Das Bankenviertel in Frankfurt bekommt Zuwachs, die internationalen Geldhäuser wollen auch nach dem Brexit in der EU präsent sein.

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Berlin/Frankfurt – Der Bankenplatz Frankfurt gehört einer Untersuchung der dort ansässigen Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) zu den Gewinnern des für Freitag angekündigten EU-Austritts Großbritanniens. Mehr als 30 ausländische Banken hätten ihre Standortentscheidung zugunsten des deutschen Finanzzentrums getroffen, sagte Helaba-Analystin Ulrike Bischoff am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters.

"Da kann kein anderer Bankenplatz mithalten." Finanzfirmen, die bisher in London operieren, müssen wegen des Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union auch ein Standbein in Kontinentaleuropa aufbauen, damit sie künftig noch ihre Dienstleistungen anbieten können.

Übergangsfrist läuft noch

Wegen des Brexit dürften in den Frankfurter Bankentürmen bis Ende 2021 etwa 3.500 neue Stellen entstehen, sagt die Expertin, die seit Jahren die Entwicklung des wichtigsten deutschen Finanzplatzes analysiert. Das dürften mehr Jobs sein als durch den Umbau der Bankenlandschaft wegfallen sollten. "Ein beträchtlicher Anteil der Brexit-induzierten Personalaufstockungen hat angesichts des ursprünglichen Austrittstermins wohl schon stattgefunden und wird sich mittelfristig fortsetzen, zumal es ja erstmal noch eine Übergangsfrist gibt", sagte Bischoff. Eigentlich sollte der Brexit schon im Frühjahr 2019 vollzogen werden.

Parallel zur Verlagerung von Finanzgeschäften weg aus London gebe es aber auch Neueröffnungen von Büros in der Stadt an der Themse. Unterm Strich dürfte die britische Hauptstadt aber erst einmal mehr Stellen verlieren als neue hinzugewinnen.

Noch viele Unklarheiten

Anders als für die Banken sind für britische Staatsbürger in der EU und damit in Österreich noch immer nicht alle Unklarheiten ausgeräumt. Bis 31. Dezember 2020 bleibt zwar alles beim alten, aber danach ist vieles ungeklärt. Der 52 Jahre alte Nick, seit mehr als 45 Jahren in Österreich, sieht noch immer Unklarheiten im Aufenthalts- und Arbeitsrecht. Von den Behörden sei ihm stets vermittelt worden, dass es keine Probleme geben werde. "Aber ich glaube, das kann noch niemand mit letzter Gewissheit sagen."

Im Fall eines Hard Brexit, also ohne Abkommen mit der EU, sei ihm seitens der Bezirkshauptmannschaft in Niederösterreich empfohlen worden, binnen sechs Monaten eine Rotweißrot-Karte-"plus" zu beantragen. "Mir wurde vermittelt, eine solche könnte mir dann unkompliziert ausgestellt werden", so der Netzwerktechniker. "Ich gewann den Eindruck, dass einem keine bürokratischen Hürden in den Weg gelegt werden dürften."

Abwarten und Tee trinken

Zum Jahreswechsel hat der Brite, der nach dem Brexit kein EU-Bürger mehr ist, nochmals bei der BH nachgefragt. "Ich möchte nämlich nicht irgendwann hören, ich hätte mich früher um etwas kümmern müssen." Aber er habe keine Infos bekommen.

Die EU-Kommission will sofort nach dem Austritt die kommenden Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich verhandeln. Die Kommissionsspitze sagt ganz offen, dass die elf Monate bis zum 31. Dezember 2020 dafür eine kurze Zeit sind. "Es geht um gleiche Spielregeln, soziale Rechte, staatliche Beihilfen, Umweltschutz und andere Bereiche", sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen einmal zu den Gesprächen. (Reuters, APA, ,29.1.2020)