Dienstbesuch auf einer ruppigen Kanareninsel: Polizist Cristi (Vlad Ivanov) im voltenreichen Neo-Noir "La Gomera".

Foto: Thimfilm

Wie überwindet man sprachlich die Entfernung von einer Schlucht zur nächsten? Auf der kanarischen Insel La Gomera bewies man kommunikationstechnisch Erfindungsgeist. Die Ein heimischen riefen El Silbo ins Leben, eine Sprache, die nur aus Pfiffen besteht. Wer dabei an Bauarbeiter denkt, die einer attraktiven Frau ansichtig werden, liegt falsch: Das Spektrum an Ausdrücken ist vielfältig. Und wer die Sprache erlernen will, muss sich, wie man im Film La Gomera sehen kann, ganz schön hineinknien und beispielsweise das Brustvolumen trainieren.

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Der Filmemacher Corneliu Porumboiu erfuhr erstmals durch eine Dokumentation von dieser kulturellen Kuriosität und machte sie zu einem der wesentlichen Faktoren seines neuen Films. Allerdings anders, als man erwarten würde: "Ich habe mir das Pfeifen wie eine Ursprache vorgestellt, mit der man ganz normal kommunizieren kann – auch wenn sie natürlich auch etwas Komisches an sich hat", erzählt der Rumäne im Interview bei einem Besuch in Berlin. "Ich wollte mit dieser Idee des Primitiven spielen. Wie man in einer technologisch hochgerüsteten Welt auf geradezu archaische Weise kommuniziert."

La Gomera ist wohlgemerkt eine Art moderner Film noir, in dem Porumboiu die Beschäftigung mit der Korruption seines Landes, aber auch mit der allzu menschlichen Suche nach einem kleinen Vorteil mit der Raffinesse eines formverspielten Meisters weiterführt. Zu Beginn landet Cristi (Vlad Ivanov), ein Polizist aus Bukarest, motivisch begleitet von Iggy Pops Klassiker The Passenger, mit der Fähre auf der Insel: Sprachferien, um von ein paar Ganoven El Silbo zu lernen – zum Zweck eines riskanten Befreiungsmanövers in Bukarest. Es handelt sich um das erste narrative Stück eines Puzzles, in dem bald jede Figur die andere hintergeht und verbürgte Fronten zwischen Kriminellen und ihren Verfolgern kaum mehr existieren.

Corneliu Porumboiu mit seiner Darstellerin Catrinel Marlon.
Foto: Reuters

Corneliu Porumboiu war 24 Jahre alt, als das kommunistische Regime von Nicolae Ceaușescu fiel. In seinen Filmen, die vielfach international ausgezeichnet wurden, kommt er indirekt immer wieder auf diese Zäsur zurück, wenn er seine Figuren mit der Unübersichtlichkeit einer über sie her einbrechenden kapitalistischen Gegenwart konfrontiert. "Alle meine Charaktere haben etwas von mir selbst", sagt er, "sie sind überernst, sie vertrödeln die Zeit mit kleinen, unbedeutenden Dingen. Sie glauben, dass sie ihr Schicksal kontrollieren können, und wenn sie sich damit lächerlich machen, dann macht sie das zugleich auch menschlich. Diese Verschiebungen produzieren in meinen Filmen diese spezielle Komik. Niemand sieht das Gesamtbild."

Tatsächlich ist es die ironisch einge färbte Ungerührtheit, mit der er seit seinem Debüt 12:08 East of Bucharest (2006) auf seine Figuren blickt, die Porumboius Filme von denen anderer Vertreter der rumänischen Neuen Welle unterscheidet. Der in die eigene Tasche arbeitende Polizist Cristi aus La Gomera ist bereits aus einem seiner wichtigsten Filme, Police, Adjective (2009), als damals noch hartnäckig bürokratischer Vorgesetzter bekannt. Die Figur habe ihn nicht losgelassen, so Porumboiu: "Mich hat seine Ideologie interessiert und die Frage, wie es diesem Menschen zehn Jahre später in einer komplett anderen Welt ergeht. Er wird von seiner Vergangenheit verfolgt, zugleich glaubt er an nichts mehr."

Ironische Wendung nicht ausgeschlossen

Die wie in Pulp Fiction achronologisch ineinander verschobenen Teile des Films laufen in La Gomera so auch auf kein gängiges Suspense-Drama hinaus. Vielmehr gleicht der Film einem Ballett gieriger Individuen, die alle demselben Vermögen hinterherjagen. Moral spielt keine Rolle mehr. Cristi, der für die attraktive Gangsterfrau Gilda (Catrinel Marlon) – benannt wie Rita Hayworths berühmte Femme fatale – schwärmt, arbeitet wie andere, sich selbstständig wähnende Erfindungsgeister seiner Filme für sich selbst, mithin gegen alle Fronten. Die Chance auf eine romantische Wendung jedoch bleibt: "Ich wollte zeigen, wie man etwas aus einem ganz niederen Grund beginnt. Und dass ironischerweise diese Sache für den Helden zu etwas Essenziellem wird."

Porumboius Filme sind zu einem gewissen Grad immer Planspiele, die auf das Filmemachen selbst zurückverweisen. Auch in La Gomera, wo es nicht nur versteckte Verweise auf die Filmgeschichte und opernhafte Einsprengsel gibt, sondern auch die Allgegenwärtigkeit von Kameras, vor denen geblufft wird. Porumboiu sagt, er wollte einen Film über Menschen machen, die mit Kameras zu leben gelernt haben. "Im Zeitalter der sozialen Medien geht ja ein jeder mit dem ,anderen‘ Auge reflektierter um. Wir versuchen, unser eigenes Bild zu erschaffen, jeder trägt in seinem Smartphone ständig seine eigene Welt mit sich herum." Dass in einer solchen Gegenwart gerade ein Pfiff ins Herz treffen kann, ist nur einer der feinsinnigen Widersprüche dieses Films. (Dominik Kamalzadeh, 15.2.20202)