Über Nacht eine Silberlocke in der Haarpracht? In "Frankensteins Braut" war das wohl nicht stressbedingt.
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Wer mit etwa sechzig Jahren kein graues Haar hat und behauptet, nicht zu färben, wird des Schummelns aus Eitelkeit verdächtigt. Irgendwann ergraut nämlich jedes Haar. Der Körper produziert weit weniger vom Farbpigment Melanin als in jungen Jahren. Wissenschafter haben bereits viele Gene entdeckt, die für die Ausgestaltung der Haarpracht eine wichtige Rolle spielen: ein Gen für blondes Haar, eines für rotes Haar, 2016 wurde auch eines entdeckt, das in einer Variante vorzeitiges Ergrauen verursacht. Nun haben Wissenschafter einen Nachweis dafür gefunden, dass Stress am plötzlichen Ergrauen Schuld sein kann.

Damit gewinnt der abgedroschene Spruch "Lass dir keine grauen Haare wachsen" plötzlich an Bedeutung. Und auch die zahlreichen Geschichten von Persönlichkeiten, die angeblich über Nacht grau wurden, wirken nicht mehr ganz so legendenhaft wie bisher: Die französische Königin Marie Antoinette ist das wohl am häufigsten zitierte Beispiel dafür. Aber auch von Karl Marx erzählt man sich ähnliche Geschichten. Der Mann mit Vollbart, über Nacht weiß geworden?

Ein Team um Erstautor Bing Zhang und Ya-Chieh Hsu von der Harvard University und der Harvard Medical School hat zufällig entdeckt, dass schwarzen Mäuse nach Experimenten mit Stressindikatoren, in denen die Nager Schmerzen empfanden, weiß wurden – nicht am ganzen Fell, aber doch deutlich sichtbar.

Immun gegen den Stress

In einem ersten Schritt unterbanden sie bei weiteren Versuchen mit Mäusen das sympathische Nervensystem, das im Normalfall bei Mensch und Tier bei Gefahr zur Flucht oder zum Kampf anregt. Die Mäuse waren solcherart immun gegen den Stress, ihr Fell verfärbte sich an keiner Stelle weiß. Der Sympathikus brachte den Körper nicht in den Alarmzustand.

Nervenfasern in den Haarwurzeln.
Foto: Bing Zhang & Ya-Chieh Hsu

Arbeitet das Nervensystem aber im Normalmodus, dann führt die Situation zu einer nun erstmals beschriebenen biochemischen Reaktion: Die Nebenniere produziert Noradrenalin, das Stresshormon. Das machen allerdings auch Nervenfasern, die in den Haarwurzeln zu finden sind. Die pigmentproduzierenden Zellen, Melanozyten, sind davon betroffen. Ihre Stammzellen haben einen Rezeptor für den Botenstoff, die Haare ergrauen.

Die Wissenschafter schreiben in ihrem im Fachjournal Nature publizierten Paper, dass es für diesen Prozess keine Umkehr gibt. Die Überbeanspruchung des Sympathikus lässt Farbzellen dauerhaft absterben. Da die Forscher für weitere Experimente auch menschliche Melanozyten verwendeten, liegt der Schluss nahe: Plötzliches und verfrühtes Ergrauen des Haars lässt sich auch bei uns auf Stress zurückführen. (Peter Illetschko, 26. 1. 2020)