Albert Rothschild, Familienoberhaupt der vierten Wiener Generation, war nicht nur der reichste Mann Europas, sondern auch ein Könner im Wiener Eislaufverein, um 1890 Treffpunkt der Schickeria.

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Die Rothschilds sind längst aus Wien verschwunden und wurden doch zum Politikum: Am Donnerstag fechten die Erben der Familie mit dem Magistrat vor Gericht die Frage aus, wer die Kontrolle über eine Rothschild-Stiftung – das Krankenhaus am Rosenhügel – haben soll. Roman Sandgruber lässt sich den Prozessbesuch nicht entgehen. Der renommierte Historiker hat auf Basis bis dato unbekannter Quellen ein Werk über die Geschichte der Dynastie geschrieben, das 2019 das Wissenschaftsbuch des Jahres wurde.

STANDARD: Um das Erbe der Rothschilds in Wien tobt eine Debatte, die in gegenseitigen Vorwürfen von Gier und Antisemitismus gipfelt. Warum elektrisiert dieser Name heute immer noch so?

Sandgruber: Es gab es in der ganzen Geschichte der Menschheit wohl nie einen Familienverband, der bezogen auf das Niveau der jeweiligen Zeit reicher war. In Österreich waren die Rothschilds über 150 Jahre die mit Abstand wohlhabendste Dynastie – sie hatten zehnmal mehr Vermögen als die zweitreichste Familie der Habsburgermonarchie. Daraus entsprangen viele Mythen, Verschwörungstheorien und Klischees, die zum Teil bis heute in den Köpfen überlebt haben. Wer zur Hochblüte des Hauses, Ende des 19. Jahrhunderts, über Kapitalismus, Unterdrückung, Monopole, Freimaurer schimpfen wollte, brauchte nur einen Namen sagen: Rothschild. All das wurde natürlich von dem in allen Lagern verbreiteten Antisemitismus befeuert.

STANDARD: Tatsächlich waren seinerzeit fast 60 Prozent der 1.000 einkommensstärksten Wiener Bürger Juden. Wie kommt das?

Sandgruber: Juden war im 19. Jahrhundert der Zugang zu den hochangesehenen, traditionellen Berufen verwehrt, sie durften weder ein Handwerk ausüben noch Beamte werden – ein Jude als Richter war undenkbar. Also versuchten sie sich in den freien Berufen, in der Geldwirtschaft, in der Industrie: alles Zweige, denen letztlich die Zukunft gehörte. Weil Juden oft zur Wanderung gezwungen waren, verfügten sie über ein internationales Netzwerk und beherrschten mehr moderne Sprachen, während katholische Akademiker halt Griechisch und Latein konnten. Außerdem zeichnet Minderheiten oft das Bestreben aus, Erfolgsnachweise zu erzielen.

STANDARD: Wie wurden die Rothschilds so besonders reich?

Sandgruber: In Frankfurt, woher die Familie stammt, stiegen sie in den Handel mit Kolonialwaren ein – da wurden sie Profiteure der Industrialisierung in England. Besonders nutzten ihnen die napoleonischen Kriege: Sie haben mit dem Transfer englischer Hilfszahlungen trotz Napoleons Kontinentalsperre sehr viel riskiert, aber auch sehr viel gewonnen. Die Rothschilds finanzierten mit Krediten Adelshäuser und mit Staatsanleihen die Monarchie, stiegen von der Zuckerfabrik bis zum Eisenwerk zu Großindustriellen auf. Sie bauten die Nordbahn, die ein Monopol über die Kohleversorgung Wiens eröffnete, und gründeten die Creditanstalt als weitaus größte Aktienbank der Monarchie.

Der Historiker Roman Sandgruber über die Stellung der Rothschilds in der Gesellschaft: "Wer über Kapitalismus, Unterdrückung, Monopole, Freimaurer schimpfen wollte, brauchte nur einen Namen sagen: Rothschild."
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STANDARD: Der sozialdemokratische Vordenker Otto Bauer konstatierte, Österreich werde nicht nur von den Habsburgern regiert, sondern auch von den Rothschilds.

Sandgruber: Für das 19. Jahrhundert stimmte das. Da ist nichts ohne die Rothschilds gegangen, wenn es um die Wirtschaft und die Staatsfinanzen ging. Wirklichen Kontakt mit der österreichischen Gesellschaft hatten sie dabei aber nie, dafür standen sie ihrem Selbstverständnis nach zu weit über allen anderen – das gilt selbst für jüdische Mitbürger. Mit der ebenfalls superreichen Familie Ephrussi etwa waren die Rothschilds über ihren französischen Zweig verschwägert, dennoch waren die Ephrussis bei ihnen in Wien nie zum Essen zu Gast.

STANDARD: Wie viel ist am Bild der ausbeuterischen Turbokapitalisten ohne soziale Ader dran?

Sandgruber: Das stimmt pauschal sicherlich nicht. Die Rothschilds waren natürlich Kapitalisten, haben aber auch sehr viel gestiftet und gespendet für wohltätige Einrichtungen aller Art – die damals 20 Millionen Kronen, auf heute umgerechnet 140 Millionen Euro, für das neurologische Krankenhaus am Rosenhügel in Wien sind mit ziemlicher Sicherheit die größte Einzelspende, die je in Österreich getätigt wurde. Die Strategien waren je nach Bereich unterschiedlich. Im nordmährischen Kohlengebiet galten die Rothschilds tatsächlich als Ausbeuter, in der Eisenwurzen hingegen, wo sie die großen Forste besaßen, genossen sie einen ungeheuer guten Ruf – was nicht verhindert hat, dass diese Gegend sehr antisemitisch wurde. Der Beschluss der schlagenden Burschenschaften, Juden auszuschließen, fiel nicht zufällig in Waidhofen an der Ybbs.

STANDARD: Die Rothschilds haben Metternichs Politik finanziert, sich gegen die Revolution von 1848 gestellt, die antidemokratische Heimwehr unterstützt. Standen sie stets aufseiten der reaktionären Kräfte?

Sandgruber: Im englischen Zweig gab es ein paar Kommunisten – Außenseiter, die eher aus der Familie gedrängt wurden. In Österreich gibt es keinen Hinweis, dass die Rothschilds auch nur die Sozialdemokraten unterstützten. Da regierte wohl schon die Überzeugung, dass der Sozialismus die bürgerliche Ordnung gefährde.

STANDARD: Dass sich die Sozialdemokraten an den Rothschilds rieben, ist folglich nachvollziehbar. Doch wie weit mischte sich auch da, wie bei den Deutschnationalen und Christlichsozialen, Antisemitismus in die Kritik?

Sandgruber: Die Sozialdemokraten haben den Antisemitismus zumindest benützt. Es ist ja auch beim christlichsozialen Führer Karl Lueger nur schwer einzuschätzen: War er ein echter Antisemit, oder benützte er nur das Klischee, um die Massen einfacher mobilisieren zu können?

STANDARD: Trotz der antisemitischen Tiraden haben die Rothschilds nach Luegers Tod für dessen Denkmal ordentlich mitgezahlt. Wie kommt das?

Sandgruber: Die beiden Seiten haben sich im Laufe der Zeit arrangiert, das zeigt die Doppelbödigkeit von Populisten. Beim Bau der Hochquellenwasserleitung gaben sich die Rothschilds gegenüber der Stadt Wien sehr großzügig.

STANDARD: Selbst für Theodor Herzl und die Zionisten war Rothschild ein Reizwort.

Sandgruber: Herzl hatte große Hoffnung in die Familie als Finanzier seiner Vision gesetzt: Sein Buch "Der Judenstaat" war ursprünglich als Rede an die Rothschilds konzipiert. Doch diese haben zwar viel für das Judentum getan, wollten aber keinen jüdischen Nationalstaat, sondern setzten auf Assimilation. So entstand zu Herzl eine bittere Feindschaft.

STANDARD: Warum ist Louis Rothschild, das Familienoberhaupt der fünften Generation, nicht rechtzeitig vor den Nazis geflüchtet?

Sandgruber: Louis Rothschild war am 10. März, dem Tag vor dem "Anschluss", in Kitzbühel, hätte es für die Flucht in die Schweiz also nicht weit gehabt. Trotzdem fuhr er nach Wien ...

STANDARD: ... und wurde prompt von der Gestapo verhaftet, eingesperrt und erpresst. Als Rothschild nach 14 Monaten in die USA ausreisen durfte, hatten ihm die Nazis das gesamte österreichische Familienvermögen abgenommen.

Sandgruber: Es war eine weitverbreitete Vorstellung, dass es unter den Nazis nicht so schlimm kommen werde. Ein beträchtlicher Teil der jüdischen Bürger hielt sich wegen ihrer wirtschaftlichen Stellung für unverzichtbar und unverletzlich – das galt besonders für einen Mann wie Louis Rothschild.

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb von den Rothschilds in Wien nicht viel übrig. Ihr Palais wurde 1955, wie das Foto zeigt, abgerissen – ohne Not, wie der Historiker Sandgruber sagt: "Es war eine Auslöschung."
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STANDARD: Warum ließ er sich 1955 trotz allem auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben?

Sandgruber: Er hing an Österreich und wählte in Amerika mit Vermont ja auch eine Gegend als Exil, die an das Alpenvorland erinnert. Meines Wissens ist er seit seiner Flucht vor den Nazis nie mehr als Lebender nach Wien gekommen – doch als Toter wollte er in die Gruft seiner Eltern. Die Verwandten haben das nie verstanden.

STANDARD: Sie orten auch nach dem Krieg noch Aversionen der österreichischen Institutionen gegen die Rothschilds. Inwiefern?

Sandgruber: Ich will das nicht antisemitisch nennen, aber was nach 1945 stattfand, war eine Auslöschung des Rothschild-Erbes. Die Arbeiterkammer etwa hat das Palais der Rothschilds in der Prinz-Eugen-Straße, ein Kulturdenkmal, einfach weggerissen und durch einen gesichtslosen Bau ersetzt – und behauptet in ihrer Dokumentation fälschlicherweise, dass der Bau schwer beschädigt gewesen sei. Oder denken Sie an die Rückstellung der Kunstwerke, bei der die Behörden die Ausfuhr der wertvollsten Stücke verhindert haben. Da hat sich die Republik erpresserisch verhalten.

STANDARD: Sie haben dem Wiener Sozialstadtrat Peter Hacker einen "nicht unbekannten Unterton" attestiert, als er in der aktuellen Causa mit Hinweis auf die niederösterreichische ÖVP gesagt hatte, da schaue die Gier aus den Augen raus. Glauben Sie, da haben antisemitische Vorurteile überlebt?

Sandgruber: Das will ich nicht unterstellen, vielleicht handelt es sich um eine unbeabsichtigte Äußerung. Aber dieses Bild der Gier wurde schon so oft gebraucht, dass es in jedem Zusammenhang mit den Rothschilds verhängnisvoll ist. Hacker will die niederösterreichische ÖVP angesprochen haben, aber die hat mit dem Gerichtsverfahren eigentlich nichts zu tun – die Kläger sind die Rothschild-Erben. Sein Satz ist also entweder unsinnig – oder aber doch antisemitisch. (Gerald John, 19.2.2020)