August Diehl, hier mit Valerie Pachner als Franziska, über das Ehepaar Jägerstätter: "Zwei einfache Leute, die so stark zueinanderhalten – das ist ein unglaubliches Zeugnis. In den Briefen findet man fast alles."

Foto: Reiner Bajo / Fox Searchlight Pictures via AP

Drei Jahre lang war der neue Film von Terrence Malick ein Gerücht. Man wusste, dass Dreharbeiten stattgefunden hatten, mit August Diehl in der Hauptrolle des Kriegsdienstverweigerers Franz Jägerstätter und mit Valerie Pachner als dessen Frau Franziska. "Radegund" kursierte lange als Arbeitstitel, nach der Pfarre am Inn, in der Jägerstätter gelebt hatte, bevor er 1943 eingezogen und schließlich in Brandenburg hingerichtet wurde. Im Mai 2019 wurde das Geheimnis schließlich gelüftet: In Cannes hatte A Hidden Life Premiere, deutscher Titel: Ein verborgenes Leben.

Nach Filmen wie The Tree of Life oder To the Wonder wird Terrence Malick von seinen Fans als Visionär verehrt, zunehmend deutlicher finden sich aber auch Skeptiker, die bei ihm vor allem esoterisches Geschwurbel sehen. Die besondere Ästhetik von Malick prägt auch seine Sicht auf Jägerstätter: Er sieht den historischen Fall in einer größeren Perspektive und macht aus einem Akt des Widerstands gegen das NS-Regime eine Art humanistischer Kinopredigt, in der die konkreten (christlichen) Motive eher in den Hintergrund treten.

Malick als Herzensmensch

Zu dem legendären Image von Malick trägt sicher auch bei, dass er sich konsequent rar macht. Er gibt keine Interviews und tritt nicht öffentlich auf. Wohl aber gab es Gelegenheit, in Berlin mit den beiden Hauptdarstellern zu sprechen. Sie haben Malick natürlich während ihrer Arbeit sehr gut kennengelernt. "Er ist auf jeden Fall ein zugänglicher, höflicher, auch lustiger Mensch", erzählt Valerie Pachner. "Am Set wirkt er fast verspielt und bringt eine Leichtigkeit mit, die dem kreativen Prozess sehr förderlich ist. Er macht eher Komplimente, als dass er kritisieren würde. Zugewandt, wohlwollend, offen, positiv – das sind Worte, die ich mit ihm assoziiere. Er ist auch ein Herzensmensch, so klug er ist."

Für Pachner, eine gebürtige Oberösterreicherin aus Wels, kam die Einladung zu einem Casting überraschend – sie war damals am Münchner Residenztheater im Ensemble und hatte erst einen Film gemacht. "Die Briefe zwischen Franz und Franziska Jägerstätter waren das Erste, was Malick uns geschickt hat. Sie waren wichtiger als das Drehbuch und bildeten mehr als nur eine erste Grundlage", erinnert sich Pachner an die Phase der Vorbereitung auf ihre Rolle. Das Ehepaar Jägerstätter verband eine tiefe Beziehung, dieser Aspekt einer ständigen Zwiesprache auch in Zeiten des Getrenntseins ist für Malick sehr wichtig.

Kein Heldenfilm

Diehl, der seit seinem Debüt in 23 zu einem auch international vielbeschäftigten deutschen Star geworden ist, hebt hervor, dass Ein verborgenes Leben ein Film nicht einfach über einen Helden ist, sondern über ein Paar: "Zwei einfache Leute, die so stark zueinanderhalten – das ist ein unglaubliches Zeugnis. In den Briefen findet man fast alles." Franziska Jägerstätter blieb auf dem Hof in Oberösterreich zurück, als ihr Mann in Haft genommen wurde. Der Film stiftet einen Dialog mit dem Lebensmenschen und mit der Natur – das typische Malick-Gemurmel, in diesem Fall vor der erhebenden Kulisse eines Alpendorfs mit Kirchturm vor Bergzinnen. "Der ganze Dreh war von einer großen Freiheit geprägt", so Pachner. "Es gab viele lange Takes, über 30, auch 45 Minuten. Da wurde viel ausprobiert, manches auch in die Einstellung reingesagt. Die Weitwinkel geben einem auch viel Raum, die bewegliche Kamera kommt mit."

Malick hat einen unverwechselbaren Stil, auf den Diehl schon früh aufmerksam wurde: "Film ist das Tollste, was es gibt, das ist alles – Musik, Geschichte, Menschen, alles in einem. Die Umschaffung der Welt. Das wurde eine Religion für mich, und zwar ganz stark durch Terrence Malick."

Der Eintopf Postproduktion

Beide betonen hinsichtlich der Phase zwischen den Dreharbeiten 2016 und der Fertigstellung, dass sie immer auf dem Laufenden waren und die lange Postproduktion zu einem Malick-Film gehört: "Wir waren sehr involviert, bekamen immer wieder neue Versionen für das Voiceover", so Diehl. "Natürlich gab es Momente, in denen wir nicht genau wussten, ob der Film irgendwann den Ansprüchen von Malick genügen würde. Aber es hat sich gelohnt. Ich habe selten einen so raffiniert geschnittenen Film gesehen." Und Pachner ergänzt: "Das Projekt hat mich in diesen Jahren nie losgelassen. Kürzlich haben wir dann auch die deutsche Fassung aufgenommen, da fallen einem noch einmal Nuancen auf, wie jeder Satz Kreise zieht. Da trägt alles zu den Stimmungen und Stimmen bei, die dem Film den grundlegenden Ton gegeben haben. Die Postproduktion ist wesentlich für seine Arbeit, ich sehe das wie einen Eintopf, der lange kochen muss, um gut zu werden."

Haltung gegen das Regime

Was bedeutet das Vorbild Jägerstätters heute? Diehl wählt seine Worte genau: "Vielleicht kann man das Wort spirituell verwenden. Aber selbst davor habe ich Angst. Der große innere Kampf mit dem Sinnzusammenhang von allem spielt immer eine Rolle. In dem Moment werden wir auf eine bestimmte Weise religiös, genauso, wie man, wenn man eine Meinung vertritt, politisch wird. Ein Bauer sieht den Kreislauf: wie das Korn wächst, wie Brot entsteht, wie er damit die Kinder nährt. Das ist ein Zusammenhang, der Sinn gibt und stark mit der Erde verbunden ist. Wenn man da herausgerissen wird und den Befehl bekommt: Töte jetzt für uns, empfindet er das als eine Todsünde." Und Pachner betont mit ihrer Deutung der Figur Franziska Jägerstätter die Gemeinsamkeit des Widerstands: "Ich hatte nie das Gefühl, dass sie das nur als brave Frau getan hat, die einfach zu einem Mann steht. Sie hat das selber auch so gesehen, sie hat mit ihrem Mann die Haltung gegen das Regime geteilt, zwei einfache Leute, die sich einer konkreten Situation gestellt haben. Aus Liebe hat sie seine Entscheidung angenommen und über die eigenen Bedürfnisse gestellt. Sie war nicht unterwürfig." (Bert Rebhandl, 29.1.2020)