In seinem Namen konvergieren Durchtriebenheit und angewandte Intelligenz: Der "Smart Forease" wartet auf einer Pariser Automesse auf ein neues Herrchen oder Frauchen.

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Wer es schafft, "smart" genannt zu werden, dem wird von besonders leistungsaktiven Zeitgenossen unter Garantie herzlich gratuliert. Smart zu sein bedeutet, die eigene Intel ligenz möglichst anwendungssicher zu gebrauchen – und sie umgehend in Schläue zu verwandeln.

Wissen? Ist auch in unserer postindustriellen Spätmoderne eine feine Sache. Wenn es denn nicht bloß um seiner selbst willen wuchert. Zweckdienliches Denken schmückt den Durchtriebenen. Eine als smart charakterisierte Person versteht sich auf eine weitgehend rückstandsfreie Beseitigung von Problemen, die am Arbeitsplatz und in der Freizeit angefallen sind – aber eben nur so, wie der Zufall es gewollt hat. Dabei ist die "Smartness" (zu Deutsch: Cleverness) stillschweigend von toten Gegenständen auf deren quicklebendige Besitzer übergegangen.

Es fing alles mit einem an nähernd würfelförmigen Auto an, das seit 1994 Platz in garantiert jeder Parklücke findet. Heute verdient es unter Umständen sogar ein Latte macchiato, smart genannt zu werden. Internationale Leuchtturmmedien wie die "New York Times" unterhalten ein eigenes "Smarter Living"-Ressort.

Wer smart ist, empfindet den unbändigen Wunsch, Teil der Lösung und nicht des Problems zu sein. Im "Smart Home", dem letzten Schrei in Sachen Wohn komfort, treten die Vertreter der Ding- und Sachenwelt in eine Phase des wohlorganisierten, sorgfältig aufeinander abgestimmten Handelns ein.

Die Lampe ist ebenso mit Intelligenz geschlagen wie der Mäh roboter draußen vor der Terrassentür. Gesteuert werden die smarten Geräte per App oder Sprachassistent. Sie beerben diejenigen Hündchen, die Zirkuserfahrung besitzen und sich auf die Kunst verstehen, auf Zuruf das Stöckchen zu apportieren.

Flutung der Technik

Die Flutung der Technik mit Proben angewandter Intelligenz weckt bei vielen Benutzern Un behagen. Vorbei die Zeit, als es die vornehmste Aufgabe des Menschen schien, seine Umgebung auf den zutreffenden Begriff zu bringen – um sie zu verändern.

Autorin Olga Flor, zuletzt mit dem Titel "Politik der Emotion" (2018) in Sachen Populismuskritik in Erscheinung getreten, graut vor einer Art Rebellion der Gegenstände wider ihre Benutzer aus Fleisch und Blut: "Die Dinge übernehmen die Kontrolle, sie haben all die Zeit auf ihren Moment gewartet, in der Tiefe ihres Berges (dort hausen Bartträger und Königinnen und allwissende Küchenmaschinen), und jetzt ist er da." Und: "Sie vernetzten sich und verhandeln die Dinge untereinander. Verhandeln sich selbst miteinander, ganz ohne menschliches Zutun, das ist mit den Eingangsbedingungen abgehakt. Sie schätzen das Potenzial der Exemplare ab, die sie melken, dankbare Nutztiere ..."

Sicher ist: Wer smart denkt und agiert, begnügt sich damit, aus dem bereits Vorhandenen eine Art Remix herzustellen. Dem raschen Verständnis wird unbedingt der Vorzug vor der Tiefe des Ver stehens eingeräumt.

Somit drängt sich ein Verdacht auf: All die smarten Problemlöser helfen mit, den Blick auf die wahre Beschaffenheit der Verhältnisse zu verschleiern. Smartness hindert wirksam daran, Mitgefühl mit den Erniedrigten und Beleidigten zu empfinden.

Der politische Philosoph Robert Misik widerspricht: "Smart im Sinne von Up-to-date-Sein, eine Kritik an den Verhältnissen, die nicht nur aus nostalgischen oder wiedergekäuten Dogmen besteht, sondern mit den heutigen Umständen und den Realitäten rechnet – eine solche Kritik kann auch smart sein." Misik glaubt, dass eine Kombination diverser Wissensformen durchaus zu einer Interpretation der Gegenwart verhelfen könne, "die contemporary ist".

Abgezockte Wendehälse

Autor Franzobel gibt an, mit Clever & Smart-Comics, später mit Smart-Export-Zigaretten aufgewachsen zu sein. Nun habe sich aber "offenbar ein Bedeutungswandel vollzogen. Heute sind die smarten Burschen keine netten Playboys mehr, sondern abgezockte teflonbeschichtete Wendehälse, die einem auf nette Art die Seele abluchsen." Übrigens genössen immer Männer das Privileg, als smart durchzugehen.

Lisa Eckhart, Poetry-Slammerin und Kabarettistin, erinnert sich an die Ära des smarten Typen: "kein Blender, sondern Plunder". Und: "Smartness ist heute omnipräsent. Nur das besagte Bewusstsein ist fort. Und der Typ im Übrigen auch. Denn smart sind nunmehr nicht die Menschen, sondern lediglich die Dinge. Handys, Häuser, ja, sogar ,Heisln‘. Doch was die ‚Smart Toilette‘ so smart macht, ist nicht etwa die Fähigkeit, ein Gesäß zu reinigen. Das können Menschen schließlich auch. Und nur die wenigsten maßen sich an, sich deshalb als smart zu adeln."

Ihr begrifflich durchaus stichhaltiges Fazit: "Wie einst beim smarten Typen liegt die Smartness der Smartphones und Smart Homes nur darin, in zahllosen Toren Begehren zu wecken." (Ronald Pohl, 25.1.2020)