Kein Fleisch! Keine Suppe auf Fleischbasis. Nur wer fastet, ist ein guter Christ. Kurfürst Maximilian warf diejenigen, die diese Regeln nicht einhielten, im 17. Jahrhundert ins Gefängnis. Oder die Fastenbrecher wurden an der Schandsäule auf dem Marktplatz angebunden.

Die Historikerin Ingrid Haslinger beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem kulinarischen Erbe in unseren Breitengraden und stellt an erster Stelle klar: "Früher gab es über das Jahr verteilt 150 Fastentage und nicht nur die 40 zwischen Aschermittwoch und Ostern."

Da bekommt Fasten gleich einen noch fahleren Beigeschmack und die Tricks, die sich insbesondere der Klerus hat einfallen lassen, stoßen vielleicht auf Verständnis. Was ist ein mittelalterlicher Mönch auch wirklich ohne sein Bier? Schon damals war es so, dass es offizielle Anlässe gab und zeitgleich Schummeleien, die wiederum niemand thematisierte. Was nämlich ein hungriger Habsburger in seinen Privatgemächern nach dem Staatsmahl zu sich nahm, sei schließlich schon damals Privatsache gewesen, sagt Haslinger.

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Nicht gerade Low Carb

Heutzutage dient das Fasten meistens der Entschlackung, der Reinigung von innen. Für diesen Zweck wäre die Fastendiät von damals mit dem Ziel, auch fleischlos üppig zu essen, ohnehin nichts gewesen. Die Erbsensuppe als Ersatz für Fleischsuppe, angesetzt aus getrockneten Erbsen und verfeinernde Komponente in so ziemlicher jeder fasttäglichen Sauce, ginge ja noch, aber beim Erdäpfelsalat hört es sich dann schon wieder auf mit Low Carb.

Gar nicht gerne höre Haslinger, wenn das gezuckerte Dressing als Erbe der Fastenzeit betitelt werde. "Das ist kein Wiener Rezept, sondern eine Notfallslösung aus der Nachkriegszeit." Das war ein Trick, um den damals kaum essbaren Essig zu kaschieren. Einen kleinen Auszug aus den besten Tricks des Klerus einige Jahrhunderte zuvor lesen Sie hier.

Altes Bier schmeckt nicht

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Die Fastenzeit nahte, die Mönche bangten um ihr Bier, das zur damaligen Zeit nicht nur als Energielieferant, sondern auch als wichtige Flüssigkeitszufuhr fungierte. Seit 1651 brauten die Mönche im Münchner Kloster Neudeck ob der Au zur Fastenzeit zu Ehren des Ordensgründers ein besonderes Bier. Ein Starkbier, das noch mehr Energie lieferte.

Schließlich war Bier eine Causa von "Liquida non frangunt ieunum – Flüssiges bricht das Fasten nicht". Überhaupt seit eine Bierprobe für den Papst nach Rom gelangte. Bis das Bier den langen Weg zurückgelegt hatte, war es untrinkbar, und der Papst meinte, "wenn sie dieses grausliche Gesöff haben wollen, so sollen sie doch".

Oberflächlich

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Alles, was an Land kreucht und fleucht, geht nicht als Fastenspeise durch. Das beschloss Papst Gregor schon im 6. Jahrhundert. Anders verhält es sich mit Getier, das unter Wasser haust. Fische und Krebse aller Art tun dies ja tatsächlich.

Die Hühner, Schweine und sogar Hirsche, die in den klösterlichen Brunnen ertränkt wurden, um somit laut klerikaler Definition zu den Unterwassertieren zu gehören, bewegten sich zu Lebzeiten über Wasser. Einige Klöster verboten den grausamen, ausufernden Fastentrick, Tiere im Brunnen zu töten. Sogar Taufen für Schweine, die nach der Feierlichkeit den Namen "Fisch" trugen, soll es gegeben haben.

Fastenschmarrn

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Die österreichische Tradition der süßen Hauptspeisen sei auf die Fastenzeit zurückzuführen, sagt die Historikerin Ingrid Haslinger. Anders als in Italien, wo das religiöse Fasten seinen Ursprung hat, sei es in Österreich und Bayern nicht so einfach gewesen, die Hauptspeise mit Fisch zu bestreiten. Die Meeresnähe fehlte.

Stärkung musste trotzdem her, und so etablierten sich Kaiserschmarrn, Marillenknödel und Co als formidable Fastenspeisen. Ein ähnliches Problem ergab der Verzicht auf Butter und Schmalz. Während die Italiener auf pflanzliches Olivenöl zurückgriffen, blieb die österreichische Fastenküche fettfrei, bis die Kirche diese Regel Mitte des 16. Jahrhunderts lockerte.

Schokoladentour

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Die Schokolade von damaliger Qualität war für lange Seewege nicht geschaffen. Zum Glück für alle Schokofreunde, die sich an die Fastenregeln halten wollten. Denn Papst Pius V. beschloss 1569: "Schokolade bricht das Fasten nicht." Ähnlich wie es sich mit dem Bier verhielt, erging es der Schokolade, die man damals noch hauptsächlich in flüssiger Form konsumierte.

Denn die ranzige Masse, mit der Bruder Fra Girolamo di San Vincenzo nach Monaten der Reise von Mexiko bis nach Rom beim Papst antanzte, erschien dem Oberhaupt der Kirche kein großer Verzicht zu sein. Wer wirklich nicht ohne diesen Schleim konnte, der durfte ihn also auch während der Fastentage haben. (Nina Wessely, RONDO, 29.2.2020)