Nicht nur Unternehmen, auch Staaten lassen sich Prognosen viel kosten.

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Die Zukunft vorherzusagen ist ein gutes Geschäft. Eine ganze Reihe von Instituten, Forschungseinrichtungen, Thinktanks und Beratungsfirmen ist damit beschäftigt, möglichst genaue Prognosen zu erstellen – für die Wissenschaft, aber auch für exklusive, gut zahlende Kunden. Unternehmen, Regierungen und Medien klammern sich geradezu an Prognosen. Man will möglichst gut informiert sein, Startvorteile durch das Wissen gewinnen, welche Branche ein Umsatzplus erwartet, ob eine Technologie endlich abhebt, ein politischer Konflikt überkocht und welcher Modetrend das nächste große Ding wird. Die Prognosen landen in Studien, Papers und Hochglanzprospekten von Beratungsfirmen, von wo sie den Weg in Power-Point-Präsentationen von Managern oder in die Trend-Ausgaben von Magazinen finden.

Einen Ausblick kann man immer haben – einen Rückblick auf das tatsächliche Eintreffen der Vorhersagen findet man selten. Mit gutem Grund: Oft erwiesen sich diese (freundlich formuliert) als nicht ganz so präzise. Noch fliegen keine Autos über Österreich, fehlen die Wunderakkus, Mondkolonien und papierlosen Büros. Und wann kommt eigentlich das vielfach prognostizierte Jahr des Linux-Desktops?

Wahrscheinlichkeiten sind nicht unser Ding

Ein Grund, warum wir die Zukunft so schlecht vorhersehen können, ist, dass wir meist zu sehr in der Vergangenheit festhängen. "Häufig vermuten wir, dass sich Entwicklungen linear in die Zukunft fortschreiben lassen", sagt Erich Kirchler, Vorstand des Instituts für Angewandte Psychologie an der Universität Wien, zum STANDARD.

Wirtschaft und Politik sind komplexe Systeme, wo kleine Veränderungen große Wirkung haben können.
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Die meisten Prognosen würden sich aber auf komplexe Phänomene in instabilen Umwelten beziehen – etwa Politik oder Wirtschaft. Dort kann eine einzelne, abrupte Veränderung die Lage völlig destabilisieren. "Der Ausbruch einer Epidemie und deren Einfluss auf das wirtschaftliche Verhalten von Menschen und Märkten ist selten vorhersehbar", sagt Kirchler. Es sei schwer, solche extrem unwahrscheinlichen, aber schwerwiegenden
Ereignisse, sogenannte Schwarze Schwäne, entsprechend zu berücksichtigen. Letztlich habe man es mit Wahrscheinlichkeiten und nie mit Sicherheit zu tun. Und mit Wahrscheinlichkeiten tut sich der Mensch, wie auch mit exponentiellem Wachstum, allgemein schwer.

"Wenn Entwicklungen nach logischen Gesetzmäßigkeiten erfolgen, liegen Experten mit ihren Prognosen aber meist richtig", sagt Kirchler. Feuerexperten könnten sehr gut voraussagen, wie sich ein Brand ausbreitet, Ärzte, wie sich eine Krankheit entwickelt. In solchen Fällen ist deren Intuition meist richtig. Zu viel Wissen, also die Berücksichtigung vieler Variablen, könne sogar störend sein.

Eine Armee aus Superprognostikern

Diesen Wissensfluch zu umgehen war die Idee des Politikwissenschafters Philip Tetlock. Im Rahmen seines "Good Judgement Project" ließ er (mit Geld von US-Geheimdiensten) hunderte Laien politische und wirtschaftliche Prognosen erstellen. Wer besonders gut abschnitt, wurde in Kleingruppen weiter gefördert. Die Projektleiter wollten das Geheimnis dieser "Superforecasters" herausfinden – Wissen konnte es jedenfalls nicht sein. Inzwischen ist das Good Judgement Project ein kommerziell ausgerichtetes Unternehmen. Ob sich immer noch genug Freiwillige finden, ist fraglich.

Und wie können wir nun selbst zu besseren Prognosen kommen? Psychologe Kirchler rät, die Ausgangslage sorgfältig zu analysieren und sich nicht auf vorgefasste Urteile zu verlassen, verschiedene Situationen im Kopf durchzuspielen und in Wahrscheinlichkeiten zu denken – aber auch auf die Intuition zu hören. "Die Befunde aus den analytischen Überlegungen sollten sich auch im Bauch gut anfühlen", so Kirchler. (Philip Pramer, 10.2.2020)