Personen mit asiatischen Gesichtszügen sind das Ziel von rassistischen Attacken.

Foto: REUTERS/Gonzalo Fuentes

Diskret zieht die Frau in der Pariser Vorortsbahn RER ihren Pullikragen hoch und bedeckt damit Mund und Nase. Der Grund dafür sitzt ihr im Abteil gegenüber: eine junge Asiatin mit einem großen Reisekoffer. Auch ein junger Mann hält seine Atemorgane bedeckt. Die drei vermeiden jeden direkten Blickkontakt. Aber allen ist klar, was vorgeht: Zwei Passagiere haben offensichtlich Angst, von einer weitgereisten Sitznachbarin mit dem Coronavirus angesteckt zu werden.

Die kurze Filmsequenz stammt aus dem Twitterfeed #JeNeSuisPasUnVirus, zu Deutsch: Ich bin kein Virus. Eingerichtet von einer jungen Chinesin, belegt und beklagt er die Widerstände, mit denen die Bevölkerung asiatischer Herkunft in Frankreich seit dem Aufkommen des Virus kämpft. Eine junge Frau namens Prisca schreibt, sie sei polnisch-vietnamesischer Herkunft und noch nie in China gewesen; wegen ihres Aussehens werde sie aber angestarrt, und oft legten die Leute dann ein Halstuch vor den Mund.

Und dabei bleibt es nicht. Medien berichten mit vielen Beispielen, wie chinesischstämmige Schüler gehänselt werden, und dass langjährige Schulkollegen nicht mehr an ihrer Seite sitzen oder mit ihnen sprechen wollen.

"Dreckschinesin"

In einer Käserei in Lyon weigerte sich ein Ehepaar, von einer chinesischen Verkäuferin bedient zu werden. Im Supermarkt von Fontenay-sous-Bois (östlich von Paris) hörte eine philippinische Mutter, wie ein französischer Vater hinter ihrem Rücken den Sprössling anhielt, sich wegen des "chinesischen Virus" auf Distanz zu ihr zu halten. Der Vietnamesin Minh rief ein Autofahrer grundlos zu: "Behalt deinen Virus für dich, Dreckchinesin."

Dahinter stecke "ein ganzes Bündel von Stereotypen des kollektiven Unterbewusstseins", erklärt die aus Vietnam stammende Kulturforscherin Mai Lam Nguyen-Conan. "Das Virus verstärkt die Ängste vor einer Invasion durch China." Diese Angst rühre aus der französischen Kolonialgeschichte im einstigen Indochina, die das Bild gefährlicher Partisanen gezeichnet habe. Sie verwandeln sich teilweise in xenophobe Anwandlungen. Geschürt werden sie von dem neuen Selbstvertrauen Chinas und seinem ökonomischen Aufschwung. Damit erklärt auch Sacha Lin Jung von der Vereinigung der Chinesen in Frankreich die Stigmatisierung und den latenten Rassismus, der ortsweise in eine regelrechte Paranoia umschlage. Le Courrier Picard schreibt in einem Leitartikel von einer "gelben Gefahr", bevor er sich dafür entschuldigte. (Stefan Brändle aus Paris, 3.2.2020)