In der Hauptstadt Peking sind die Straßen wegen des Coronavirus fast leer.
DER STANDARD

Wuhan/Genf – Die Zahl jener Menschen, die an den Folgen des neuartigen Coronavirus gestorben sind, hat am Montag die Marke von 1.000 überschritten. Innerhalb der vergangenen 24 Stunden fielen der Lungenkrankheit weitere 108 Menschen zum Opfer, womit bisher insgesamt 1.016 Menschen in China daran gestorben sind. Zugleich zog Chinas Regierung personelle Konsequenzen: Die Führung der Gesundheitskommission in der Region Hubei, wo die Krankheit vermutlich ihren Ausgang nahm, wurde entlassen.

Der Anstieg der Todeszahlen entspricht einem Plus von 11,9 Prozent gegenüber dem Vortag – das liegt etwas unter der Marke vom Wochenende und deutlich unter jenen, die vor rund einer Woche gemeldet worden waren. Allein 103 neue Opfer wurden aus Hubei gemeldet. Während die absolute Zahl der in den letzten 14 Stunden Verstorbenen damit einen neuen Höchstwert erreichte, ging die Zahl neuer Infektionen am Dienstag im Vergleich zum Vortag zurück. Landesweit wurden 2.478 weitere Erkrankungen gemeldet, somit stieg die Gesamtzahl der nachgewiesenen Infektionen auf dem chinesischen Festland auf 42.638.

Das ist, so die Zahlen stimmen, ein Plus von nur rund 6 Prozent gegenüber dem Vortag und eine deutlich geringere Steigerungsrate als zuletzt. Allerdings hatte es am Wochenende schon einmal eine ähnliche Meldung gegeben, die dann nur statistikbedingte Gründe hatte: Zahlen vom Vortag waren damals erst 24 Stunden später bekanntgegeben worden. Allerdings kann der Rückgang auch einen anderen Grund haben: China hat die Zählweise geändert, und registriert nur noch Fälle, die auch Symptome zeigen. Wie viele Infektionen damit gar nicht erst erfasst werden, ist unklar. Generell dürfte die Dunkelziffer nicht registrierter Fälle immens sein. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte in ihren täglichen Pressekonferenzen zum Virus zuletzt betont, dass rund 80 Prozent der Infektionen einen milden Verlauf nähmen.

Xi Jinping ließ sich am Montagabend beim Besuch eines Krankhenhauses ablichten.
Foto: Reuters / Xinhua

Xi warnt vor Wirtschaftsschäden

Staatspräsident Xi Jinping sprach am Montag von einer weiterhin "sehr ernsten" Situation. China werde aber "mit Sicherheit einen vollen Sieg erringen". Staatsmedien zeigten den Präsidenten beim Besuch einer Wohnanlage und eines Krankenhauses in Peking, bei dem er einen weißen Kittel und Mundschutz trug. Laut einem Bericht der Agentur Reuters soll Xi aber auch am 3. Februar vor "zu restriktiven Maßnahmen" gewarnt haben – diese würden das Wirtschaftswachstum behindern. Für die Regierung ist es ein kritischer Zeitpunkt: Viele Chinesinnen und Chinesen waren am Montag erstmals seit den von der Regierung um zehn Tage verlängerten Ferien zum asiatischen Neujahr wieder in die Arbeit gegangen.

Politisch zog Xi erste Konsequenzen aus dem bisher nur wenig eingedämmten Voranschreiten des Virus: Wie das Staatsfernsehen am Dienstag berichtete, sind die Chefs der Gesundheitskommission in der besonders betroffenen Provinz Hubei entlassen worden. Zhang Jin, Parteisekretär der Gesundheitskommission von Hubei, und Liu Yingzi, der Direktor der Behörden, wurden demnach von Wang Hesheng, dem stellvertretenden Leiter der Nationalen Gesundheitskommission, abgelöst. Zuletzt war in China immer mehr Kritik an der Untätigkeit oder langsamen Reaktion der Behörden auf den Ausbruch laut geworden.

Blogger festgenommen – "in Quarantäne"

Für landesweite Bestürzung und Anteilnahme sorgte vergangene Woche der Tod des Arztes Li Wenliang, der frühzeitig vor dem Ausbruch des Coronavirus gewarnt hatte, aber laut Berichten gezwungen wurde, diese "Gerüchte" nicht weiter zu verbreiten. Der 34-Jährige starb, weil er sich mit dem Virus angesteckt hatte – wobei die staatlichen Medien in China mit ihrer Informationspolitik für zusätzliche Irritationen sorgten: Sie bestätigten zuerst den Tod, nahmen die Meldungen nach offenbarer Intervention der Regierung aber wieder zurück. Erst Stunden später bestätigten sie Lis Ableben dann doch, allerdings mit einem neuen Todeszeitpunkt.

Zugleich gibt es neue Meldungen über Einschränkungen bei der Berichterstattung: Zwei chinesische "Bürgerjournalisten", die online über den Ausbruch des Coronavirus und die überfüllten Krankenhäuser in Wuhan berichtet hatten, sind festgesetzt worden. Laut der NGO Human Rights Watch haben Polizisten den Anwalt Chen Qiushi und den Blogger Fang Bin "unter dem Vorwand der Quarantäne abgeholt". Seither seien beide nicht mehr über ihr Handy erreichbar, was in Isolation normalerweise möglich sein müsste. Die Videos von Fang Bin, der auch Leichensäcke gefilmt und auf Youtube hochgeladen hatte, waren um die Welt gegangen.

"Nur die Spitze des Eisbergs"

Die WHO richtet am Dienstag und Mittwoch einen Expertengipfel zum Coronavirus aus. Die WHO erhofft sich so einen schnellen und fundierten Austausch der bisherigen Erkenntnisse zu der mysteriösen Lungenkrankheit. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus erklärte, dass bei der Konferenz die Wissenschaft im Fokus stehen soll.

Die WHO betonte in ihren täglichen Pressekonferenzen zum Virus zuletzt, dass rund 80 Prozent der Fälle einen milden Verlauf nähmen. Dennoch sei es gerade jetzt wichtig, das Virus energisch zu bekämpfen. "Wir sollten als Menschheit hart daran arbeiten, diesen Brand zu bekämpfen, bevor es außer Kontrolle gerät", sagte Tedros. Weil die Fälle mit mildem Verlauf oft schwer zu entdecken sind, befürchtet Tedros allerdings, dass bisher außerhalb Chinas bekannten Fälle nur "die Spitze des Eisbergs" sind. Tatsächlich könnten sie auf eine weitaus größere Ausbreitung des Erregers hindeuten.

Keine positiven Tests in Österreich

Außerhalb Chinas sind bisher 464 Infektionen nachgewiesen worden, die meisten davon in Singapur (45), Hongkong (42) und Thailand (32). Mehrere Regierungen in Asien warnten ihre Bürgerinnen und Bürger daher vor Reisen: Taiwan (18) warnt vor Besuchen Hongkongs und Macaus (10); Südkorea (28) tut dies ebenso, warnt aber zudem auch vor Trips nach Thailand, Singapur, Japan (26), Taiwan, Malaysia (18) und Vietnam (15).

Todesfälle gibt es außerhalb Chinas weiter nur zwei, je einen in Hongkong und auf den Philippinen. In Großbritannien und Frankreich gibt es aber neue Sorge wegen möglicher Verbreitung. Ein Mann, der zuvor eine Konferenz in Singapur besucht hatte, soll danach auf Urlaub mehrere Menschen in einem französischen Skiort nahe Chamonix angesteckt haben, und anschließend in einem vollen Flugzeug nach London weitergereist sein. Erst später wurde seine Krankheit entdeckt. Die britischen Behörden teilten am Montagabend mit, man arbeite noch an der Identifizierung aller, die möglicherweise mit dem Mann in Kontakt gestanden sind, sei aber zuversichtlich, dass man ihre Isolierung bald bewerkstelligen könne. In Brighton sperrten die Behörden die Praxis eines Allgemeinmediziners, nachdem bei dem Mann ebenfalls das Coronavirus nachgewiesen worden war.

In Österreich waren mit Stand Montagnachmittag alle bisherigen 96 Tests negativ. Das Gesundheitsministerium teilte mit, man werde künftig nicht mehr über jeden Verdachtsfall einzeln informieren. Immerhin sei mittlerweile ein Test binnen weniger Stunden machbar. (red, APA, Reuters, 11.2.2020)