"Alle Wege führen in die Konzernzentralen." So oder so ähnlich ging doch ein berühmtes Sprichwort? Es könnte jedenfalls nicht besser auf den Klimawandel zutreffen. Denn was im August 2018 mit einer Schülerin und einem Transparent vor dem schwedischen Reichstag begonnen hat, findet längst Gehör in den Führungsetagen globaler Großkonzerne.

Mitte der Woche haben Aktivisten von Fridays for Future (FFF) die Münchner Olympiahalle belagert, während dort die Siemens-Hauptversammlung stattfand. Es könne nicht sein, dass die Münchner die Zugsignalanlage für eine australische Kohlemine des Adani-Konzerns bereitstellen, heißt es bei der von Greta Thunberg angestoßenen Bewegung.

Aktivisten protestieren vor der Münchner Olympiahalle während der Siemens-Hauptversammlung.
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Anfang des Jahres war die schwedische Aktivistin außerdem wieder am Weltwirtschaftsforum in Davos. Dass die Klimakrise dort unter Konzernchefs und Spitzenpolitikern das alles übertönende Thema war, lässt sich wohl kaum anders als ein Erfolg Thunbergs deuten.

Oder doch? Dass der Mensch massenhaft Treibhausgase emittiert und die Erdatmosphäre dadurch immer wärmer wird, wird kaum noch geleugnet. Aber warum genau wir diesen Erwärmungsprozess schleunigst stoppen sollten, darüber scheiden sich bisweilen die Geister.

Moral versus Geschäft

Ob Generationengerechtigkeit, wie sie FFF fordert, Artensterben oder Klimaflucht: Wie die Menschen zu den Folgen des Klimawandels stehen, ist letztlich auch eine moralische Frage. Für eine Wende im weltweiten Wirtschaften wird ein Moraldiskurs allerdings nicht reichen, glaubt Janani Vivekananda vom Berliner Thinktank Adelphi: "Die Greta-Bewegung ist sehr wirkmächtig, aber am Ende wird ökonomischer Druck die Wende im Kampf gegen den Klimawandel bringen."

Letztlich gehe es dem Privatsektor vor allem ums Geschäft. Klimarisiken würden vor allem dann berücksichtigt, wenn sie quantifizierbar sind. Das sei aber oft nicht der Fall.

In Europa würde etwa oft vor Massenmigration durch Dürren oder steigende Meeresspiegel gewarnt, sagt Vivekananda. Dieses Narrativ diene auch dazu, Parteien rechts der Mitte auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. "Es gibt allerdings keine Belege dafür, dass der Klimawandel zu massenhafter Migration über das Mittelmeer führt", sagt die Forscherin: "Es gibt Klimamigration vom ländlichen in den urbanen Raum, viel weniger aber aus armen Ländern in reiche Länder."

Der deutsche Konzern steht bei den Klimaschützern wegen eines Minenprojekts in Australien in der Kritik.
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Siemens-Chef Joe Kaeser reagierte dementsprechend genervt auf die anhaltende FFF-Kritik an seinem Konzern. Aktivistin Luisa Neubauer sagte am Rande der Proteste in München, dass es nicht um Adani, nicht um eine Kohlemine, sondern um "eine Grundsatzentscheidung" gehe. Dürfe Siemens dann im Zweifelsfall auch keine energiesparende Haustechnik für ein Hauptquartier eines großen Minenkonzerns liefern, wollte Kaeser wissen. Dass Siemens wegen dieses "unseligen Projekts in Australien" zur "Zielscheibe doch zahlreicher Umweltaktivisten" geworden sei, nannte der Siemens-Chef "schon fast grotesk".

Nachhaltiger wirtschaften werden viele Konzerne erst, wenn es sich rentiert – oder nicht zu viel kostet. Allerdings würden sich immer mehr Unternehmen der Risiken durch den Klimawandel bewusst, erzählt Vivekananda. Es gebe gerade aus der Versicherungsbranche immer mehr belastbare Studien, die zeigen, wie kostspielig es sein kann, den Klimawandel zu ignorieren.

Das heißt nicht, dass der zivile Protest im Nichts verhallt. Der Protest in München belegt zu gut, dass von Konzernen mehr denn je auch Verantwortung verlangt wird. Es kann auch kosten, moralische Diskurse zu ignorieren. (Aloysius Widmann, 8.2.2020)