Saint Peter Port, die Hauptstadt der Kanalinsel Guernsey, liegt auch architektonisch zwischen Großbritannien und Frankreich: Die Festung und der Wehrturm muten britisch an, die heimeligen Wohnhäuser eher französisch.

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Das Hauteville House in Saint Peter Port, wo der französischen Schriftsteller Victor Hugo fünfzehn Jahre im Exil lebte.

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Die Kleine Scherbenkirche in Les Vauxbelets, eine der kleinsten Kirchen der Welt.

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Die Kirche ist der Grotte von Lourdes nachempfunden.

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Ein Blick auf das Dorf Perelle an der Nordküste der Insel.

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Die Insel ist voll der Blumenpracht.

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Wach- und Wehrtürme säumen die Küsten der Kanalinsel.

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Der Schlüssel ist doppelt so lang wie ein Zeigefinger. Er scheint viel zu schmal für das Schloss. Und doch – er passt: Die uralte Holztür geht knarrend auf. Drinnen riecht es muffig nach 19. Jahrhundert. Doch das Gefühl, Turmbesitzer auf Zeit zu sein, ist großartig. Man hat uns den Schlüssel großzügig überlassen, auch wenn nur eine halbe Stunde für die Besichtigung vorgesehen ist. Die Zeit reicht, um die 98 Stufen der Wendeltreppe hinaufzusteigen, dabei das alte Wandgestein zu befühlen und sich vorzustellen, wie es Königin Victoria in Reifrock und Pumps hier raufgeschafft hat. 1848 wurde Victoria Tower in St. Peter Port auf der Kanalinsel Guernsey zur Erinnerung an ihren Besuch gebaut.

Hässliche Fratzen

Oben kämmt ein frischer Wind die Haare aus dem Gesicht, auf dem Meer wippen Segelboote in den Wellen. Neben dem Hafen liegt die Festung Castle Cornet wie ein Haufen unaufgeräumter Bauklötze. In der Ferne sind die Schwesterinseln Herm, Sark und Jersey zu erkennen. Reckt man den Kopf in den Himmel, sieht man am Turm die Gargoyles – steinerne Wasserspeier mit hässlichen Fratzen. Schon im Mittelalter hat man sie als architektonisches Stilmittel verwendet, um bösen Geistern den Spiegel vorzuhalten und sie dadurch zu vertreiben.

Guernsey wurde vor rund 6.000 Jahren vom französischen Festland getrennt. Durch die Nähe zum Meer und das Erleben seiner Naturgewalt hat sich der Glaube an Übersinnliches und Hexerei auf der Insel lange gehalten. Dem Mystischen widmet das Guernsey-Museum im nahegelegenen Candy Park eine ganze Abteilung. Dort gibt man auch den Turmschlüssel wieder ab.

Eiland mit Eigenheiten

Die familiäre Handhabung der Schlüsselübergabe ist nicht die einzige Eigenheit der 78 Quadratkilometer großen Insel im Ärmelkanal. Hier druckt man eigenes Geld, spricht als zweite Amtssprache Französisch, hat eigene Briefmarken, zum Teil eine eigene Gesetzgebung und sehr vorteilhafte Steuersätze. Seit 2016 wird Guernsey von der EU auf der schwarzen Liste der Steueroasen geführt, am Status quo hat sich dadurch wenig geändert. Die Insel befindet sich in britischem Kronbesitz. Sie gehört aber weder zum Vereinigten Königreich noch gehörte sie je zur EU. Ein Vogt verwaltet sie, und ein Gouverneur vertritt die Königin repräsentativ. Es gibt kein Fastfood, kein Graffiti, keine Kriminalität. Ja, doch: Einmal hat jemand einen Wolfsbarsch aus dem örtlichen Aquarium gestohlen, um damit beim Fischfangwettbewerb anzugeben.

Obwohl Guernsey nie EU-Mitglied war, sind die Auswirkungen des Brexits dort bereits zu spüren gewesen: Französischen Fischern war es kurzfristig verboten, in den Hoheitsgewässern der Insel auf Fang zu gehen. Schnell und unbürokratisch hat man sich daraufhin mit den Franzosen geeinigt: Vorerst dürfen sie wieder kommen und ihre Netze auswerfen. Die Insel ist zu sehr zwischen Großbritannien und Frankreich "gefangen", als dass man dort einen Streit vom Zaun brechen will.

Gänseblümchen im Golfstrom

So manches auf Guernsey wirkt streng britisch, anderes läuft auf die leichtere französische Art. Die Insel war früher im Besitz des Herzogtums der Bretagne. Noch immer erzählen Türme, Festungen und Mauern von jenen Zeiten, als sich die Insel gegen Eindringlinge wehren musste. Wie als Zeichen des Friedens wachsen heute Blümchen aus den Mauern, darunter das weiß-rosa blühende St.-Peter-Port-Gänseblümchen, das nur hier vorkommt. Das milde Golfstromklima lässt Blumen und Gemüse prächtig gedeihen. In der Hafenstadt tummeln sich Blüten in mehr als 1.000 Blumenkästen, die durch eine zehn Kilometer lange Leitung bewässert werden. In den Wäldern wachsen Teppiche aus Glockenblumen, und an der Küste rangeln Ginster und wilder Knoblauch um die Vorherrschaft.

Schmale Klippenpfade führen um die gesamte Insel und immer wieder zu herrlich feinsandigen Stränden. Oft brüllt entlang der 60 Kilometer langen Strecke aber auch die Gischt an die Steilküste und die Möwen zetern dazu. Permanenter Wind föhnt dem Wanderer eine neue Frisur. Wer den Windchill beim Weggehen unterschätzt hat, kann an der Rocquaine Bay bei Le Tricoteur einen Pulli kaufen – nicht irgendeinen, sondern den "Guernsey". Es ist das wind- und wasserabweisende Original, das früher die Fischer trugen. Am Ärmel wurde das spezifische Muster der Familien eingestrickt. Wenn das Meer einen Pullover anschwemmte, konnte man so erkennen, zu welcher Familie der verunglückte Fischer gehörte. Auch Admiral Nelson stattete seine Soldaten mit dem Pullover aus, der Bestandteil der Winteruniform war.

Kleine, reiche Insel

"Waschen muss man ihn kaum, er ist aus Schurwolle und reinigt sich selbst", sagt John, der die warmen Pullis seit 39 Jahren an der Strickmaschine herstellt. Anschließend werden sie an zwei Dutzend einheimische Frauen geschickt. Per Hand ergänzen sie den Halsausschnitt und ein Unter-Arm-Stück, das für viel Bewegungsfreiheit sorgt. Jeder Insulaner hat mindestens einen Guernsey im Schrank, und die Aufträge kommen aus der ganzen Welt. Auch aus dem Königshaus und in letzter Zeit verstärkt aus Japan.

Unweit der Manufaktur liegt ein weiteres Schmuckstück der Insel: die Kleine Scherbenkirche in Les Vauxbelets. Sie ist eine der kleinsten Kirchen der Welt, außen und innen komplett mit Porzellanscherben und Muscheln dekoriert. Französische Ordensbrüder im Exil haben sie ab 1914 errichtet, in Erinnerung an die Grotte von Lourdes. Vor einiger Zeit drohte das Fundament des Bauwerks allerdings abzusacken. Daraufhin spendeten die Einheimischen innerhalb kürzester Zeit ein halbe Million Euro für die Renovierung. Welch kleine, reiche Insel Guernsey doch ist. Bisher haben jedenfalls weder der Brexit noch das Fortbestehen der Insel als Steueroase einen Scherbenhaufen hinterlassen. (Monika Hippe, 16.2.2020)

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