Einen Haufen Geld steckt die Regierung in die Start-up-Szene. Viele Gründer und Kapitalgeber hoffen, dass die Zeit der Lippenbekenntnisse vorüber ist.
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Die Politik schmückt sich gerne mit Start-ups. Die Gründer sind jung, dynamisch, (manchmal) erfolgreich. Und man positioniert sich mit Zukunftsthemen wie Digitalisierung, Biotech oder Ökologie. Doch gerade die erste Regierungsperiode von Sebastian Kurz zeigt die große Bandbreite zwischen konkreten Schritten zur Belebung der Start-up-Szene und Inszenierung. Während das Thema verbal stark strapaziert wurde, tat sich faktisch nicht allzu viel. Teilweise kam es sogar zu echten Verschlechterungen für Gründer, indem beispielsweise das von Ex-Kanzler Christian Kern forcierte Förderpaket bestehend aus Risikokapitalprämie und Entlastung bei Lohnnebenkosten gestutzt wurde.

Nach dem Bremsmanöver wird wieder Gas gegeben, so lautet zumindest das Ziel im Regierungsprogramm. Türkis-Grün hat darin viele Wünsche gesammelt, die von Gründern und Kapitalgebern seit vielen Jahren vorgebracht werden. Das sorgt in der Branche für Optimismus, wenngleich dieser von einer Portion Skepsis getrübt wird. Denn bisher hat das ständige Hin und Her, das Gasgeben und Bremsen, keine nennenswerten Erfolge für den Standort gebracht. Das lässt sich an internationalen Vergleichen ablesen, laut denen Österreich eine untergeordnete Rolle spielt.

Schattenseiten

Laut Berechnungen der Beratungsgruppe Ernst & Young beispielsweise liegt Österreich bei Investitionen in Start-ups in Europa nur an 13. Stelle. Nicht nur in Großbritannien, Frankreich und Deutschland wurde viel mehr in aufstrebende Jungunternehmen gepumpt, sondern auch in Schweden, Finnland, Dänemark und vielen anderen Ländern. Die Schweiz etwa kommt auf mehr als das vierfache Investitionsvolumen Österreichs, Ungarn auf fast das dreifache.

Dazu gesellt sich eine andere bedenkliche Entwicklung: Die erfolgreichen Verkäufe von Start-ups hatten volkswirtschaftliche Schattenseiten. Die Lauf-App Runtastic beispielsweise wurde von Adidas erst gekauft und dann an die kurze Leine genommen. Ähnlich erging es dem Online-Marktplatz Shpock, der 2015 um 190 Millionen Euro an den norwegischen Konzern Schibsted ging, der dann nach einigen Jahren den Expansionskurs abdrehte und Mitarbeiter abbaute. Andere potenzielle Einhörner wie der Online-Video-Spezialist Bitmovin aus Klagenfurt verlegten ihren Sitz in die USA, wo es ganz andere Möglichkeiten der Kapitalaufnahme und Expansion gibt. (Allerdings beschäftigen die Kärntner immer noch das Gros der Mitarbeiter in Österreich.) Die Handy-Bank N26 startete in Wien, reüssierte aber in Berlin.

Keine Systematik

Das liegt am fehlenden Risikokapital, vor allem bei größeren Summen. Hier setzt die Regierung an: Risikokapitalgeber sollen künftig bis zu 100.000 Euro ihres Investments steuerlich absetzen können. Ein richtiger Anreiz, findet Werner Wutscher, externalisiere der Staat damit doch das Risiko für Innovation oder Digitalisierung an private Geldgeber. Auch unbürokratischere Gründungen und leichtere Übertragung von Anteilen befürwortet der Gründer von New Venture Scouting, der auch dem Vorstand der Austrian Angel Investors Association angehört. Allerdings vermisst Wutscher eine Systematik, mit der Start-ups über den gesamten Lebenszyklus von Gründung über Venture-Kapital- bis zu Private-Equity-Finanzierungen begleitet werden. Er plädiert für die Gründung eines Fonds, der in Start-ups und KMUs investiert, bei dem private Investoren durch staatliche Garantien abgesichert werden.

Förderungen sind gesellschaftlich allerdings nicht unumstritten. Die Arbeiterkammer sieht schon in der jetzt geplanten steuerlichen Absetzbarkeit von Risikokapital ein Zuckerl für Reiche. Betuchte Geldgeber könnten künftig nicht nur ihre Investments steuerlich geltend machen. Wenn auch noch die Wertpapierzuwachssteuer abgeschafft werde, begünstige der Staat auch die Exits der Kapitalgeber, heißt es in einer Analyse der Arbeiterkammer zu den Steuerplänen. Zielführender als diese "Steuergeschenke" seien direkte Förderungen der staatlichen AWS an Start-ups. (Andreas Schnauder, 29.1.2020)