Türkische Truppen haben laut Angaben von Präsident Recep Tayyip Erdoğan 35 syrische Soldaten getötet, die sich in der Provinz Idlib türkischen Beobachtungsposten genähert hatten. Erdoğan kündigte mögliche weitere Kämpfe in der Region an.

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Istanbul – Die Türkei hat nach eigenen Angaben Montagfrüh mit einer Gegenoffensive auf die Tötung von sechs Soldaten bei einem Angriff der syrischen Regierungstruppen in der Provinz Idlib reagiert. Bis zu 35 syrische Soldaten seien getötet worden, sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan in Istanbul. Weil der Kreml die türkische Aktion kritisierte, wachsen nun wieder die Spannungen zwischen Ankara und Moskau – jene der Türkei mit Syrien hatten sich schon am Wochenende massiv verstärkt.

Erdoğan betonte auch, der Militäreinsatz dauere noch an. Die Türkei werde ihre Truppen gegen Beschuss durch syrische Soldaten verteidigen. "Wir haben auf diese Angriffe reagiert und werden das auch weiterhin tun." Die Türkei sei entschlossen, die "Operation für die Sicherheit unseres Landes, unserer Menschen und unserer Brüder" fortzusetzen. "Jene, die unsere Entschlossenheit unterschätzen, machen einen Fehler."

Spannungen in Nordwest-Syrien

Die türkische Armee verfügt über zwölf Beobachtungsposten in Idlib. Diese waren auf der Grundlage eines im September 2018 geschlossenen Abkommens zwischen Russland, dem wichtigsten Verbündeten des syrischen Machthabers Bashar al-Assad, und der Türkei aufgebaut worden. Erdoğan sagte, syrische Soldaten, die sich den türkischen Beobachterposten näherten, "würden als feindlich eingestuft werden". Die Türkei, eigentlich ein Verbündeter Russlands, unterstützt die Gegner des syrischen Präsidenten – darunter auch zahlreiche Gruppen aus dem radikal-islamistischen Spektrum. Dazu setzt Ankara sowohl eigene Soldaten als auch Söldnertruppen ein.

Russland zeigte sich über die jüngsten Entwicklungen besorgt. Ein Sprecher des Kreml sagte außerdem am Montagvormittag, die "Aktivität von Milizen in der Region" beunruhige die russische Regierung weiterhin. Gemeint sind damit offenbar die von der Türkei unterstützten Gruppen. Das Militär teilte zudem mit, die türkische Seite habe die Russen nicht über ihre Bewegungen informiert. Dabei seien sie unter Beschuss der syrischen Regierungstruppen gekommen, die gegen "Terroristen" westlich von Saraqeb vorgehen wollten.

Ankara schickt viel mehr Kriegsmaterial

Die Spannungen in Idlib hatten sich zuletzt deutlich verstärkt. Assad-Truppen rücken mit Unterstützung der russischen Luftwaffe vor und haben bereits dutzende Ortschaften eingenommen, darunter die wichtige Stadt Maarat al-Numan. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht, und die Türkei, die bereits 3,6 Millionen Syrer aufgenommen hat, fürchtet einen weiteren Zustrom von Flüchtlingen aus dem Nachbarland im Süden.

Am Samstag hatten von der Türkei unterstützte Rebellen zusätzlich Stellungen der Assad-Truppen nordöstlich von Aleppo attackiert und damit eine neue Front eröffnet. Der Angriff konzentrierte sich Rebellen zufolge auf ein Gebiet nahe der Stadt Al-Bab. Türkische Soldaten hätten sich an den Kämpfen nicht beteiligt. Nach Angaben der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die sich auf Informanten an Ort und Stelle stützt und der Opposition nahesteht, hat die Türkei am Wochenende etliche Militärfahrzeuge in die Provinz Idlib geschickt. Es handle sich um rund 320 Lastwagen und Militärfahrzeuge. Das seien weit mehr als üblich.

Erdoğan hatte schon mit einer Militäroffensive im Nordwesten Syriens gedroht, sollte die Lage in Idlib nicht sofort geklärt werden. "Wir werden tun, was nötig ist, wenn jemand unser Territorium bedroht", sagte er am Freitag. Das schließe den Einsatz des Militärs ein. (red, Reuters, APA, 3.2.2020)