mit Mühe, wo sie waren", schreibt er über den Besuch von Auschwitz I, "denn hier gab es keine Holzbaracken (...) Erst wenn man weiter hineingeht, sieht man die Folterkammern, die Berge von Haaren und Prothesen, die original erhaltene Gaskammer und das Krematorium."

Schmerzhafte Erfahrungen

In der einzigen Gaskammer des Stammlagers, die im Übrigen gleich neben dem Wohnhaus des Lagerleiters Rudolf Höß liegt, taumelt man bei dem Gedanken, wie es Auschwitz-Besuchern gehen mag, deren Familien, Großväter, Tanten oder Schwestern hier vergast wurden. "Zyklon B wurde hier durch die Decke in die Gaskammer geworfen", sagt Alicija und verlässt die Kammer. Schon auf der Buch Wien im November hat der Schriftsteller Sarid den Messebesuchern von seiner sehr schmerzhaften und anstrengenden Erfahrung seines Auschwitz-Besuchs erzählt: "Wenn man älter wird und eigene Kinder hat, beginnt man, das ganze Ausmaß der Katastrophe zu begreifen", sagt er. An Holocaust-Reisen für junge Israeli hat er Zweifel, die Schule seiner Tochter macht jetzt anstatt der Polen-Woche eine Holocaust-Woche in Israel mit Gesprächen mit Zeitzeugen und -zeuginnen und dem Besuch von Museen. Er würde in der Erinnerungskultur den Fokus mehr auf das jüdische Leben vor dem Zweiten Weltkrieg in ganz Europa legen und nicht nur auf den letzten Akt der Massenvernichtung in Polen.

Wenn Auschwitz I, das Stammlager, schon grauenhaft war, dann bekommt in Birkenau das Grauen noch einmal ungeahnte Dimensionen. Eine endlos weite, trostlose Ebene ...

Was Sarid meint, wird klar beim Besuch einer Ausstellung in Auschwitz I, die von Israel kuratiert wurde. 40 Minuten gibt uns Alicija Zeit dafür, sie anzuschauen. Hier wird die Vielfalt jüdischen Lebens in Filmfragmenten gezeigt, Kinder, die schaukeln, Hochzeitsfeste, religiöse Gruppen, eine Vielfalt an Menschen und Biografien, aus denen die Nazis eine einzige stigmatisierte Gruppe gemacht haben: die Juden. Man hört die Hetzreden von Hitler und Göring in einer Videoinstallation. Die Entmenschlichung passiert über Sprache, mit populistischen Worten, die Massen jubeln. Internierung und Mord waren die nächsten Schritte. Der letzte Ausstellungsraum zeigt Zeichnungen, die in Auschwitz internierte Kinder an die Barackenwände gezeichnet haben.

Perfidie der Vernichtung

"Der Holocaust geht nicht weg", so formuliert es der israelische Autor Yishai Sarid: "Er bleibt eine Option. Nachdem ihn die Deutschen", sagt er und meint uns Österreicher aber mit, "einmal begangen haben, könnte es wieder passieren." An diesem grauen Jännertag sind keine israelischen Schülergruppen in den Gedenkstätten von Auschwitz unterwegs. Wir begegnen nur einem einzigen Mädchen mit langen dunklen Locken, die in eine israelische Flagge gehüllt ist wie die Schüler, die Sarid in seinem Roman beschreibt. Aber da haben wir unsere Kopfhörer schon abgegeben, haben angestrengt und mit klammen Fingern in der Besucherkantine Pelmeni, Salat und Pommes gegessen und sind dann um 13 Uhr mit dem gelben Bus mit der Aufschrift "Auschwitz–Birkenau–Auschwitz" wenige Minuten zum Vernichtungslager Auschwitz II gefahren.

Heute wird die systematische Vernichtungsindustrie der Nazis mit modernen Mitteln vermessen: eine Drohnenaufnahme der Baracken im KZ Auschwitz-Birkenau.
Foto: Reuters

Wenn Auschwitz I, das Stammlager, schon grauenhaft war, dann bekommt in Birkenau das Grauen noch einmal ungeahnte Dimensionen. Eine weite, trostlose Ebene, über die heute der Wind pfeift und auf der man mit anderen versprengten Besuchergruppen steht und die Ausmaße der Vernichtung mit eigenen Augen sehen kann. Um eine Woche vor den Gedenkfeiern zur Befreiung von Auschwitz die systematische Vernichtung von Birkenau mit modernen Mitteln zu ver-, oder besser: ermessen zu können, fliegt eine Drohne eines TV-Teams über unseren Köpfen. Baracken stehen nur noch wenige, hier sehen sie tatsächlich wie Tierställe aus, auch innen.

Letzten Zeitzeugen

Es ist die Architektur der Anlage, die hier mitten im Nichts das unmenschliche Ausmaß und die Perfidie dieser Vernichtungsindustrie der Nazis veranschaulicht. Wer den langen Weg entlang des langen Bahndamms geht, kann die Bilder von der Selektionsrampe jetzt zuordnen, links in das Lager, rechts in den Tod, nach hinten zu den Gaskammern, die am Ende des Krieges von den Nazis selbst gesprengt wurden, um die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen. So liegen sie auch heute noch da. Unvorstellbar, dass irgendjemand das alles leugnen könnte. Am Ende des Lagers ein Mahnmal zwischen den Ruinen der Gaskammern, israelische Flaggen im kalten Wind.

Alicija führt die deutsche Gruppe bis nach hinten zu jenem "Canada" genannten Lagerabschnitt in Birkenau, in dem die Nazis die Habseligkeiten und den Besitz der ermordeten Opfer systematisch gehortet haben, alles desinfizierten, sortierten, ihn sich aneigneten – und Wertvolles wieder nach Deutschland zurückschickten. "Das Schrecklichste ist die Logistik", wird unser Guide Alicija Tarnowska am Ende der Führung auf dem Weg zurück zum Shuttlebus sagen. An die Systematik des Tötungsprozesses hat sie sich nach 20 Jahren nicht gewöhnt. Beim Festakt nächste Woche wird sie nicht dabei sein. "Da sollen jetzt die jungen Guides hingehen", winkt sie ab, hofft aber, dass viele Politiker und Politikerinnen kommen, um zu sehen, was Menschen einander antun können.

Sie zeigt auf das riesige weiße Festzelt, das an diesem Samstag Mitte Jänner das "Todestor" unter sich verbirgt. Durch dieses Tor sind zwischen 1942 und 1945 alle Züge nach Birkenau gefahren. Von den 1,2 Millionen Menschen haben nur 7000 überlebt. Unter ihnen finden sich die letzten Zeitzeugen. Den wenigen, mittlerweile hochbetagten Holocaust-Überlebenden ist die Jännerkälte während des Festakts nicht mehr zuzumuten, erzählt uns Alicija. Das Festzelt stülpt sich wie eine Installation über das "Todestor", lässt es verschwinden und transformiert diesen Ort – in einen Ort des Gedenkens, an dem es die Überlebenden zumindest 75 Jahre später warm haben. (Mia Eidlhuber, Karin Pollack, ALBUM, 27.1.2020)