Schämen wir uns also zu Recht für unsere Internetnutzung? Schaut man sich die "schuldigen" Dienste genau an, muss man die Frage fast mit Ja beantworten.

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Wir streamen stundenlang auf Plattformen wie Netflix und Youtube, scrollen durch Instagram-Feeds. Wir bestellen hemmungslos beim Versandriesen Amazon und lassen uns das neueste und kurzlebige Gadget in Plastik eingewickelt innerhalb von Stunden liefern. Wir klicken uns durch das endlose Internet, befragen Google, spielen Online-Spiele und tauschen in Sekundenschnelle Nachrichten aus. Die Digitalisierung und das Internet sind energiefressende Klimazerstörer. Die süßen Annehmlichkeiten des Alltags werden uns früher oder später in den Ruin treiben.

Digitalscham

Das, was einige von Ihnen nach dem Lesen des ersten Absatzes empfinden, hat etwas mit Digitalscham zu tun. Neben der bereits altbekannten Flugscham ist es ein weiterer Begriff, den uns die aufgeheizte und emotionalisierte Debatte rund um den menschengemachten Klimawandel bringt. Digitalscham meint nicht etwa die Zurückhaltung beim Posten allzu freizügiger Inhalte in sozialen Medien, sondern die Kritik an unserem hohen Ressourcenverbrauch, der mit der Digitalisierung einhergeht.

Streaming ist bequem, verbraucht aber sehr viel Energie und schadet dem Klima. Die Digitalscham macht sich breit.
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Tatsächlich sind der durch unseren Datenverkehr verursachte Energieverbrauch und ökologische Fußabdruck besorgniser regend. Der Stromverbrauch von Rechenzentren ist jetzt schon enorm und droht innerhalb des nächsten Jahrzehnts die Zehn-Prozent-Marke des weltweiten Stromverbrauchs zu überschreiten, sagen die Pessimisten unter den Analysten. Das wäre dann etwa das Fünffache der CO2-Emissionen, die derzeit weltweit alle Flugreisen produzieren.

Je mehr Strom zur Kühlung dieser Rechenzentren benötigt wird, desto wärmer wird unser Planet werden. Dazu kommt auch noch die Hardware, die immer billiger und besser verfügbar wird und deren Herstellung Grundwasser und andere natürliche Ressourcen auslaugt und vergiftet.

Schämen wir uns also zu Recht für unsere Internetnutzung? Schaut man sich die "schuldigen" Dienste genau an, muss man die Frage fast mit Ja beantworten: Keine andere Online -Aktivität erfordert so viel Energie wie das Streaming – ein vergleichsweise luxuriöses Vergnügen.

Ganz gleich ob es darum geht, online fernzusehen, Musik oder Videos auf Youtube oder Spotify zu genießen oder Urlaubsclips in sozialen Medien zu teilen: "Zehn Stunden HD-Video umfassen mehr Datenvolumen als alle Artikel in englischer Sprache auf Wikipedia im Textformat", heißt es im Bericht des französischen Thinktanks The Shift Project.

Innerhalb den nächsten Jahrzehnts könnten zehn Prozent des weltweit produzierten Stroms für Rechenzentren draufgehen.
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Keine Schuldzuweisungen

Laut The Shift Project wurden allein im Jahr 2018 durch das Streaming ein Prozent aller weltweiten Treibhausgasemissionen verursacht, und ein gutes Drittel davon ist allein auf Video-on -Demand-Dienste wie Netflix und Amazon Prime zurückzuführen.

Sollten wir deswegen sofort auf die Lieblingsserie verzichten und lieber nicht mehr täglich Spotify auf dem Arbeitsweg nutzen? "Wir müssen aufpassen, dass wir Menschen nicht moralisch disqualifizieren", sagt Medienethikerin Petra Grimm von der Hochschule der Medien in Stuttgart. Verortet man das Problem des hohen Ressourcenverbrauchs nur auf der individuellen Ebene, wird man "der Problematik nicht gerecht werden".

Generell werden "Schuldzuweisung und Ausgrenzung den gesellschaftlichen Zusammenhang nicht gerade befördern", so die Medienwissenschafterin. Und diesen Zusammenhang brauchen wir, um das Problem nachhaltig zu lösen.

Folgen unseres Handelns

"Der Einzelne kann das System nicht verändern. Die Wirtschaft und Politik sollten mehr Verantwortung übernehmen und eine nachhaltige Digitalisierung umsetzen. Auch Start-ups, die nachhaltige Produkte entwickeln, sollten mehr gefördert werden", so Grimm. Die Medienethikerin fordert, ähnlich wie andere Experten, "ethics by design". Das bedeuten, dass man schon bei der Entwicklung eines Produktes die Nachhaltigkeit berücksichtigen sollte.

Außerdem sei es dringend notwendig, dass Usern und Konsumenten die Folgen ihres Verhaltens "mehr ins Bewusstsein gebracht werden". Zum Unterschied zum Flugverkehr, Autofahren oder der Verwendung von Plastikverpackungen ist das Nutzen des Internets nicht offensichtlich klimaschädigend. Mussten wir uns früher vielleicht ins Auto setzen, um ins Megaplex-Kino oder ins Shoppingcenter zu fahren, ist heutzutage alles mit paar wenigen Klicks verfügbar.

Wir müssen uns ändern

Ein großes Thema im Bereich der Digitalisierung ist die mangelnde Transparenz, sagt Ralph Hintemann vom Berliner Borderstep-Institut für Innovation und Nachhaltigkeit. "Ich kriege vielleicht mit, wenn mein Strombedarf zu Hause steigt, weil mein Kind den ganzen Tag Videospiele spielt, aber was im Hintergrund passiert, bekomme ich nicht mit", sagt Hintemann. Das Internet hat einen merklichen Anteil am weltweiten Energieverbrauch, so der Experte, aber eine genaue Berechnung sei sehr schwierig.

"Eine typische E-Mail verursacht im Schnitt ein Gramm CO2. Wenn Sie im Schnitt 30 E-Mails am Tag verschickten, dann können Sie mit der verbrauchten Energie eine Vier-Watt-LED für 15 Stunden zum Leuchten bringen", so der Experte. Doch auch das Löschen der Mails verbraucht Energie. Von Verboten oder Aufrufen zur Einschränkung hält auch Hintemann nicht viel. Er plädiert eher für ein Umdenken und für mehr Innovation: "Mit der Digitalisierung kann man in allen Bereichen Dinge intelligenter und smarter machen und damit auch Ressourcen sparen, doch bisher passiert das leider nicht in ausreichendem Maße", so Hintemann.

Digitalscham und das schlechte Gewissen des einzelnen Users bringen also wenig. In Zukunft brauchen wir intelligentes Design und Ideen, die digitale Innovationen und Nachhaltigkeit gleichermaßen berücksichtigen. (Olivera Stajić, 17.2.2020)