Geschätzte 4.000 Eisbären leben rund um die Barentsee. Für genauere Zahlen lässt Russland erstmals die gesamte Population zählen.

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Die Sea Spirit ist eines der wenigen Schiffe, die in der Arktis unterwegs sein dürfen.

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Mit Zodiacs werden die Reisenden an den unwirtlichen Ort gebracht.

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Platsch. Ein feuchter weißer Fleck landet auf der Kapuze und rinnt gemächlich Richtung Nase. "Schließt besser den Mund, wenn ihr nach oben schaut", sagt ein Passagier zu den acht anderen, die dicht gedrängt im Zodiac hocken. Ein guter Rat.

Denn hoch in der Luft schwirren Hunderte von Vögeln: elegante Elfenbeinmöwen, flinke Krabbentaucher und wendige Dickschnabellummen. Sie zischen aus allen Himmelsrichtungen heran und landen dann mit Schwung auf dem Felsvorsprung, auf dem sie ihr Nest platziert haben.

Langsam nähert sich das Zodiac dem hochaufragenden Felsen namens Rubini Rock. Er leuchtet fast tropisch grün, hier in der russischen Arktis in der Buchta Tichaja, der Stillen Bucht, von Franz-Josef-Land.

Die Hinterlassenschaften der Vögel düngen den Brocken so kräftig, dass sich Moose und zarte arktische Blümchen angesiedelt haben. Die See ist ruhig, und nur die Eisbrocken, die in den Wellen dümpeln, erinnern daran, dass dieser Ort in unwirtlichen arktischen Gewässern liegt.

Knapp 100 Gäste sind an Bord der Sea Spirit gegangen, um die menschenleere russische Inselgruppe Franz-Josef-Land am 80. Breitengrad zu besuchen. Warum fährt man an solch einen unwirtlichen Ort?

Vielleicht wegen der ewigen Stille und der bleichen Mitternachtssonne im Sommer. Womöglich auch wegen der Eisbären mit ihren schwarzen Zungen – oder weil man schon einiges gelesen hat über die entbehrungsreichen historischen Reisen ins Eis.

Hoffen auf freie Fahrt

Auf Landkarten des 19. Jahrhunderts war dort, wo die Sea Spirit heute unterwegs ist, nur das weite Meer verzeichnet. Carl Weyprecht, Julius Payer und ihre Männer haben Franz-Josef-Land – per Zufall – entdeckt. Sie brachen im Juli 1872 zur Österreichisch-Ungarischen Nordpolexpedition auf, die abrupt nach nur zwei Wochen Fahrt endete.

Das Eis schloss ihr Schiff, die Admiral Tegetthoff, ein und sollte es nie wieder freigeben. Sie überwinterten auf dem Geisterschiff und hofften auf freie Fahrt im nächsten Frühjahr. Doch das Eis hielt sie gefangen, und so drifteten sie mit den Schollen herum. Einer Laune der Natur verdankten sie schließlich die Entdeckung.

Am 30. August 1873 starrte ein Matrose in den Nebel und sah zwei Basaltfelsen, die sich schemenhaft abhoben: Land! Sie benannten es nach dem Kaiser der Donaumonarchie. Einen Fuß konnten sie so bald nicht auf Franz-Josef-Land setzen, denn ihre Scholle driftete weiter.

Sie verbrachten einen zweiten dunklen Winter im Eis, bevor sie den beschwerlichen Landweg antreten konnten und schließlich von russischen Fischern gerettet wurden.

Die Gäste der Sea Spirit beschleicht nur eine Ahnung von den Entbehrungen der damaligen Abenteurer. An die Expedition von Weybrecht und Payer erinnern der Film Arktis Nordost ebenso wie schriftliche Aufzeichnungen. Auch Christoph Ransmayr schrieb über die Österreichisch-Ungarische Nordpolexpedition – den Roman Die Schrecken des Eises und der Finsternis.

Unter Eisbären und Robben

Eine historische norwegische Heldentat lässt sich auch vor Ort nachvollziehen. Die Sea Spirit landet am Kap Norvegia, einem kleinen Küstenhalbrund, auf dem die Polarforscher Fridtjof Nansen und Hjalmar Johansen den Winter verbrachten.

Sie hockten in einer Erdgrube mit einem Dach aus Eisbären- und Robbenfellen. Das Fleisch ging ihnen nie aus, denn immer wieder schauten neugierige Eisbären vorbei, die keine Angst vor Gewehren hatten und daher schnell ihr Leben ließen. Eisbär-Braten stand regelmäßig auf dem Speiseplan.

Heute sind die weißen Riesen rar geworden. Rund 4000 Exemplare, schätzt man, umfasst die gesamte Population rund um die Barentssee. Doch genau weiß das niemand. Deshalb lässt Russland erstmals alle Eisbären auf seinem Staatsgebiet zählen.

Das Ziel lautet, sich bis 2023 einen Überblick über die Lage der bedrohten Raubtiere zu verschaffen. Klima- und Tierschützer warnen immer wieder davor, dass sich ihr Lebensraum durch die Eisschmelze in der Arktis verkleinert. Vom Zodiac aus versuchen auch die Passagiere der Sea Spirit die Eisbären zu zählen – zunächst ohne Glück. Dafür sind Walrosse in Sicht.

Langsam steuern die robusten Gummiboote auf eine Eisplatte zu. Schon bald ist ein Grunzen und Schnaufen zu hören. Die tonnenschweren Tiere mit den mächtigen Eckzähnen kuscheln sich in Grüppchen aneinander, als die seltsamen Gestalten in roten Parkas näherkommen. Doch sonderlich beeindruckt wirken sie nicht.

Ein Walrossmännchen kann bis zu 1,5 Tonnen wiegen – mit solch einem Gewicht hat man keine Feinde. Selbst ein Eisbär mit maximal 800 Kilogramm wagt sich selten an die mächtigen Kerle heran. Der dickste Koloss auf der Scholle reckt schließlich selbstbewusst seinen massigen Hals und hackt mit den Zähnen kräftig ins Eis. Zeit für die Zodiacs abzudrehen.

Safari unter der Mitternachtssonne

Gut getimt nach dem Abendessen gibt es schließlich doch noch Eisbärenalarm. Expeditionsleiter Ryan Hope-Inglis hat eine permanente Wache an Deck postiert, die nach den Sympathieträgern Ausschau hält. Nun lässt er die Zodiacs zu Wasser – dank der Mitternachtssonne spielt die Tageszeit keine Rolle.

Die Gummiboote tuckern in Richtung Land, die Umrisse des pelzigen Riesen werden deutlicher. Er liegt zunächst wie ein Steiff-Tier zwischen den Felsbrocken, dann erhebt er sich und wälzt sich im Schnee. Ryan ist erleichtert. Eine Tour durch die Arktis ganz ohne Eisbären geht halt doch nicht.

Als die Passagiere zurück an Bord gehen, schlägt das Wetter um. Von Norden zieht ein Eissturm auf, der in die Fjorde von Franz-Josef-Land drängt. Auf See erreicht der Wind bereits Spitzen in Hurrikanstärke.

Kapitän Oleg Tikhvinsky ist besorgt und muss eine Entscheidung fällen: Die Sea Spirit wird nach Spitzbergen zurückkehren. Während der Sturm über die Decks fegt, hocken die Gäste im Warmen und checken ihre Eisbärenfotos. Franz-Josef-Land hat sich ihnen von der Butterseite gezeigt. Doch zum Abschied macht das abgelegene Archipel klar: Es ist eine raue Welt, in der Menschen höchstens geduldet sind. (Jutta Lemcke, 16.2.2020)