Der russische Aktivist Pjotr Pawlenski behauptet, Sexfotos des Pariser Bürgermeisterkandidaten Griveaux verbreitet zu haben.

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Diesmal reagierte die Polizei prompt. Am Samstag nahm sie vor einem Pariser Hotel ein Paar fest, das den Sturz des zentralen Macron-Kandidaten für die französischen Gemeindewahlen von März verursacht haben soll. Es handelt sich um den russischen Extremkünstler Pjotr Pawlenski und eine 29-jährige Französin. Sie sollen den Kandidaten der Macron-Partei La République en Marche für den Posten des Pariser Bürgermeisters, Benjamin Griveaux, in eine Internetfalle gelockt haben. Am Freitag trat der enge Macron-Vertraute zurück.

Als Regierungssprecher in Frankreich ein ziemlich bekanntes Gesicht, hatte Griveaux der Frau offenbar im Jahr 2018 eindeutige SMS-Texte und Sexfotos geschickt. Am Wochenende erklärte Pawlenski gegenüber Pariser Medien, er habe die kompromittierenden Inhalte publik gemacht, um Griveauxs "Heuchelei" bloßzulegen; denn dieser spiele nur zum Schein den perfekten Familienvater.

Für die Franzosen ist das noch lange kein Grund zur Offenlegung. Viele befürchten, dass die sozialen Medien zu einer "Amerikanisierung der Sitten" führen und die in Frankreich sakrosankte Privatsphäre unterhöhlen. "Ohne sie ist Freiheit ein leeres Wort", erklärte der frühere Charlie Hebdo-Chefredakteur Philippe Val am Sonntag. Nicht nur die Veröffentlichung, sondern auch das Weiterverbreiten pornografischer Attacken gegen Privatpersonen wird in Frankreich mit einer Buße von bis zu 60.000 Euro geahndet.

Politisches Asyl

Entsprechend heftig wird Pawlenski angegriffen. Der Macron-Abgeordnete Bruno Questel verlangte schlicht: "Werft diesen Kerl raus!" Der 35-jährige Russe hatte in Frankreich politisches Asyl erhalten, nachdem er in Moskau mit Hardcore-Aktionen Aufsehen erregt und dafür mehrere Monate in Haft verbracht hatte. In Paris wurde Pawlenski wegen Brandstiftung an der Banque de France zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt.

Am 31. Dezember verletzte er bei einer Neujahrsparty zwei Personen leicht mit einem Messer. Die Polizei erließ am 2. Jänner einen Haftbefehl, vollzog ihn aber nicht. Erst jetzt wurde er festgenommen – wegen der Messerattacke, nicht wegen der Griveaux-Affäre. Seine Internetseite "Pornopolitic" wurde am Wochenende geschlossen, wobei vorerst nicht klar war, durch wen.

Schlechter Zeitpunkt

Pariser Medien spekulieren, ob nicht auch der linksextreme Pawlenski-Anwalt Juan Branco zur Verbreitung der Griveaux-SMS beitragen habe. Die Operation war zweifellos wohlüberlegt, bringt doch allein schon der Zeitpunkt den Staatschef in die Bredouille. Paris ist der mit Abstand wichtigste Urnengang der Lokalwahlen, und die Macronisten mussten am Sonntag in in aller Hast eine Ersatzlösung in der Person von Gesundheitsministerin Agnès Buzyn bestimmen. Gerade jetzt, da der Präsident wegen seiner umstrittenen Pensionsreform unter Druck steht, wäre ein Wahldebakel für Macron ein böses Omen.

Viele Pariser Stimmen fragen sich mehr oder weniger offen, warum Griveaux überhaupt zurückgetreten sei. "Er hätte mit dem guten Beispiel vorangehen und sich vor die Opfer des 'revenge porn' (Rache durch die Publikation intimer Inhalte) stellen sollen", meinte etwa die Feministin Eloïse Becht, genannt Ovidie.

Amazon-Gründer Jeff Bezos hatte vor einem Jahr Informationen über die Existenz von Sexbildern, mit denen er offenbar von Kreisen um den US-Präsidenten und aus Saudi-Arabien politisch erpresst werden sollte, selbst veröffentlicht und sie damit umgehend entschärft. Die Griveaux-Affäre scheint politisch weniger vertrackt zu sein. Macron beklagte sich im Präsidentschaftswahlkampf 2017 wohl über russische Hackerangriffe. Sie gingen allerdings eher aufs Konto Kreml-naher Stellen, mit denen Pawlenski nichts gemein haben dürfte. Abgesehen von der Hinterhältigkeit. (Stefan Brändle aus Paris, 16.2.2020)