Lisa Nandy, Keir Starmer und Rebecca Long-Bailey (von links) kämpfen um die Führung der Labour-Partei. Jeremy Corbyns Schattenaußenministerin Emily Thornberry (ganz rechts) ist bereits ausgeschieden.

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Diese Woche landet schwerwiegende Post in mehr als 600.000 britischen Briefkästen: Die oppositionelle Labour Party verschickt die Stimmzettel zur Wahl ihres Führungspersonals. Mehr als eine halbe Million Mitglieder sowie etwa 100.000 registrierte Unterstützerinnen und Unterstützer werden jene beiden Frauen oder Männer bestimmen, die die alte Arbeiterpartei aus dem tiefen Tal ihrer schwersten Wahlniederlage seit 1935 führen sollen – jener vom Dezember 2019. Keine leichte Aufgabe, weshalb in den parteiinternen Bewerbungsrunden auch nicht gerade Begeisterung herrscht.

Am Wochenende stellten sich die übriggebliebenen Kandidaten – zwei Frauen und ein Mann – für den Parteivorsitz sowie ein halbes Dutzend Anwärter auf den vergleichsweise einflusslosen Vizeposten den Fragen hunderter Mitglieder. "Wenigstens wurde in kameradschaftlicher Weise miteinander gesprochen", berichtet ein Insider, der sich mit Schaudern an die letzte Vorsitzendenwahl im Sommer 2016 erinnert, als der weithin unbekannte walisische Abgeordnete Owen Smith die Galionsfigur der Linken, Jeremy Corbyn, herausgefordert hatte.

Keine Begeisterungsstürme

Wie die wichtigste Oppositionspartei gegen Boris Johnsons übermächtige konservative Regierung mit dem Erbe des 70-jährigen Altlinken umgehen soll, stellt das Kerndilemma der Wahl dar. Zwei der Bewerber tänzeln um das Problem herum, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Rebecca Long-Bailey, in Corbyns Schattenkabinett wirtschaftspolitische Sprecherin, wehrt sich zwar gegen das "respektlose" Label, sie sei die jüngere und weibliche Version des Chefs ("continuity Corbyn"); gleichzeitig teilt die 40-Jährige aber ungefragt mit, sie "liebe" Corbyn und würde ihn gern in ihrem eigenen Schattenkabinett haben.

Von Keir Starmer weiß man hingegen, dass er seinen Nordlondoner Wahlkreisnachbarn eher auf den Mond wünscht als in seine politische Nähe. Da der glänzende Jurist, 57, einst als Leiter der englischen Staatsanwaltschaft von der Queen zum Ritter geschlagen, aber unter Corbyn Labours Brexit-Linie bestimmte, kann er Kritik am Chef schlecht allzu deutlich machen. Im Gegenteil – im innerparteilichen Streit formuliert Sir Keir dezidiert linke Positionen, versucht also die Corbyn-Fans für sich einzunehmen. Das mache er nicht aus Opportunismus, beteuert eine Beraterin: "Er gehört zur Linken in der Partei."

"Er ist kein Politiker"

Ganz gewiss hat sich Starmer einen guten Ruf als Kenner des Brexit-Dossiers erarbeitet und ist damit gewappnet für die zukünftigen Auseinandersetzungen mit der Brexit-Regierung, die dieser Tage erneut auf einen Konflikt mit der EU zuzusteuern scheint. Freilich wirkt der Vater zweier kleiner Kinder noch immer sehr hölzern, "ein Jurist in der Politik, kein Politiker", wie ein Beobachter sagt.

Unbelastet von der Corbyn-Ära geht die Hinterbänklerin Lisa Nandy ins Rennen. Die 40-jährige Tochter aus altem Labour-Adel vertritt den Wahlkreis Wigan bei Manchester im Unterhaus und bezieht aus ihrer Detailkenntnis solcher Städte ihre Glaubwürdigkeit. Denn während die Sozialdemokraten in den Ballungszentren von London, Manchester und Liverpool stark geblieben sind, liefen ihnen in Städten wie Wigan, Luton oder Bishop Auckland die Wähler scharenweise davon. Das lag einerseits gewiss an der unklaren Brexit-Politik – mit der inhaltsarmen Klarheit Johnsons konnte Starmers feinziselierter Kompromiss nicht konkurrieren. Es lag aber vor allem an der Person des Vorsitzenden, den gerade schlechter ausgebildete, um Job und Wohnung bangende Briten als unpatriotisch und zur Führung ungeeignet wahrnahmen.

Furiose Rede

Nandy machte vergangene Woche Furore mit einer fulminanten Rede vor der jüdischen Labour-Gruppierung: Ein für alle Mal müsse die Partei mit dem schwelenden Antisemitismusproblem aufräumen, das unter Corbyns Ägide zu einer Untersuchung durch die unabhängige Menschenrechtsbehörde EHRC geführt hat.

Er werde für Nandy stimmen, sagt der langjährige Londoner Labour-Aktivist John Biggins, wenn ihm auch die rechte Begeisterung fehle. "Alle drei versprechen das Blaue vom Himmel herunter, das ist ja nicht realistisch." Das Ergebnis soll Anfang April feststehen. (Sebastian Borger aus London, 18.2.2020)