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Ist Deutschland reif für eine männliche Kanzlerin? In der CDU jedenfalls scheint man sich dessen gewiss zu sein. Mutig schreitet man bei den deutschen Konservativen in die neue Zeit. Anstatt, wie es sich gehört, der Angelas, der Ursulas und der Annegrets fordern nun die Armins, die Friedrichs, die Jens oder – jetzt neu – die Norberts forsch und laut ihren Platz an der Sonne ein.

In der CDU steht eine Zeitenwende an. Wer bei der unweigerlich näherrückenden Bundestagswahl zum ersten Mal ein Kreuz machen darf, hat noch nie einen Mann am Ruder der CDU erlebt. Dass einer Frau an der Spitze des wichtigsten EU-Landes längst kein exotisches Geschmäckle mehr vorauseilt, sondern biedere Normalität, ist Angela Merkels Verdienst.

Wer aber glaubt, Deutschland entpuppe sich nach zwanzig Jahren unter ihren Fittichen als geschlechtergerechtes Land und die CDU als Partei der Frauen, irrt gewaltig. Und das nicht trotz Merkel, sondern – zu einem großen Teil – wegen ihr.

Im alljährlich von der EU erstellten Gender Equality Index rangiert unser Nachbarland – ähnlich übrigens wie Österreich – nämlich ebenso alljährlich unter ferner liefen. Geschickt vermochte Merkels Raute zudem zu übertünchen, dass die Christdemokraten, sobald man das Kanzleramt verlässt, ein veritables Frauenproblem plagt.

Gewiss, auch so manchen Männern war in den zwanzig Merkel-Jahren keine allzu lange Halbwertszeit beschieden. Männern wie Friedrich Merz, der jetzt auf Rache sinnt. Einst CDU-Fraktionschef im Bundestag, weiß er ein Lied davon zu singen, dass es Großwerden nicht spielte unter "Mutti". Für Frauen dröhnt sein Lied freilich doppelt so laut.

Quotenstreit

Mag sich Merkel in Festreden noch so sehr als Kämpferin für Geschlechtergerechtigkeit gefallen, mag sie sonntags auch vehement paritätische Wahllisten fordern: In kaum einer anderen Partei haben es Frauen so schwer wie in der CDU. Nur auf 51 der 246 CDU/CSU-Sessel im Bundestag sitzen Frauen. Sieben Ministerpräsidenten stellen die Unionsparteien im weiten Land zwischen Bayern und Rügen – allesamt Männer.

Nur eine einzige CDU-Landespartei wird von einer Frau geführt: jene in Rheinland-Pfalz nämlich, wo Julia Klöckner unlängst in einem Interview freimütig einräumte, sie sei nur deshalb dort gelandet, wo sie gelandet ist, weil die CDU intern pflegt, wogegen sie nach außen eigentlich stets predigt – eine Frauenquote.

Als der Frauenverband Ende vergangenen Jahres freilich forderte, diese als verpflichtende Richtschnur einzuführen, anstatt wie bisher bloß als Empfehlung, wurde darüber nicht einmal abgestimmt. Und dass die CDU auch nach zwei Jahrzehnten Merkel im Kanzleramt keine Frauenpartei geworden ist, belegt ohnedies die Basis: Nur 26 Prozent der Parteimitglieder sind weiblich, Merkel hin, "AKK" her.

Neustart dringend nötig

Eine CDU ohne Merkel mag ihrer weiblichen Galionsfigur verlustig gehen. Aber auch ihres Feigenblatts. Ein Neustart, und sei es mit einem Mann an der Spitze, wird unweigerlich die geschlechterpolitischen Versäumnisse ans Licht bringen, die lange Jahre von Merkel bewusst oder unbewusst in den Schatten gestellt wurden.

Wer auch immer auf Annegret Kramp-Karrenbauer folgt, ob er Armin heißt, Friedrich, Jens oder Norbert, er wird die kriselnde Volkspartei für Frauen attraktiver machen müssen – allein schon aus Wahlkalkül, weil die CDU zuletzt von mehr Frauen als Männern gewählt wurde. Diesmal nicht von oben, sondern von unten. Warum das gelingen könnte? Because it’s 2020. (Florian Niederndorfer, 19.2.2020)