Es ist mittlerweile fast ein Jahrzehnt her, dass vor der Küste Japans der Meeresboden bebte und ein Tsunami das Nuklearkraftwerk von Fukushima zerstörte. Die Reaktorkatastrophe hatte globale Auswirkungen, viele Staaten fuhren den Anteil von aus Kernkraft gewonnenem Strom zurück oder beschlossen gar den kompletten Ausstieg aus dem Atomstrom. Vor allem auch in Japan selbst stieg seither die Skepsis, und der Anteil von Nuklearstrom am Energiemix fiel von rund einem Drittel auf gerade einmal sechs Prozent.

Japan kompensiert diesen Einbruch kaum mit sauberem Strom aus erneuerbaren Energien – diese machen gerade einmal 16 Prozent des nationalen Strombedarfs aus –, sondern vordergründig mit fossilen Brennstoffen. Und obwohl aktuelle Studien zeigen, dass Erneuerbare aus Wind (ab 2022) oder Solar (ab 2023) schon sehr bald kostengünstiger produziert werden könnten, hält Tokio weiterhin an den Plänen fest.

Sage und schreibe 22 neue Kohlekraftwerke werden in den kommenden fünf Jahren aus dem Boden gestampft. Einmal angeschaltet, werden allein diese Kohlekraftwerke jährlich annähernd so viel Kohlendioxid ausstoßen wie die komplette US-Automobilindustrie. Eigentlich hatte man sich in den Pariser Klimazielen zu einer 26-prozentigen Reduktion des CO2-Ausstoßes bis zum Jahr 2030 verpflichtet – ein Ziel, das durch die neuen Kohlekraftwerke akut bedroht ist. Immerhin will Japan auch ab 2030 noch ein Viertel seines Strombedarfs mit Kohlekraft decken.

22 neue Kohlekraftwerke sollen allein in den nächsten fünf Jahren errichtet werden.
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Untypisches Verhalten

Japans Anteil an Strom aus fossilen Brennstoffen, der ohnehin schon bei rund 80 Prozent liegt, dürfte damit weiter hoch bleiben. Diese Entwicklung ist für Industrieländer untypisch – steigen diese doch immer öfter aus Kohle, Öl und Gas aus, während vor allem in energiehungrigen Staaten wie China und Japan neue Kohlekraftwerke gerade so aus dem Boden sprießen. Global verringert sich der Anteil von Energie aus Kohlekraft dennoch weniger. Seit den negativen Erfahrungen mit den Ölpreisschocks der 1970er beharrt das Land aber auf seiner Kohlestrategie. Zudem ist Japan der zweitgrößte Investor in Kohlekraftwerke im Ausland.

Für besonderen Unmut bei Klimaschützern in Japan sorgt auch, dass sich der Staat während der Olympischen Spielen im Sommer 2020 als einer der grünsten Veranstalter aller Zeiten inszenieren möchte – so soll etwa der gesamte Strom für die Tokioter Spiele aus erneuerbaren Energien kommen. Die Proteste zielen vor allem auf Japans neuen Umweltminister Shinjirō Koizumi ab. Er folgte kürzlich auf Yoshiaki Harada, der sich nur ein Jahr im Amt halten konnte. Harada hatte versprochen, keine großen neuen Kohlekraftwerke mehr zu erlauben.

Viel japanischer als diese Aktivisten bei der UN-Klimakonferenz kann man nicht gegen Kohlekraft demonstrieren.
Foto: AP /Bullit Marquez

In Koizumis Statement ist von einem baldigen Kohleausstieg nichts mehr zu hören, sehr wohl aber wolle er "einen Weg in Richtung erneuerbare Energien einschlagen". Auch aus dem Handelsministerium hieß es kürzlich, man wolle Energiesicherheit garantieren und gleichzeitig den Klimawandel bekämpfen. Dass dies speziell für Japan dringend notwendig ist, zeigt der Temperaturzuwachs der Meere rund um die Inseln. Die Wassertemperatur stieg im vergangenen Jahrzehnt durchschnittlich um ein Grad an, was zahlreiche Fischarten akut bedroht. (faso, 6.2.2020)