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Seid ihr auf der Liste? Nennt das geheime Codewort!, scherzt Nicole, als sie die Eintrittsbänder um das Handgelenk bindet. "Fuck Brexit?", lacht sie laut auf. Auf ihrem EU-blauen T-Shirt steht "This is what European looks like". Momentan ist sie gut drauf, sagt sie, weil sie hier ist, bei der "Eurotrash Final Countdown Commiseration Night". Auch viele andere Gäste sind in blauen Sakkos mit gelben Hemden in die Bierschenke hinter den Tower of London gekommen, EU-Fahnen hängen von der Decke. "Was soll ich heute sonst machen? Weinen? Dann lieber hier feiern und sich gemeinsam betrinken." Eigentlich hat sie aber eine schwere Woche hinter sich, gesteht sie ein.

Countdown in der Downing Street.
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Wenn aus den Boxen Peter Schillings "Vöööllig losgelöst" dröhnt, ist der Austritt Großbritanniens aus der EU keine zwei Stunden mehr entfernt. Um Punkt 23 Uhr ist Großbritanniens Zeit in der EU Geschichte. In der Bierschenke soll dann die "Ode an die Freude" ertönen, die Europahymne. Das wird wohl wieder sehr emotional für sie, meint Nicole, die den Abend mitorganisiert.

Nicht überall Feierlaune

Die BBC ist vor Ort, wenn sich Freunde der Initiative "3 millions", also von Europäern, die in Großbritannien leben, für acht Pfund gemeinsam "commmiserate", also bemitleiden. Denn in London sind am Brexit-Tag nicht alle in Feierlaune, wie Premier Boris Johnson oder Brexit-Party-Chef Nigel Farage, der am Parliament Square vor der Westminster sein politisches Lebenswerk hochleben lässt. In einem Pub bei Canary Wharf wurde dezent die "European Beer Appreciation Night" ausgerufen, bei der Brexit Tequila Night in Südostlondon können alle Tequila trinken "anstatt in den Polster zu weinen".

Ein großer Teil der Bevölkerung hatte keinen Grund zum Feiern.
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Nicole ruft über die laute Musik: "Nach dem Referendum ist etwas in mir gebrochen." Seit 31 Jahren lebt die Niederländerin in London, überlegt nun aber nach Berlin zu ziehen. In der vergangenen Woche konnte sie kaum schlafen, sie musste viel weinen. Vor allem die Bilder aus Dover brachen ihr das Herz. Eine Remain-Gruppe hatte einen Film auf die bekannten Weißen Felsen von Dover projiziert, in denen Zweite-Weltkriegsverteranen den Austritt Großbritanniens in einem kurzen Clip betrauerten.

Sanktionen der besonderen Art

"Es ist so unsäglich idiotisch und traurig", meint der Historiker Hubertus Jahn, der extra aus Cambridge nach London in die Bierschenke gekommen ist. "Großbritannien ist das einzige Land – mit Ausnahme der Russischen Föderation vielleicht – das sich selbst gerade Sanktionen erteilt." Am Schlimmsten ist für ihn die historische Dimension des Austritts aus dem "Friedensprojekt Europa". Ob sich die Nacht auch historisch anfühlt? "Ich weiß es nicht. Es ist alles so absurd. Man spürt es ja nicht."

Jubel der Brexit-Anhänger.
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Ähnlich geht es der Italienerin Valentina, die seit sieben Jahren in London lebt. Der Schock sei direkt nach dem Referendum viel größer gewesen. Seit damals, seit dreieinhalb Jahren hat sie eigentlich nicht mehr daran gezweifelt, dass der Brexit vollzogen werde. Die Politiker hier hätten so eine "Inselmentalität". Als 1989er-Jahrgang kenne sie bloß eine Welt, in der man nicht nur zu einem Ort gehöre, sondern zu einen größeren Gemeinschaft. "Ich bin nicht traurig heute, sondern taub."

Therapie vom Bürgermeister

Für verwirrte und deprimierte EU-Bürger hat daher Bürgermeister Sadiq Khan am Freitagabend das Rathaus geöffnet. Anwälte beraten zu Bleiberecht-Fragen. Psychotherapeuten sind vor Ort, um emotionalen Beistand zu leisten. Emmy van Deurzen vom Emotional Support Service for Europeans (ESSE) erzählt im Rathaus, dass sich viele Menschen isoliert fühlen und unter Schlafstörungen leiden. Die Probleme seien nicht unbedingt durch den Brexit ausgelöst, aber verstärken sie.

Im Rathaus, wo man auch psychische Unterstützung fand.
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Während EU-Bürger und Remainers in diversen Pubs den Austritt gemeinsam betrauern, herrscht vor der Westminster am Parliament Square Partystimmug. Schon am Nachmittag hatten sich Brexiteers zu einem Picknick versammelt, unter dem Motto "Have your cake and and eat it." In Anspielung an ein englisches Sprichwort, das eigentlich besagt, dass man Kompromisse eingehen muss, dass man nicht alles haben kann. Für die Brexiteers ist Freitagnacht wie Weihnachten und Geburtstag zusammen.

Für den Brexit und die Demokratie

"Ich bin total aufgeregt, weil ich Teil der Geschichte bin", sagt Maya, die vor einem Jahr aus Ghana nach London zog. "Wenn die Mehrheit der Bevölkerung dafür ist, dann bin ich auch dafür." Peter aus Österreich ist auch überzeugt: "Für den Brexit zu sein, ist für die Demokratie zu sein." Im Österreicher-Klub in London würde er sofort attackiert, wenn er sage, dass er Pro-Brexit ist. Er findet die EU eben schlecht. Seit 25 Jahren lebt er in London. Der Forderung eines zweiten Referendums konnte er nie etwas abgewinnen. "Was ist das für eine Demokratie?" meint er empört, während er die britische Fahne hält.

Nigel Farage am Ziel seiner Träume.
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Es ist ein Treffen des Nigel-Farage-Fanclubs, beinahe eine Art Gebetstreffen einer Pfingstgemeinde – bloß ohne Halleluja-Rufe. Daneben stand aber auch eine große Anzahl von Schaulustigen, die einfach mal sehen wollten, ob da was los ist. Freitagabend bot sich schließlich zum Feiern an: Viele – durchaus angetrunkene – junge Leute mischten sich unter die Feiernden, altersmäßig war die Versammlung durchmischt. Viel vom Flair der multikulturellen Stadt war nicht zu sehen. Während die Remainer-Demos immer sehr "der Schlange bei Waitrose" glichen – wie der Brexit-Pfarrer Giles Fraser mit Anspielung auf den feinen Supermarkt spottete – fand man sich hier in der Schlange beim Discounter Lidl wieder.

Union Jacks

Dutzende Union Jacks wehten im Wind, "Happy Brexit Day"-Buttons an den Jacken. Mal tönte es von der einen Seite "Rule Britannia", mal grölte jemand von einer anderen Slogans wie "There is only one Boris" und "Stick your flag with stars up your arse".

Fünfzehn Minuten vor dem Austritt betrat dann Farage die Bühne und peitschte zum Countdown ein. Und um Punkt 23 Uhr London Times, sprich Punkt Mitternacht in Brüssel, gingen die Union Jacks in die Höhe, unter dem lauten Jubeln der Menschen. Das erste Lied, dass die Menge sang, als Nicht-EU-Mitglied, war die Nationalhymne "God save the Queen". In der Bierschenke war es: Die Europahymne. (Anna Sawerthal aus London, Mitarbeit: Sebastian Borger, 1.2.2020)