Die WHO hat zwar den internationalen Notstand ausgerufen, das neuartige Virus ist allerdings deutlich weniger gefährlich als ähnliche Viren wie Sars oder Mers. Europäer müssen sich nicht fürchten, sagen Experten. Ein STANDRAD-Erklärvideo.
DER STANDARD

Die Stimme scheint aus dem Himmel zu kommen: "Tante, die Drohne spricht zu dir. Du solltest das Haus nicht ohne Atemschutzmaske verlassen." Erstaunt blickt die ältere Dame nach oben. Über ihr schwebt eine Drohne, um sie auf ihr Fehlverhalten aufmerksam zu machen.

Das Video veröffentlichte am Freitag die parteinahe chinesische Zeitung "Global Times". Es geisterte dann einige Zeit durch die sozialen Medien als Beleg dafür, wie massiv die chinesische Regierung die Schutzmaßnahmen in Zeiten der Wuhan-Grippe durchsetzt.

Erst später stellte sich heraus: Bei den Drohnen-Hintermännern handelte es sich nicht um übereifrige Provinzbeamte aus der Inneren Mongolei, sondern um einen Social-Media-Influencer mit 200.000 Followern, der wohl mit der Aktion diese Zahl noch etwas weiter erhöhen wollte.

Bei einem anderen Drohnenvideo aber handelte es sich wirklich um eine Aktion der Verkehrspolizei in der nordchinesischen Stadt Shuyang: "Hey, gut aussehender Mann, der gerade in sein Handy spricht: Wo ist deine Maske?", sagt da eine Stimme.

Tatsächlich kann man sich dieser Tage in China schon die Frage stellen, ob wirklich alle Schutzmaßnahmen sinnvoll sind und manche nicht vielleicht etwas über das Ziel hinausschießen.

China räumt Fehler ein

Am Montag hat der Ständige Ausschuss des Politbüros der regierenden Kommunistischen Partei Chinas erstmals Fehler im Umgang mit der Epidemie eingeräumt. "Fehler und Schwierigkeiten" beim nationalen Notfallmanagement hätten gezeigt, dass das System verbessert werden müsse, so ein Sprecher.

Ein Bewohner sprüht mit einer Drohne Desinfektionsmittel über die Häuser eines Dorfes in der zentralchinesischen Henan-Provinz.
Foto: APA/AFP/STR

Das Ständige Ausschuss forderte außerdem eine verstärkte Überwachung von Märkten. Der illegale Handel mit Wildtieren müsse streng verboten werden. Es wird vermutet, dass der Erreger der Lungenkrankheit auf einem Markt in der zentralchinesischen Stadt Wuhan von einem Wildtier auf den Menschen übergegangen ist. Auf dem mittlerweile geschlossenen Markt wurden außer Meeresfrüchten und Geflügel auch Tiere wie Krokodile, Schlangen und Füchse angeboten.

Angesichts der rasanten Ausbreitung des Erregers hat in China die Wut auf die Behörden zugenommen. Vor allem den Behörden in Wuhan wurde vorgeworfen, Informationen zu dem Virus zu lange zurückgehalten zu haben.

Plastiksäcke im Flugzeug

In einem Flugzeug der Gesellschaft Thai Airways, die am Sonntag einige Hundert Touristen zurück in die Heimat brachte, gehörte die Atemschutzmaske zur Minimalausstattung der Fluggäste. Zahlreiche Fluggäste trugen außerdem Handschuhe, Schutzbrillen – das Coronavirus kann nämlich auch über die Augen in den Körper gelangen – und Plastiksäcke, die sich manche einfach komplett über den Körper werfen. Ein Kind, das versehentlich die Maske verlor, verursachte auf der Rolltreppe zur Passkontrolle eine Panikattacke beim Vater. Alle Flughafenmitarbeiter sehen aus, als würden sie auf einem strahlenden Brüter arbeiten: Schutzbrille, Ganzkörperschutzanzug, Handschuhe.

Die Lage innerhalb der Stadt erinnert am ehesten an die einer mitteleuropäischen Metropole während der Weihnachtsfeiertage, sprich: Die Straßen sind ausgestorben. Fast alle Restaurants und Geschäfte haben geschlossen. Es schlägt die Stunde der Lieferdienste. Die allerdings bringen die Bestellung nicht mehr zur Haustür, sondern geben sie beim "Baoan" ab, einer Art Mischung aus Hausmeister und Wachmann. Der bemerkt drohnengleich umgehend, sollte einer der Bewohner das Haus ohne Atemschutzmaske verlassen.

Noch schwieriger als hinaus- ist es allerdings hineinzukommen: Die Gittertore der Compounds bleiben geschlossen – zumindest für Fremde. Am Tor hängen Zettel, die das Empfangen von Besuchern bis auf weiteres untersagen.

Wer die öffentlichen Verkehrsmittel ohne Atemschutzmaske betritt und sich trotz Aufforderung weigert, eine aufzusetzen, wird hinausgeworfen. Mehrere Provinzen haben es mittlerweile zur Pflicht gemacht, außerhalb der eigenen vier Wände eine Maske zu tragen.

Furcht vor Ausbreitung ließ Chinas Börsen abstürzen

Eine Schutzmaske zu bekommen ist allerdings nicht so einfach. Oft sind diese ausverkauft. Die Lage ist so angespannt, dass Hua Chunying, Sprecherin des chinesischen Außenministeriums, das Ausland um Hilfe bat: "Was China momentan dringend braucht, sind Atemmasken, Schutzanzüge und Schutzbrillen."

Unterdessen breitet sich das Virus weiter aus: Am Montag waren offiziell mehr als 17.000 Menschen infiziert. Chinas Aktienmärkten hat die Frucht vor dem Virus die größten Verluste seit Jahren beschert. Die Shanghaier Börse meldete am Montag einen Kursrutsch um 7,72 Prozent und verlor damit innerhalb eines Handelstages 2,8 Billionen Yuan an Wert, umgerechnet etwa 360 Milliarden Euro. Der zweite Aktienmarkt des Landes im südchinesischen Shenzhen brach um 8,45 Prozent ein. Die Verluste waren so groß wie seit der Börsenkrise 2015 in China nicht mehr.

Die chinesische Zentralbank hat die Geschäftsbanken einstweilen mit einer Finanzspritze über 1,2 Billionen Yuan (rund 156 Milliarden Euro) unterstützt, um deren Liquidität zu erhalten. Es fielen aber nicht nur die Aktienkurse, sondern auch die chinesische Währung: Der Yuan-Kurs sank gegenüber dem Dollar um 1,5 Prozent. Der Coronavirus hat den Börsen weltweit gehörig zugesetzt. (Philipp Mattheis aus Schanghai, red, 3.2.2020)